Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 4 (26.5.1922)
- Date
- 1922-05-26
- Page
- Seite 49 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 1 M. _ Kälter füriteulfchhun unvPwentum Postscheckkonto! 30472 Serlin, 2ö. Mai ly22 I. Jahrgang * Nr. 4 '0rymr -es lLnlrol-Verems -rulick^ Etmltsbüryer i üMcken vlauveus ^v. S^II^SMSir^s <äss dudenrums Verlag un- Schriftleitung: öerlin €8)6$, Lindenstraße 13 ❖ Fernsprecher: ftmt Noritzplah 11S9S, 1631$, 7577 Die Zeitschrift ist nur durch die zuständige Po ft an st alt zum Preise von vierteljährlich M. 7,50 zu beziehen Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 8,— für die 6gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Fcnnilieiianzeigen und Stellengesuche M. 4,50, die 90 nun breite Rekiamezeile M. 35,— Haprische Sommerfrischen! Ein MahnworL an jüdische Reisende. Von Hans Guggenheimer (München). Allmählich, ganz allmählich sickert auch im übrigen Deutschland die Erkenntnis durch, daß unser bisher so gemütliches Bayern heute der Sitz der unentwegtesten und leidenschaftlichsten Judenanfeindung - ist, und daß in keinem anderen denL schen Staat der 'Jude so vielen bitteren Geschmacklosigkeiten aus geliefert ist wie in Bayern. Ich muß hier, um sachlich und gerecht zu bleiben, gleich vorweg erklären, daß der geborene Bayer, zumal der echte Münchener, vor dem /'Kriege einen eigentlichen Antisemitismus nie gekannt hat. Wohl hatte wie in anderen deutschen Städten ein gewisser, sich vornehm dünkender Kreis — der z. B. in München im Kaufmanns-Kasino zur Geltung kam — eine begrenzte Scheidung im engeren gesellschaftlichen Verkehr gekannt, aber an den Stammtischen im Gasthaus- oder an den Biertischen im Sommerkeller saßen christliche und jüdische Mitarbeiter einträchtig als Freunde beisammen. Ja, der alte Geheimrat .Bernheimer war sogar mehr als einmal Gast im engeren Kreise des alten jovialen Prinzregenten! Der unglückselige Ausgang des Krieges, die Novolution mit ihren verd-ammenswerten Begleiterscheinungen, die gerade in München während -der Ratezeit dem Antisemitismus ein scheinbar ergiebiges Angriffsfeld vorbereiteten, ließen diese Verhältnisse von ' Grund aus andere werden. Münchens Bevölkerung .. ließ dunkle Existenzen wie Levien, W a d l e r und Genossen zu unseliger Führung gelangen, und dieses selbe München bekam und bekommt von außen her seine antisemitischen Aufklärer von den - Qualitäten eines Hitler, eines Dietrich Eckart, eines Rüge usw., Woche für Woche kann nun der Münchener Jude auf den roten Plakaten den schönen Satz lesew, der ihn auf eine Stufe mit - Hunden im Cafohaus stellt: „I n d c n i st der Zutritt untersagt'/' . Wohl sind unter -dem jetzigen Polizeipräsidenten gewisse Geschmacklosigkeiten, die unter Pöhner an der Tagesordnung waren, -seltener geworden, wohl hat der bayerische Ministerpräsident in einer Landtagsrede den Mut des ehrlichen Bekenntnisses gefunden, daß der Staat alle Mitbürger zu schützen.habe, also au-ch die jüdischen,! aber die judenfeindliche Bewegung wird mit unverminderter Energie .fortgesetzt, und nirgends, stärker als im bayerischen Oberland! : Man kann heute ohne Uebertreibnn-g seststellen, daß das . b a y e r i sch e O b e r l a n d zum größten Teil antisemitisch verseucht 'ist. Der Miesöncher Anzeiger hat . treffliche Arbeit geleistet und bemüht sich unentwegt, den „daiischen Staatsbürger" aus seinem nur " mit" altruistischen Eingeborenen gesegneten Bezirk fernzuyalten. ' Das Tegernfeer Tal hat seit Jahren an seine anmutigen Seeufer Tausende von Sommerfrischlern herangezogen. Mit i der Pflicht der Wahrheit und mit leidvoller Resignation -bekenne ich, daß gar viele Juden, zumal aus Norddeutschiland, sehr oft' durch takt- und geschmackloses Betragen i feindliche Kritik herausgefordert haben; man läuft nicht mit ^typisch jüdischem Aeußern in Lederhosen und Wadlstrümpfen umher, man trügt nicht Brillanten zum Dirndlgewand,- imb - man schreit und lacht nicht am Seeuser, als ob der Tegernsee ein Faschingslokal in Berlin N wäre! Und man zieht nicht mit all diesen Dingen, ob sie nun mangels guter Kinderstube oder in Gedankenlosigkeit geschehen, die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich und gibt den Allzuvielen ein Recht, die da sagen: „Seht euch die Juden in den Sommerfrischen an, und ihr werdet sie kennenlernen!" Ich weiß, daß manche Sommerfrischler sich an Gebirgsseen nicht immer ganz stilecht zeigen, und zwar Juden und Christen. Gewiß, auch die -andere Seite hat die gleichen Untugenden! Aber wenn ein christlicher Schieber die brillantengezierte Hand aus den Tisch haut und noch einen „Schampus" bestellt, dann ist das nicht so schlimm, als wenn der jüdische Sommerfrischler mit lauten Gesten eine Flasche Wein verlangt. „Einer für alle" wird hier gesehen, und „Alle für einen" werden der Schlemmerei beschuldigt. Aber es bedarf gar keiner Entgleisung^ gar keiner Auswüchse — man will keinen Jude n im Miesbacher Bezirk. Hakenkreuze empfangen dich mu Steg in Egern, int lieblichen Dorf Kreuth bereichert man Theatervorstellungen mit Vorlesungen aus dem Miesbacher Anzeiger, unk/.im herzoglichen Bad Kreuth ist zwar heute die Tafel verschwunden, derzusotge an „Juden nichts verabreicht" wird, aber der gastfreundliche Geist dieser Verlautbarung lebt noch heute! Die Bevölkerung, an sich gutmütig und einfach, schöpft ihr ganzes Politisches Wissen aus dem Miesbacher. Vom Lehrer bis zum jüngsten Dorfbuben sieht -man den Juden innerlich als degradierten Menschen an, dessen Geld man wohl nehmen könne, der aber besser nicht gekommen wäre. In Berchtesgaden, wo eine Ortsgruppe der nationalsozialistischen Helden sitzt, am ganzen Chiemsee ist es um kein Haar besser. Jüdisches Geld stinkt nicht, aber-sein Besitzer wird von der Bevölkerung mit den Unholden identifiziert, die nach den Weissagungen des ,/Leobachters" und des Miesbachers einst Deutschland mit Haar und Haut auff-ressen wollen. Für den Juden, der noch ein Gefühl für Ehre und Würde in sich trügt, ist die Folgerung eine ebenso natürliche wie zwingende, er wird, wenn er sich nicht irgendwie durch jahrelanges Wohnen an seine Mietherren gebunden fühlt, andere Sommerfrischen suchen als in Bayern. Er versäumt auch aus wirtschaftlichen Gründen nichts; denn in diesem Jahre wird das bayrische Oberland seine Preise auf der Basis „valutastarker Gäste" kalkulieren, und der Miesöacher Anzeiger wird zwar nach wie vor auf die „Hebräer" sein Misthaferl ausgießen, aber er wird schmunzelüd Zusehen, wenn die „Breißen" und Juden in einer Weise geschröpft werden, die er sonst „jüdisch" nennen würde. r! Wenn dann in der Saison 1922 trotz dieser Warnung die -alten Klagen über jüdische Sommerfrischler von neuem erklingen sollten, so mögen sich die Betroffenen die Verantwortung , selbst-zuschreiben! Sie tragen mit Schuld daran, wenn alle ehrlichen Bestrebungen, der bayrischen Judenhetze wirksam entgegenzuLreten, erfolglos 'bleiben und sie wirken nicht für uns, sondern für den Miesbacher' Anzeiger! . Möge man dies zur rechten Zeit und am rechten Ort hören und beachten!