Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 4 (26.5.1922)
- Date
- 1922-05-26
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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57 Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mt derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sonuner als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?" — Man muß jedem Gefühl für das eigentliche Dichterische, für die rhythmische Gewalt der Wortordnungen fern sein, um noch behaupten zu können, der Sprecher solcher Worte sei noch eine groteske Komödienfigur ohne ernsten Anspruch aus unser Mitgefühl Nein — der sinnlose, und deshalb lachend zu erledigende Bösewicht des Lustspiels ist verschwunden und an seine Stelle ist ein Mensch von tragischer, das heißt in einem tiefen Sinne als notwendig erkannter Bosheit getreten. Der Wille Shhlocks bleibt so ruchlos wie zuvor, aber das Gefühl, daß er mit Schicksalsnotwendigkcit zu dieser Ruchlosigkeit , kommen mußte (daß nicht der Shakespearesche Lustspielgeist der „Lieb- oder auch Bosheit im Müßiggang" heißt, hier noch leitend ist!), das Gefühl bewirkt, daß die Gestalt des ^nden eine Größe erhält, die uns tragisch erschüttere — und die den Bau des ganzen Lustspiels sprengt! Denn nun wird klar, daß dem unlösbaren Streit der Meinungen über dies Gedicht tatsächlich k ü n st e r i s ch e Uritz e l ö st h e i t e n i m G e d r ch t s c l ö e r zugrunde liegen. Das unvermutete Anwachsen der Shylock-Eestält ins Pathetische wirft die Dichtung vom vierten Akt an aus der klar vorgezeichneten Bahn: Die List der Porzia, ihr Urteilsspruch, der eigentlich in einem Wortwitz gipfelt (das Recht auf Fleisch gebe noch kein Recht auf das in den Adern fließende Blut!) — das alles war ein vollkommen ausreichendes Mittel für ein rechtes Lustspiel. Ein Narr, ein bloßer Poseur der Bosheit, oder auch ein ganz unmenschliches Untier, die durften mit solchen lustspielleichten Mitteln ans dem Wege geschafft werden. Sie zu. widerlegen war kein ernstes Argument nötig, denn sie waren in ihrem ganzen Wesen durch die Form, die Stimmung des Lustspiels schon von vornherein widerlegt. Ihre Bosheit hatten wir als irgendwie gefahrbringend von vornherein nicht für ernst genommen. Statt dessen steht jetzt ein Mensch da, den ein furchtbares Schicksal zu diesem gräßlichen Traum von Rache geführt hat — und den soll ein Verkleidungsscherz und ein Wortwitz auf dem Höhepunkt seiner Bahn Niederschlagen? Dagegen sträubt sich unser Gefühl, auch wenn die Porzia eine not!)1 so schöne Rede über das höhere Recht der Gnade hält. Denn keine juristische Tüftelei kann uns darüber täuschen, daß hier nicht die höhere Macht der Gnade das blutige Buchstabenrecht des Juden besiegt — was wir gewiß mit größter Genugtuung empfinden würden! — nein hier hat eine ganz spielerische List einen sehr ernsten Mann betölpelt. Es ist nicht daran zu drehen und zu deuteln, was der große Jurist Rudolf Jhering sagt, bleibt bestehen: Shhlock ist in der Tat um sein R e ch t b e t r o g e n. So haftet seiner Niederlage zunächst etwas Peinliches an, was der reinen Wirkung des Lustspiels nicht günstig ist. Am Ende aber ist die Gestalt doch so groß, daß ihr Zusammenbruch uns nicht weniger erschüttert, als der des großen Verbrechers Macbeth etwa. Und so erwächst für den fünften Akt ein unlösliches Theaterproblem. Shakespeare hat im reinen dichterischen Sinne kaum etwas Schöneres geschrieben als diesen fünften Akt: Der Kampf ist ja eigentlich zu Ende; nur noch die kleine Nebenhandlung von den Ringen, die die als Richter verkleideten Frauen ihren Männern abnahmen, bleibt aufziilösen. Aber nun ist Mondnacht im Parke von Belmont. Jesstlä, des Juden zu heiterer Freiheit erlöste Tochter, und Lorenzo, ihr Liebster, scherzen miteinander; Musik ertönt und die herrlichsten Worte werden gesprochen zur Feier ihrer, alles Schwere und Dumpfe zu himmlischer Leichtheit lösenden Macht. Und dann kommen die Paare zurück aus Venedig und alles ordnet sich in fröhlicher Erkenntnis zu festlicher Heiterkeit. — Aber so wunderschön das alles ist, — aus der lebendigen Bühne wird immer nur diese Wahl bleiben: entweder, der mächtige vierte Theaterakt hat uns so erschüttert, daß wir für die friedvolle Heiterkeit dieses Schluffes nicht mehr empfänglich sind, oder der Darsteller des Shhlock ist hinter den menschlichen Möglichkeiten der Gestalt so weit zurückgeblieben, daß tragische Erschütterungen nicht zustande kommen; dann steht der reinen Auswirkung des Schlußaktes nichts im Wege, aber dafür bleibt dann der größte menschendarstellcrischs Schatz der Dichtung eben ungehoben. Ich glaube also, daß sich hier, wie so oft in der Geschichte der Wissenschaften, eine uralte Rätselfrage durch den Nachweis ■——ml.um ..min Hermann Wronker A.-G. Frankfurt a. M. Modernes Marenhaus. 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