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Central-Verein-Zeitung · 1922-05-26 · 4 (26.5.1922) · p. Seite 50

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
4 (26.5.1922)
Date
1922-05-26
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 Sollen wir hoffen? ' In- Hamburg tagte vom 22. bis 25. OTti bic 4. Mitgliederversammlung des Reichsverbandes der deutschen Industrie. Von einem Teilnehmer an dieser bedeutsamen Veranstaltung wird der „C. D. - Z e i t u. n g" geschrieben: .; . * Hamburg, 23. Mar 1922. ' Etwa 1200 Großindustrielle und führende Männer der Handelswelt, darunter mehrere D u tz e n d j ü d i s ch e n Glauben s, haben sich in Hamburg ein Stelldichein gegeben, um Probleme der gegenwärtige): schwierigen Wirtschaftslage Zu lösen. Im Mittelpunkt des Interesses stand ein Referat Max Marburgs, des in der judenfeindlichen Presse so viel geschmähten „international versippte): Weltherrschastsjuden" über: „Deutsche und internationale Finanzprobleme ii: ihrer Bedeutung für die deutsche Industrie." Als dieser geistvolle Man): seine fast zweistündigen klaren, in: besten Sinne des Wortes nationalen und deutschen Ausführungen geschlossen hatte, umrauschte ihn nicht cndenwollender Beifall der begeisterten Zuhörerschaft. Auch Stinnes, am Vorstandstisch, hatte andächtig Zugehört, und von Hans Kraemer bis zu Ritter Dr. Edler v. Brau::, von einem der engeren Ratgeber Rathenaus also bis zu dem dentschnationalen Präsidenten des Reichswirtschaftsrates, stimmte mar: Max Marburg und seiner von echter:: Hanseatengeist beseelten Rede zu. Ich hatte das Vergnügen, bei Tisch neben einem politisch rechtsstehenden Manne zu sitzen, der an leitender Stelle einer großen Handelsu n d Indnstrieorgani s ation steht. Ein Mann, der über Deutschlands Grenzen hinaus Ansehen genießt, dessen Autorität in Wirtschaftssragen unbestritten sein dürfte. Wir unterhielten uns freimütig darüber, ob man mit Recht der deutschen Industrie den Vorwurf machen könne, sie sei Schleppenträgerin der Reaktion. Die sachkundige Aufklärung über die verschiedenen Stimm rin gen politischer Art in der deutschen Industrie innerhalb der einzelner: Landesteile gab mir erwünschten Anlaß zu der Frage, ob unter diesen Strömungen auch eine zu finden sei, die sich mit der Finanzierung des R a d a ü a n t i s e n: i t i s m u s vereinbare. Mein Gegenüber erklärte mit aller Bestimmtheit, daß uach seiner genauen Kenntnis der Dinge es ausgeschlossen sei, daß Leuten wie Kunze vor: verantwortlicher industrieller Seite Geld gegeben würde. Auch Stinnes stelle das k a t c g o r i s ch i n A b r e d e. Wie könne mau von einem w e i t b l i ck e n d c r: Industriekapitän glauben, daß er die Hetze gegen das jüdische Kapital direkt oder indirekt fördere, ohne Zu bedenken, daß er damit den Haß gegen den sogenannten Kapitalismus i m n U q c m einen stärke. Der aufgehetzte Arbeiter, der sich an den: Eigentum eines jüdischen Kapitalisten vergehe, werde Geschmack an derlei Betätigung finden und nach den: I u d e n w e t b c d e r ch r i st i t ch c K apit n l i st a n bic Reih e komn: e n. Wie gerne hätte ich diese Ansichten eines industriellen Führers als u n anfechtbare O f f e n'b a r un g entgegen genommen. Wie gerne! Aber seine schönen Worte überzeugten mich nur, daß weit- .sichtige, sich ihrer Verantwortung bewußte Industrielle jede Gemeinschaft mit Kunze und Genossen ' 'ablehnen. Daß der „a n - ständige" Judenhaß in großindustriellen Kreisen seine Stätte hat, wird der täglich aufs neue erkennen müssen, der die von ihnen unterhaltene Presse zu lesen Gelegenheit hat. Und doch mußte selbst dem pessimistisch Veranlagten der jubelnde Beifall nach der Rede Marburgs ein H o f s n u n g s st r a h l sein. Der Kongreß des I n d u str i e ade ls , der sich um Stinnes konzentriert, hat zum mindesten gezeigt, daß der Judenhaß unserer Tage den Herren der Großindustrie noch nicht so in Fleisch und Blut übergegangen ist, daß sie einem Manne wie Marburg befangen gegenüberstehcn. Vorurteilsfrei haben sie den deutschen Juden geehrt, dem dank seiner glänzende): wirtschaftlichen 'Befähigung Ehre gebührt. . Solle:: wir hoffe::, daß Haß und Verblendung in allen den Schichten, denen es Ernst ist um den möglichst schnellen Wiederaufbau unseres armen deutschen Vaterlandes, den Weg zum Herzen noch nicht gefunden haben? Das deutsche Jndustrie- Parlament in Hamburg hatte gewiß nicht von vornherein beabsichtigt, Max Marburg eine Huldigung darzubringen. Es hat anerkennen müssen, daß hier o hne jede s An b i ed e r n n g s g e l ü st e ,Jein kerndeutscher Mann jüdischen Glaubens-sprach, dessen Rat und " Tat Deutschlands Industrie und Deutschlands Arbeiter beim Wiedermusbau nicht entbehren können. Wird sich nicht doch unter den: I Zwang der Verhältnisse die Erkenntnis Bahn brechen müssen, . daß jeder, — ob Jud', ob Christ —, der guten Willens ist, Mitarbeiten soll mit. allen seinen Kräften, um den wirtschaftlichen ^ÄLiederausstieg Deutschlands zu ermöglichen: Sollen wir . 'H.üfsen-?,. ch.. . . A. Sch. Iü-ische Selbstverspottung. Der jüdische Witz und die Juden. In einer Düsseldorfer Mitlagszeitung fand sich jüngst eine jüdische Karikatur von Richard Bloß mit der Unterschrift „Na, Schmul, gehst du auch nach Genua?" Zur Rede gestellt, rechtfertigte sich der Zeichner damit, daß ihm, jeder Antisemitismus fern liege und daß er um so weniger ahnen konnte, mit dieser Zeichnung Anstos; zu erregen, als er in Berliner Kabaretts u n d Theatern zahllose Glossierungen ähnlicher Art g e s e h e n u n d g ehör t habe, denen j u st der j ü d i s ch z Teil des Publikums besonders lauten Beifall gespendet habe. Diese Rechtfertigung, die aufrichtig genug klingt, berührt einest der peinlichsten- Punkte im jüdischen Leber: Deutschlands. Wie überall in der Welt, wo eine Minderheit durch Eigentümlichkeit und Besonderheit des Charakters, der Denkweise oder der Sprachgewohnheiter: auffällt, werden auch bei uns gewisse Eigenarten der Juden, zumal derjenigen, deren östliche Herkunft leicht erkennbar ist, gern karikiert :md zum Gegenstand witzelnden, doch meist nicht bösartigen Spottes gemacht. So entstand der chpische „jüdische Witz". Er ergeht sich fast stets in einer Pointiert übertriebenen Darstellung jüdischer Pfiffigkeit, Findigkeit und Schlagfertigkeit — von Eigenschaften also, deren sich kein Jude zu schämen hat. Allein es wird nur allzu leicht vergessen, daß es sich um humoristische U-ebertreibnngen dieser Eigenschaften handelt, sobald dieser „jüdische Witz" in Kreise dringt, die ihn gar nicht oder falsch verstehen und so ohne weiteres geneigt sind, die Karikatur für ein richtiges Bild zu n e hm e n. Aus Findigkeit', Pfiffigkeit und Schlagsertigkeit wird in ihren Augen sofort Durchtriebenheit, Verwegenheit und Frechheit — der ursprünglich vielleicht harmlose Witz wandelt sich urplötzlich zur treffenden Charakteristik jüdischen Wesens und wird auch dort zur Keimzelle von Judenverachtung und Judenhaß, wo ursprünglich keinerlei Uebelwollen, keinerlei kränkende Absicht bestanden hat. Denn der Nichtjude, der seinen Stammtisch mit derartigen Anekdoten unterhält, wird, sobald man ihm antisemitische Gesinnung vorwirft, genau so erstaunt wie jener Düsseldorfer Künstler antworten: „Aber die Juden selbst amüsieren sich doch über solche Geschichten." Ja, er wird in den meisten Millen hinzufügen können: „llebrigens habe ich das von einem Juden gehört." Es ist viel, was das Judentum dem Ariertum verdankt, es ist aber noch mehr, was wir dem Judentum verdanken. Trotz aller Abhängigkeit von den Nachbarkulturen ist schliesslich die israelitisch - jüdische Kultur — gipfelnd in dem universalen sittlichen Monotheismus, der Grundlage unserer heutigen religiösen und sittlichen Weltanschauung — ein starkes Eigengewächs, das aber zu Reife und Blüte erst in dem von Semitismus und Ariertum befruchteten Boden gelangt ist. Israel ist das bibelschöpferische Volk —- das bleibt sein Verdienst um die Menschheit! Aus dem eben erschienenen Buche Prof, Dr, Georg Beers: „Die Bedeutung des Ariertums für die israelitisch-jüdische Kulturu. Heidelberg, Willy Ehrig. Und hier liegt des Nebels Kern. Leider sind die eifrigsten Verbreiter, die behaglichsten Gepießer jüdischer Witze und Anekdoten die Juden selbst. Und weilchM.es sind, kommen ihnen Kabaretts und Theater dienstbeflissen . ÜW geschäftstüchtig immer mehr entgegen. Der jüdische Witz wird so zu einem wesentlichen Bestandteil heiterer Abendunterhaltungen eine Berliner Bühne (das Herrnfeld-Theater) konnte sich viele Jahre hindurch einzig und allein dieser Art des Humors widmen. In ruhigen und friedlichen Zeiten mochte das hingehen. Heute aber muß man allen, die solcher Vorliebe von früher her anhängen, die Augen darüber öffnen, daß jüdische Witze, Glossierungen jüdischer Gestalten, zumal wenn sie von Juden verbreitet und von Juden beklatscht werden, W a s s e r a u s die Mühle der rohesten Antisemiten sind, die dann stets frohlockend erklären: So sind die Juden eben, so stellen sie sich selbst dar, an solcher Darstellung haben sie ihre .Freude.— wer darf es uns verwehren, sie ebenso zu schildern? Deshalb muß ernstlich gefordert. werden: Fort mit dem jüdische n Witz! Er mag erheitern, doch er ist in: tieferen Sinne auch unter Juden schadenbringend, weit er den Geist des Ghettos atmet, der überwunden werden muß. Hütet euch aber, eure christlichen Mitbürger mit solchen Schnurren zu unterhalten! Bedenkt die Wirkung! Und hütet euch noch mehr, solchem Humor, wo er euch öffentlich entgegentritt, Beifall zu klatschen. Sonst gellt es euch immer wieder entgegen: In diesem Bilde erkennt ihr euch selbst — jo seid ihr also! q.

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