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Central-Verein-Zeitung · 1922-05-26 · 4 (26.5.1922) · p. Seite 55

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
4 (26.5.1922)
Date
1922-05-26
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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Eodculn legte er kurz die Bc-dttM-ng-der Ja.eo^on-.Schul-e in Ber.gMrg.enheit und Mgemoart -dar. Der Gründer der AnsKrlt habe, erfüllt vom Geiste und der Welt/.nschammg unserer Klassiker, vor 120 Jahren eine Stätte wahrer Humanität und wahrer religiöser Duldsamkeit geschaffen. Dieses Vermächtnis aus großer. Zeit habe unsere nicht minder bewegte Zeit übernommen und das frühere Bildungsidea'L durch das des sozialen- Ausgleichs und der sozia-len Versöhnungzu. ergäuz-en gesucht. Die Worte des .LandesWulrats fändenin einer längeren Rede deS Direktors, die Wert, Bedeutung und Weiterentwicklung der Jacobson-Schule behandelte, ihre Ergänzung und Fortsetzung. Israel Jacobson, ein Manu mit warmem Herzen und weitern Mick, nuf den sogar ein Goethe hingewie.sen, und der si>v auch große Verdienste um den braunschweigischen Staat erworben habe, sei der Gründer der Jacobson-Schule (Industrieschule) gewesen und habe Zunächst seine jüdischen Mitbürger zu deutschen Staatsb ü r g c x n erziehen wollen. Geist der Aufklärung, des Phi-lau- Ihropismus und des Weltbirrgertuurs, der von Friedrich dem Großen und Lessing ausgegangen sei/habe die Schule geboren. Zum Schluß gab der Redner dern Landesschulrat das Gelöbnis der Treue zum demokratischen Staate. Es läßt sich denken, daß das Kuratorium die Schule, deren Gründer auch in der Geschichte der deutschen Juden keine unbedeutende Rolle spielt, nicht, ohne sich gewisse Rechte zu sichern, übergeben hat. Die „staatliche Realschule nebst Schülerheim lehem. Jacobson-Schule)" ist keine Konfessionsschule, sondern eine anerkannte Simultanschule, und der Staat hat die dauernde V e r p f l i ch t u n g, s ü r d e n R eligions it u terricht a w ch d e r j ü d i s ch e n Schüler S o r g e z u t r a g e n. Das Kuratorimn hat das Vorschlagsrecht für den Direktor und die jüdischen Lehrkräfte, das Anrecht auf fünf Freistellen im Schüle'cheim und außerdem das Befetzungsrecht so vieler Steller-, wie es bezahlen kann. So ist die ehemalige Jacobsou-Schllle wie kaum eine andere staatliche Schule im ganzen deutschen Reiche mit Rechten, die den deutschen Juden zugute kommen, ausgestattet. Es wird an der jüdischen Bevölkerung Deutschlands liegen/von diesen Rechten Gebrauch (;u machen. AnIrrepttbLikarUschc und antisemitische Theatervorstellungen« Das Schloßparktheater in Steglitz hatte einige Ausführungen des Schauspiels „Karte" von Hermann Bnrte sowie des Schauspiels „Schill" an gezeigt, und zwar in der üblichen Form der Theaterbekauntmachungen, so daß jeder Besucher glauben mußte, daß diese Borstellungen von der bisherigen Direktion abgehalten wurden. Beim Betreten des Theaters wurden innerhalb der Theaterrämne F L n g b l ä L L e r und Z e i t s ch r i f t e n des „Bundes der Aufrechten" den Besuchern in die Hand gedrückt. Diese Flugblätter hatten einen stark antirepubliranischen und teilweise antisemitischen Inhalt. Auch lagen „monarchistische^ und „völkische" Bücher zum. Verkauf ans. Wie sich dann herausstelltc, veranstaltete diese Theatervorstellung der „Bund der Aufrechten", der seinem Namen offenbar durch Benutzung solcher Schleich/ und Schmuggelwege Ehre au machen glaubt. Denn das Verfahren, ahnungslosen, zahlenden Theaterbesuchern, statt Kunst reaktionäre Politik aufzutischen, kann mit dem Begriff eines „ausrechten Mannes" kaum vereinbart werden. Es erscheint äußerst notwendig, daß das Berliner. Polizeipräsidium sich mit der Frage beschäftigt, auf wessen Konzession diese Vorstellungen gespielt wurden. * Die semitische Herkunft des Hakenkreuzes. Das Hakenkreuz wurde 1866 von E. Rapp, Bonn, inseiner Schrift „Labarum und Sonnenk-uttus" mit dem Ausdruck „Phönizischer Than" bezeichnet und ist von den Phöniziern ans Münzen- und Basen angebracht worden. (Bergt. R. Rosette, „Croix ansee" Mein, de FAeademie.) Ferner ist das Hakenkreuz auf allen Münzen der erst phönizischen, später jüdischen Stadt Gaza in Palästina, teilweise in prachtvoller Form, zu sehen. Anscheinend ist es ein Sonnensymbol, als das es anch in der „Numis-nu Ehron. IV (London 1880) angesehen wird. — Was sagen die Deutsch-völkischen dazu? Der „christliche" Regier mrgskurs in Ungarn. Tie Urheber des jüngsten Bombenattentats, dem , nenn Juden zum Opfer fielen, ' sind von der Budapester Polizei immer noch nicht entdeckt, obwohl jedes Kind ihre Namen kennt. . Sie lachen sich ins Fäustchen und setzen hachAllrgromtreibenfort. So fand Magst in der Budapester Synagoge in' der.Rombachgasse während der Predigt des Rabbiners Adler in der Vorhalle eine Explosion statt, in deren Folge sich ein Brand ausbreitete, der jedoch bald lokalisiert werden konnte. Durch polizeiliche Untersuchung wurde sestgestellt, daß Mitglieder des Bundes der „Erwachenden Magyaren" heimlich in den Tempel eingedrungen waren und das Oel aus d e n T o t e n l a m pen d u r ch B e n z in ersetzt h atte n. Daß der Anschlag in der Vorhalle geschah, weist darauf hin, daß die Attentäter es darauf anlegten, den jüdischen Andächtigen den Weg abZuschnerden, damit sie m den Flammen mnkommen. — Die Regierung des Grasen Bethlen tut zwar gelegentlich so, als verurteile sie derartige Untaten — die offiziell dann stets „bedauerliche Zwischenfälle" Qenmmi? werden — aber ihre wahre Gesinnung geht besser aus der folgenden. Budapester Meldung hervor: Der Emerns clausU8 hat sich nun auch auf das Theater geworfen. Im Sinne einer Verordnung des Uuterrichtsmimster Vasz — der katholischer Priester ist! — wurde heute den jüdischen Mitgliedern des unter staatlicher Verwaltung stehenden -Ltadttheaters die Kündigung übersandt. Unter den Entlassenen befindet sich auch der Musikdirektor Desider Mark u s. Wie lange wird Europa düesenr- Treibennoch zusehen? Die neue Ägyptische Konstitution. Die von der Regierung ernannte Unterkommission zur Vorbereitung einer Konstitution für Aegypten hat die hauptsächlichsten Grundsätze durchbernten und angenommen, die die bürgerlichen und politischen Rechte der Einwohner Aegyptens sichern sollen. Diesen Grundsätzen zusolge sind Leben und Freiheit aller Einwohner Ägyptens ohne Unterschied der Geburt/ Sprache, Religion, Rasse und Nationalität, durch die Konstitution - garantiert, ebenso die vollständige Freiheit aller Religionen und Bekenntnisse. Jeder Staatsangehörige von -Aegypten-ist vor dem Gesetz gleichberechtigt und hat das Recht, die Sprache zu gebrauchen, die -ihm zusagt. Aegyptische Staatsangehörige, die mit Bezug aus Rasse, Sprache oder Religion zu einer Minorität gehören, haben das Recht, ilpc e i g e n e n religiös e it u n b sozialenI n st i t u 11 o n c n zu schassen, ebenso ans eigene Kosten erhaltene Schulen, in denen sie in ihren eigenen Sprachen unterrichten. Das Gerechtigkeitsgefühl des ,Miesbacher Anzeigers". Dieses famose Blättchen bringt in seiner Nr. 97 eine Notiz über die Verurteilung eines Bauern wegen Ueberschreitung der Höchstpreissätze für Heu, dem das Schöffengericht Miesvach 14 Tage Gefängnis und 30 006 Mark Geldstrafe zuerkannt hatte. Ter Einsender der Notiz verurteilt nun nicht etwa den Angeklagten, sondern die beiden dem Bauernstand entnommenen Schöffen und fordert Revision des Urteils. Der „Miesvacher Anzeiger" entschuldigt das Vethalten des Angeklagten damit, daß dieser bei dem Geschäft 4 00 0 0 0 M a r k m e h r h ü t t c cinn e h m e n k ö n n e n, w c u it e r mit dem Verkauf n och e in i g e M o n a t e ge w a rt e t hätte, und verzweifelt aus diesem Grunde au der Gerechtigkeit. < u illeton Das Shplock-Problem. Von Julius B ab. In Shakespeares „Kaufmann von Venedig" haben wir den an sich wohl nicht seltenen, aber in solcher Reinheit und Stärke doch sonst wohl kaum erlebten Fall, daß eine ästhetische Diskussion durch einen anßerkünstlerischen, sozialen, ethischen Anteil bis zur Unlösbarkeit verwirrt und verschoben ist. Diese Komödie ist nächst dem „Hamlet" wohl Las am meisten erörterte, das am meisten umstrittene Werk Shakespeares, aber der Streit dreht sich immer wieder vor allen Dingen um Shhlock den Juden — den Juden, der ans Grund eines verfallenen Schuldscheins aus dem Leibe des Kaufmanns Antonio ein Pfund Fleisch schneiden will, und der durch die Auslegung der als Richter verkleideten Porzia, er habe auf Fleisch, aber nicht auf Blut Anspruch, entwaffnet wird. — Hier setzt nun die ganze begreifliche Leidenschaft von Judensreunden und -feinden ein, denen daran liegen muß, mit Shakespeare einen der größten Geister der Menschengeschichte zum Gewährsmann zu haben. Die einen berufen sich darauf, daß hier unverkennbar ein Lustspiel vorliege, in dem eine tragische Figur keinen natürlichen Platz habe, und daß Shhlock für Shakespeare also nur ein groteskes Scheusal, ein Popanz, ein lächerlicher Unhold gewesen sei, die in seinem Lnstipiel übliche, menschlich belanglose Kontrastfigur. — Die anderen berufen sich auf die Worte-und Wendungen, die der Dichter diesem Shhlock doch zweifellos geliehen hat und die ernsteste menschliche Leidenschaft atmen, und finden hier deshalb in Shhlocks Verbrechen und Niederlage eine echte Tragödie — die Tragödie eines Menschen, der durch Mißhandlungen zu Unmenschlichem gereiz/ wurde. Diese Partei geht nicht selten so weit, aus dem L-tück ein soziales Tendenzftück zu machen, das für die Juden oder gar für die Proletarier überhaupt eintrete und sich mit Bitterkeit und Hohn gegen die strahlend heitere Welt des venezianischen Adels — diese Schmarotzer! — wendet. Beide Parteien suchen natürlich ihr Recht dadurch zu erweisen, daß sie nun das ganze Stück in ihrem Sinne anszudeuten,.es als notwendige Folge ihrer Grundausfassung darzustellen versuchen. Und dabei erleiden alle innner wieder S ch i s f b r n ch! Die ganze große Shakespeare-Literatur, die in Büchern, Essays und Tageskritiken immer wieder den Versuch gemacht hat, in einer dieser beiden Auffassungen den „Kaufmann von Venedig" als ein einheitlich geformtes Kunstwerk zu begreifen, ließ immer wieder ungelöste Reste. Zuletzt hat noch Gustav Landauer in seinem prachtvollen Shakespeare-Werk versucht, in diesem Gedicht einen planvollen Hinaufweg vpn der düsteren Gestalt des ganz im Stoff befangenen amusischen Shhlock („der Mann, der nicht Musik hat in sich selbst") zu der völlig harmonischen Heiterkeit von Belmont, von Porzias Reich, zu zeigen. Aber dieser schönen Idee, die aus dem „Komm, Jessika!" das Leitmotiv des Gedichts machen möchte, widerspricht doch allzuviel in dem künstlerischen Material: war hier von vornherein ein großer innerer Kontrast, eine innerliche Ueberwindung, ein menschlicher Aufstieg gemeint, wie war denn Jefsikas rohe Entführung mit allen Listen des Betrugs— und mit dem Juwelendiebstahl! — ein geeignetes Mittel? Und wie könnte die Ueberwindung des niederes

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