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Central-Verein-Zeitung · 1922-05-26 · 4 (26.5.1922) · p. Seite 56

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
4 (26.5.1922)
Date
1922-05-26
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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durch das höhere Prinzip in einer Verkleidungsszene und durch den Witz vom Fleisch ohne Blut symbolisiert werden? Dies sind offenbar Mittel, die nur eingesetzt — und zwar an entscheidender Stelle eingesetzt! — werden konnten, weil es viel leichtere Dinge zu bewegen galt, als jene, die Landauer meint. Auch ihn verleitet, wie meist in seinen geistreichen Shakespeare-Studien, eine ethische Leidenschaft, vom Wege des künstlerisch rein Gegebenen abzuweichen. Er spricht im Grunde mehr von dem Stück, das er gedichtet hätte, als von dem, was Shakespeare gedichtet hat. Es hilft nichts: um zu einer brauchbaren Lösung zu kommen, die wie alles Lebendige am Ende auch für unser ethisches Bedürfnis von hohem Wert sein wird, müssen wir uns rein ä st h e t i s ch einstellen, müssen wir alle Antipathien und Sympathien vergessen und durchaus nichts zu erkennen trachten als d a s W e r k S h a k e s p e a r e s. — Dieser Shakespeare, von dem wir wissen, daß er das Drama geschaffen hat, weil er als der erste die ganze Welt nur vom Menschen anzuschauen vermochte — —, das; er aber von diesem Drama zwei Grundvariationen gegeben hat: Heldendramen, die um einen mächtigen Menschen von naturnotwendiger Leidenschaft kreisrundherum Schicksalslinien ziehen, und Lustspiele, die Gruppen kleiner, innerlich müßiger, vom Zufall launisch bewegter Menschen in verschiedenen Farbenklüngen zu wohl abgetöntem Bild aneinander vorbei und durcheinander führen. Da ist nun zunächst keine Frage, daß wir im „Kaufmann von Venedig" den reinen Grundriß des Shakespeareschen Lustspiels vor uns haben; zwei verschieden gefärbte Handlungsstränge laufen nebeneinander her, zunächst nur ganz äußerlich miteinander verknüpft: der reiche Kaufherr Antonio hat eine völlig grundlose Melancholie, er „weiß nicht, was ihn traurig macht" — es ist Gram in Müßiggang, wie „Lieb im Müßiggang" im „Svmmernachtstraum" herrscht! — eine rechte Shakespearesche Lustspielstimmung, die durch einen wirklich begründeten Schrecken zu vernünftiger Heiterkeit geheilt werden soll. Dieser Antonio knüpft nun die düstere und die heitere Handlung zusammen. Er ist reich, aber da sein ganzes Gut zurzeit auf der See schwimmt, leiht er von dem Juden Geld, damit sein Freund Bassanio als Freier der schönen Porzia nach Belmont fahren kann. Nun baut sich völlig parallel immer heller und heiterer das Spiel in Belmont auf: nach dem Willen des Vaters will Porzia dem angehören, der von drei Kästchen das rechte wählt. Und so gibt es eine Reihe von Freierszenen, an deren Ende schließlich Bassanio der Beglückte ist. Diese hell hinspielenden Auftritte aber wechseln nun ständig ab mit den Vorgängen in Venedig, die sich immer dunkler gestalten: die Tochter des Juden ist unter Mitnahme vieler Kostbarkeiten mit einem anderen Freund des Antonio entflohen. Sein Zorn ist damit aufs höchste gereizt. Die Schiffe des Antonio aber werden eins nach dem andern verlöret; gemeldet, so daß die Gefahr seiner Zahlungsunfähigkeit mehr und mehr wächst. Schließlich ist der Schein verfallen, und zur selben Zeit, da Bassanio als der beglückte Freier vor Porzia tritt mit den; Zettelchen in der Hand, das er im rechten Kasten fand, und das ihm einen Kuß von der Braut verspricht, zur selben Zeit, da Bassanio sich Porzia zuneigt: „Ich komm' auf Schein zu geben und zu nehmen" — da tobt Shylock gegen den bereits verhafteten Antonio: „Ich will den Schein, nichts gegen meinen Schein!" —-Kein Zweifel, das; dieser wundervolle Parallelbau der ersten drei Akte vollkommen dem Wesen des Shakespeareschen Lustspiels entspricht. Ganz offenbar handelt es sich darum, eine nur scheinbare Gefahr lachend aufzulösen, eine leichte List wird genügen, um all dies Dunkel aufzuhellen. DaS muß im vierten Akt geschehen, damit dann im Schlußakt nach dem festen Brauch der Shakespeareschen Lustspiele nichts als festliche Heiterkeit, glückseliges Wandeln versöhnter Paare zu schauen sei. Aber dazu ist es nötig, daß der Träger der Finsternis in diesem Stück — ganz wie Zettel im „Sommernachtstraum", Malvolio in „Was Ihr wollt", Don Juan in „Viel Lärm um nichts", Caliban im „Sturm" — ein Narr, ein Trottel, ein Untier sei, kurz, irgendein Wesen, an das wir keine Gefühle wenden, dessen Niederlage uns nicht wehtut. Und zweifellos war der Shylock so und nicht anders gemeint. Shakespeare, der vielleicht am Hofe der Königin einen einzelnen jüdischen Arzt, aber die Juden als Menschenklasse ganz gewiß nicht kannte, hatte weder Veranlassung noch Möglichkeit, sich mit irgendetwas wie einer Judenfrage zu befassen. Er war ziemlich bestimmt von der mittelalterlichen Tradition getragen, daß Juden eigentlich keine Menschen sind, und glaubte gerade deshalb einen Juden als dunklen, beliebig wegzuwischenden Fleck in der Malerei seines Lustspiels so gut brauchen zu können, wie den blödsinnigen Zettel oder das Halbtier Caliban. Aber ebenso zweifellos, wie Shylock ursprünglich durchaus als leichte Lustspielsigur gemeint wird, ebenso zweifellos ist es, daß er es nicht blieb, und daß Shakespeares Genie während der Arbeit erst die für ihn völlig überraschende Entdeckung machte, daß Juden Menschen sind. Er nahm 'die traditionelle Gestalt deS wucherischen Handelsjuden, der nun in Bosheit gegen seine christlichen Konkurrenten verhärtet ist. Aber das Gefühl für die tiefe fchicksalsmäßige Bedeutung alles Menschlichen saß schon zu Uef in Shakespeares Innern, als daß es ihn nun nicht auf die Spur hätte bringen sollen, wie solche Bosheit zu verstehen und wie ihr Ursprung nachfühlbar zu machen sei. So wird fast von der ersten Szene an Shylock ein Mensch, in dem sich eine ungeheure Summe von Mißhandlungen und Bedrückungen zir gefährlichem Zündstoff aufgehäuft hat. Er wächst durch die Kraft seines Gefühls vor uns an, er ist ein Mensch, der sein Haus, der seine Tochter . liebt, und er nniß leiden, wenn inan sie ihm raubt. Und schließlich erhebt er sich in einer ungeheuren Rede: „Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Zup HautpfleCfe'Körperpflege'Schönheftspflege Zur Babypflege> für hhfläge ‘fürSporisieutepusi WZ POSIZELLAÜ-BÄR FRANKFURT a. M. STIFTSTRASSE 8-10. FEINES SPEZIALHAU'S FÜR GLAS, PORZELLAN UND KÜCHENGERÄTE. GESCHENKARTIKEL. ■Pfllästlnn-Exmiri' Vertrauenswürdiger Kaufmann, Mitte Dreißig, der irr einigen Monaten nach Palästina übersiedelt, Zurzeit in Berlin, übernimmt Vertretungen leistungsfähiger Firmen oder Verbände, insbesondere des Baugewerbes. Offerten unterE.R. 1753 befördert Rudolf Moffe, Berlin, Moritzplatz. Stellenangebote finden durch die „C.V.-Zeitung" weite, Zweckentsprechende Bekanntgabe. bei Besitz-, Nachlass-u, Einkommensteuer Stattgaitsr tMMMlliWlM a. ü. Alte Stuttgarter Grösste europäische Lebensvers.-Ges. a. Geg. .L: 2,7 Milliarden Mark. 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