Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 4 (26.5.1922)
- Date
- 1922-05-26
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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32 und Weiter steigern. Eigene neue Gedanken braucht man nicht mehr; Zitate genügen. Sie passen sich dem Schema der schon vorhandenen Vorstellungen über Juden und Judentum ein. Zitate fallen ins Ohr; man übernimmt sie um so leichter, je größer die Autorität ihres Verfassers; sie bestätigen in knapper, oftmals bildhafter Form, was man selbst schon glaubt; sie entheben der Mühe des eigenen Denkens. Der Zweifel, diese Zitate möchten nur willkürlich aus dem Zusammenhang gerissene Worte fein, kommt dem wissenschaftlich ungeschulten Geiste nicht; ihm ist nie die Problematik des Wortes aufgegangen.' Daß diese Zitate, die oft weit aus der Vergangenheit geholt sind, scheinbar das Gleiche behaupten, was der gegenwärtige Antisemitismus vertritt, gibt ihnen den Charakter zeitloser Gültigkeit. Dieser Eindruck zeitloser Gültigkeit ist für die politische Verwendung des Zitates besonders wichtig. Denn mittels einer skurrilen Raffentheorie versucht der heutige Antisemitismus die von ihm behaupteten Eigenschaften der Juden als unveränderliche darzustellen. Hier kommt ihm das Zitat zu Hilfe. Alle Eigenschaften der Juden stießen aus der Rasse — waren daher stets die gleichen. Wollt Ihr noch einen weiteren Beweis? Die Zitate geben ihn. Alle großen Geister: der Vergangenheit äußern sich in der gleichen Weise über die Juden. Wenn Ihr mir, dem Euch Unbekannten, nicht glaubt, wenn Ihr vielleicht vermeint, ich ließe mich von Abneigung und Vorurteil verleiten, so hört die Worte Eurer großen Geister! Hier ist nun der Punkt, wo Kritik und Austlärung einzusetzen haben, und zwar in prinzipieller Weise. Zeitlose Gültigkeit kommt nur solchen Urteilen zu, deren Gegenstand in der Zeit sich nicht ändert. Urteile über Menschengruppen können daher keine zeitlose Gültigkeit haben. Wo käme man hin, wollte man die Schmähurteile des 17. oder 18. Jahrhunderts über den Soldaten- und Offizierstand' als auch noch für heute gültig zititeren! Veränderungen der sozialen Stellung, wirtschaftliche und politische Schicksale haben Nationen, haben Gesellschaftsklassen und -schichten völlig verändert. Es ist nicht einzusehen, daß die Inden die einzige Menschengruppe sein sollten, die inmitten der stärksten Veränderung ihrer äußeren Lage unverändert geblieben wären. Wie sind von hier aus die judenfeindlichen Zitate zu bewerten, die der Antisemitismus aus den Schriften unserer Klassiker zusammengesucht hat und als Sammlungen' unter dem Titel „Goethe lind die Juden", „Fichte lind die Juden" usw. herausgibt und verbreitet? Diese Zitatensammlungen haben zunächst nur biographischen Wert — sie sagen uns bestenfalls, wie die Klassiker über Juden und Judentum gedacht haben. Urteile von Männern, wie Kant, Fichte, Goethe, haben aber auch einen sachlichen Wert. Die Autorität ihrer Namen ist nicht leicht zu nehmen. Diese Autorität darf jedoch nicht davon abhalten, ihre Urteile einfach als antisemitisch inr heutigen Sinne anzusprechen; es verbleiben freilich nicht wenige, in denen Verachtung und Geringschätzung deutlich zum Ausdruck kommen. Besonders wichtig aber sind für den heutigen Antisemitismus die Bemerkungen, die sich gegen die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden aussprechen. Lessing wird als Ausnahme genommen, oder auch wohl mit dem Ausdruck „Slavozudäer" abgetan. > Nun steht aber gerade Lessing mit seiner Forderung, Gerechtigkeit und Humanität auch gegen die Juden walten zu lassen, im Einklang mit den tieferen deutschen Geistesmächten seiner Zeit; während Goethe, Kant lind Fichte dem Humanitätsgedanken zugunsten der Vorurteile ihrer Umgebung untren geworden sind.*) Die Judenfrage berührte sie nur nebenher in ihrer bürgerlichen Existenz. Sie haben nichts Zusammenhängendes über diesen Gegenstand geschrieben. Eillige Briefstellen, gelegentliche Bemerkungen, hier und da eingestreute kurze Betrachtungen, ein paar Gesprächswendungen — das ist alles, was sich bei ihnen findet. Was veranlaßte sie nun zu diesen judenfeindlichen Auslassungen? Die Ideen der französischen Revolution im Bunde mit erschütternden Zeitereignissen führten dahin, daß eine Gruppe bisher verachteter, außerhalb des gesellschaftlichen Lebens stehender Menschen Bürgerrechte erhalten sollten. Man kannte die meisten nur als Hausierer, als eine in mittelalterlicher Sonderexrstenz befangene Gruppe, die, beladen mit den Vorurteilen der Jahrtausende, kulturell und religiös außerhalb der Zeitideen stand. Und nun sollten *) Ich erinnere an das Wort Goethes: „Was sich in meiner stillen Jugend als Abscheu gegen die Juden regte, war mehr Scheu vor dem Rätselhasten, vor dem Unschönen. Meine Verachtung, die sich wohl zu regen pflegte, war mehr der Reflex der mich umgebenden christlichen Männer und Frauen. Erst später, als ich viele geistesbegabte, feinfühlige Männer dieses Stammes kennen lernte, gesellte sich Achtung zu der Bewunderung, die ich für das bibelschöpserische Volk hege und für den Dichter, der das Hohe Liebeslied gesungen." plötzlich die Mauern des Ghettos fallen — man sollte als Gleichberechtigte mit ihnen verkehren! Ihr Aeußeres stieß ab; ihr Inneres blieb unverstanden. Eine Geschichte des Judentums gab es noch nicht; was man von der jüdischen Religion wußte, kam nicht über die landesüblichen Vorurteile der Aufklärung hinaus (auch nicht bei Kant; seine Bemerkungen über das Judentum sind diejenigen Voltaires). Immer, wenn eine bislang unterdrückte, von bürgerlichen Rechten ferngehaltene Gruppe Prärogative aufheben will, wähnt man den Umsturz aller menschlichen Verhältnisse gekommen, obgleich es sich nur um die Abstellung bestehenden Unrechtes handelt. Der Ausstieg des Bürgertums und 'der Arbeiterklasse, die Emanzipation' der Katholiken in England sind von den herrschenden Schichten mit den gleichen Argumenten bekämpft worden wie die Emanzipation der Juden. Stets hat man eine bis dahin unterdrückte Gruppe moralisch mißachtet und hat die durch diese Mißachtung und politische Unterdrückung hervorgerufenen menschlichen Unzulänglichkeiten der Gruppe als Hindernis für die Gleichberechtigung betont. Unsere Klassiker haben gegenüber den Juden keine Ausnahme von dieser Regel gemacht. Ihre Urteile in dieser Frage sind zeitgeschichtlich bedingte Privatmeinungen. Wer sie als autoritative, zeitlos gültige Zitate verwendet, treibt Demagogie. Wenn die Deutschvölkischen judenfeindliche Zitatensammlungen aus den Schriften der Klassiker zusammenstellen, so wollen sie die Vorstellung erwecken: Seht, auch Goethe, Kant und Fichte gehören zu uns. Wir sind die wahren Vertreter des deutschen Geistes. Mit dem Namen Fichte zieren sich ja oftmals dentschvölkische Literaturvertriebe. Daß solches möglich ist, beweist nur, wie wenig sie vom Geiste der Klassiker berührt sind. Was möchte wohl Fichte gesagt haben, hätte man ihn als Wortführer einer Auffassung angesprochen, die das Wesen des Deutschtums im Blute sieht? Er hat mit klaren Worten in seinen „Reden an die Deutsche Nation" verkündet, daß Deutschtum ihm nichts Ethnisches bedeutet. Gegen Ende der siebenten Rede stehen die Sätze: „Was an Geistigkeit und Freiheit dieser Geistigkeit glaubt, und die ewige Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, das, wo es auch geboren sei, und in welcher Sprache es auch rede, ist unseres Geschlechtes, cs gehört uns an, und es wird sich zu uns tun. Was an Stillstand, Rückgang und Zirkeltanz glaubt, oder gar eine tote Natur an das Ruder der Weltregierung setzt, dieses, wo es auch geboren sei, und welche Sprache es rede, ist undeutsch und fremd für uns, und es ist zu wünschen, daß cs je eher je lieber sich gänzlich von uns abtrenne." Der Bildungspöbel, der infolge eines mißverstandenen Darwinismus die Weltanschauung unserer Klassiker in der Phraseologie des Gestütes znm Ausdruck zu bringen unternimmt, treibt ein verächtliches Spiel mit den edelsten Traditionen deutschen Geistes. Den Materialismus — und der Rassenantisemitismus ist Materialismus — hat Schopenhauer als Philosophie für Barbiergehilfen bezeichnet. Schopenhauers Verunglimpfung - des Judentums hat mit dem Raffenantisemitismus nichts zu tun. Er bekämpft den Theismus des Christentums dadurch, daß er seine historische Voraussetzungen, das Judentum, verächtlich zu machen versucht. Von jener Verpöbelnng des Antisemitismus, wie sie die modernen Rassentheorien hervorgebracht haben, ist weder bei den Klassikern noch bei Stöcker, Lagarde und Treitschke etwas zu verspüren. (Den ersten Band seiner deutschen Geschichte hat Treitschke dem Halbjnden Mar Duncker gewidmet.) ' " (Ein zweiter Artikel folgt.) \ An alle Freunde! Unser Blatt gelangt noch häufig in mehreren Exemplaren in eine Familie, wenn sich in ihr, eine Reihe von Angehörigen als Mitglieder finden; Auch sonst sind Mehrversendungen an eine Anschrift festgestellt Dadurch erwachsen dem Verein ausserordentliche Kosten. Lasst es Euch nicht verdriessen, uns diese Fälle sofort mitzuteilen. Und teilt es uns ferner sofort mit, wenn Ihr unser Blatt verspätet oder, überhaupt nicht zugestellt erhält Berlin, 16. Mai 1922. Oer Vorstand des C. V. deutscher Staatsbürger iüd. Klaubens. Dr. Holländer.