Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 3 (18.5.1922)
- Date
- 1922-05-18
- Page
- Seite 43 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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43 In ähnlichem Sinne wie Lina Morgenstern hat Henriette Goldschmidt gewirkt. Sie hat der: Verein für „Familien- und Volkserziehung" geschaffen, von dem eine Fülle von Anregungen und Leistungen ausgi-ng. Dieser Verein hatte die Aufgaben gestellt, den Raum auszusüllen, den die Schule in den Jahren des werdenden Menschen freiließ, also Erziehungs- und Bildungseinrichtungen zu schaffen, die sich auf die Jahre vor dem Schulbeginn und dann nach vollendetem Schulbesuch erstreckten. Sie hat dabei vor allem an die weibliche Jugend gedacht, ihr sollte das gewährt werden, was dem jungen Mann in seiner Ausbildung bereitet war. Die Frau sollte neben den Mann treten, sie sollte, um Henriette Goldschmidts eigene Worte anzuführen: „Gehilfin im Volksleben, im Sinne der Zeit und der Kulturentwicklung" werden. Wenn wir heute Anstalten besitzen, in denen dem jungen Mädchen dieselben Bildungsmöglichkeiten wie dem jungen Manne geboten werden, so sollten wir dankbar Henriette Goldschmidts gedenken. Wir dürfen sie beide, Lina Morgenstern und Henriette Goldschmidt, die nicht Frauen des Salons, sondern Frauen des Lebens waren, nebeneinanderstellen, und wir blicken zu ihnen beiden dankbar hin. Eines ist ihnen aber beiden ab,gegangen: das starke Bewußtsein dessen, wie sehr ihre Vorzüge aus dem jüdischen Boden erwuchsen und daraus ihre stärkste Kraft gewannen. Dieses eigentlichste Wissen um sich selbst hat ihnen vielleicht gefehlt. Hätten sie es ganz besessen, sie ständen als noch lebendigere Persönlichkeiten vor uns. 'Die Kraft der Begabung kommt aus diesem Wissen um sich selbst. Darum sind ein Jude und eine Jüdin, die ihr Judentum nicht erfassen, und seiner nicht bewußt werden, doch schließlich das, was die Botanik von manchen Pflaumen sagt: „incoinpletae", unvollständige. Ganz werden wir nur, wenn wir in unserem Judentum leben. Und auch unserem Vaterlande werden wir am meisten geben, wenn wir auf diese Art ganze Menschen sind. Ein Dichtergruß. Jakob Loewenberg, der bekannte Hamburger Dichter, der in seinem Gedichtbuche „A u s jüdischer Seel e" unseren Gedanken so oft ein poetisches Gewand gab und dessen Anthologie „V o m goldnen Uebersluß" sich in Zehntausenden deutscher Häuser Heimats recht erworben hat, schreibt uns: Sehr geehrter Herx Redakteur! Recht gern hätte ich Ihre Bitte um einen Beitrag für die neue Zeitschrift erfüllt, es fehlt mir aber an Zeit und Stimmung. Vielleicht werden Sie sagen: Gebt ihr euch einmal für Poeten, so kommandiert die Poesie — um das jedoch zu können, muß man ein .Höchstkommandierender, wie Goethe, nicht ein gemeiner Soldat sein. Da ich nicht mit Neuem kommen kann, darf ich Ihnen Vorschlägen, etwas Altes zu bringen? Ich denke dabei an das Gedicht: „Meinem Jungen" in meiner Sammlung: „Aus jüdischer Seele." Sie sollte ursprünglich: „Kümpfen und Bauen" heißen. Und mir dünkt, in diesen beiden Worten liegt auch das, was Sie mit Ihrer Zeitschrift erstreben: Kämpfen um unser gutes, um unser heiliges Recht; bauen an einem Menschentum, wie es unsere Propheten vor Jahrtausenden verkündet, und von dem wir heute so weit, ach so weit entfernt sind! Eine Ahnung davon wollt ich meinem Jungen, möcht ich unseren Jungen ins Herz legen. Aber wer weiß, in ihnen wirkt und schasst vielleicht schon, was uns unserem Ziele näher bringt. Sie werden kämpfen, sie werden bauen. Lassen Sie es uns hoffen. Hamburg, i-m Frühling 1922. Herzlichst Ihr Jakob L o e w e n b e r g. M einem Jungen. Mein Junge spielt zum erstenmal allein Heut vor der Tür int hellen Sonnenschein. Bin ich ein Kerl! so blickt er stolz umher. Wenn nur die Welt so furchtbar groß.nicht war! Und wie er kühn sein Reich durchwandern will, Da schreills „hepp, hepp!" ihm nach, verhöhnend, schrill. Noch kennt er nicht das Wort, doch in dem Ton Spürt er bestürzt des Hasses Stimme schon. Er schrickt empor, er ballt die kleine Faust Und sucht umher; ich seh's, ihm bangt, ihm graust. Komm her, mein Kind, laß dir ins Auge schaun. Noch liegt darin ein grenzenlos Verträun, Einheiliger Glaube und ein froher Mut: Wie ist doch alles um mich schon und gut! - Dies Aug ein See, drin sich der Himmel malt. Der Wuchtend alle Sterne widerstrahlt. Ein schmerz saßt mich, ein Zorn, ingrimmig, wild. Wie bald zerstört die Welt das reine Bild! Das Wort, das heute ihn zuerst beirrt. Ist so ein Stein, mit dem's zertrümmert wird. Mit dem man in sein Heiligtum ihm bricht. — Halt fest, mein Kind, verlier dich selber nicht. Die Scharte nur, die du dir selbst versetzt. Wird nie im Leben wieder ausgewetzt. Ob auch die Menschen in dir unter gehn, Der Mensch soll um so herrlicher erstehn. Du hast noch immer mehr, als man dir raubt. Behältst du nur, was du einst rein geglaubt. Und reißt man dir die Blüten aus dem Garten, Wir sind vom alten Stamm, wir können warten. Es kommt ein Sommer wohl, ein Herbsttag blinkt, Der Blüten dir zugleich und Früchte bringt. Sei fest, sei stolz, und eins noch laß dich lehren: Dich wehren, Jung, dich wehren! (ui Micha Josef bin Gorion. Von I u l i u s L e v i n. Vor etwa fünf Monaten ist in Friedenau ein Mann, Micha Josefbin Gorion, gestorben, von dem in der westlichen Judenheit wenig die Rede gewesen ist, bis man gelegentlich seines Begräbnisses darauf kam, daß er in die Ehrenreihe des Friedhofs in- Weißensee gehört. Er ist dort beerdigt worden. Man hat ihn nicht gefragt. Als die Glogauer Gemeinde sich gezwungen sah, Salomon Mannon eine Grabstätte zu gewähren, verlegte sie den „Ketzer" an die Friedhofsmauer. Graf Kalkreuth, der das Grab des Erziehers feiner Kinder besuchte und es in einem Teile des Friedhofs fand, der auf Kirchhöfen für die Einscharrung der Selbstmörder Vorbehalten zu sein Pflegt, drückte feine Verwunderung über das Verhalten der Gemeinde, das er wohl erkannt hatte, aus. Ihr Vertreter machte ihm klar, daß es auf eine besondere Ehrung Salomon Maimons abgesehen war, als man ihn fern von allen anderen Toten verlegtes. Im wahren Sinne Micha Josefs wäre es gewesen, zwar auf einem jüdischen Friedhose beerdigt zu werden, denn er ist — seltsamerweise —- nicht aus der Gemeinde ausgetreten — aber doch mehr in der Art Salomon Maimons. Es ist wirklich nicht recht zu verstehen, weshalb bin Gorion an der Stelle eingesenkt worden ist, die das größte westjüdische Gemeinwesen, di-e Berliner Jüdische Gemeinde, den ihrer Ansicht nach bedeutendsten Männern für Grabstätte und' Denkstein Vorbehalten hat. Als rein westdeutsches Gemeinwesen ist doch die Jüdische Gemeinde zu Berlin auszusassen, mag sie auch in noch so lobenswertein Eifer ihr Interesse den Ostjuden zugewandt haben. Tenn dieses Interesse ist nicht dem Ostjuden als solchem gewidmet gewesen, sondern den der jüdischen Gemeinschaft an gehörigen, eben infolge dieser Angehörigkeit leidenden, im Osten Europas wohnenden Menschen. Dasjenige, was diese Bleu scheu in ihren eigenen Augen zu Juden machte, nämlich das Ostjudentum, dieses dem Westjuderrtum natürlicherweise »entgegengesetzte Element, mußte der westjüdischen Gemeinschaft eher ein Gegenstand des geistigen Mitleids, als eiue zu unterstützende religiöse und geistige Erscheinung sein. Dieses Ostjudentum nun ist Trüget' einer spezifischen Literatur, ja, eigentlich zweier Literaturen. Die eine davon bedient sich des Hebräischen, das zu einer lebenden Sprache zu machen, ihr vollauf gelungen ist. Die andere bedient sich des „Jiddischen", jenes mit hebräischen Ausdrücken versetzten Ueberbleibsets von Mittelhochdeutsch, das die Ostjuden aus der Zeit der Verbannung aus Deutschland in die heutige hinübergerettet haben. Eine der Säulen dieser beiden in ihrem Zwecke gleichgerichteten, in ihrem Geiste wesentlich voneinander verschiedenen Literaturen war Micha Josef bin Gorion, der, Ukrainer von Geburt, den bürgerlichen Namen Bardhczewski gegen den vertauscht hat, unter dem er in der Geistesgeschichte leben wird. Diese Nameuswahl hat ihre tiefen Gründe, wie alles was Micha Josef bin Gorion tat, der sich noch am Morgen seines Todestages als Systematiker bezeichnet hat. Bardyczewski ist, wenn ich so sagen darf, ein russischer Verlegenheitsname, nicht russischnational und nicht sprachlich jüdisch; jedenfalls nicht jüdisch genug. Micha Josef wollte einen rein jüdischen Namen haben und so nannte er sich den „Sohn Gorions", nach alter Sitte, nach der die Gemeindemitglieder zur Thora gerufen werden. Bin Gorion wollte kundgeben, daß er nichts war als Jude. Und als geistiger Jude hat er sich fast sein ganzes Leben lang gefühlt und betätigt. Freilich hatte er. dabei, auch bevor er deutscher Staatsbürger geworden war, den Wunsch, deutscher Schriftsteller zu werden, wie er Student einer deutschen Universität und deutscher Dr. Phil, gewesen ist. -Er machte den Anfang nicht ohne Glück. Seine Novelle „Daneben" wurde in einer angesehenen Zeitschrift veröffentlicht. -Bin *) Mündliche Mitteilung meiner aus-Glogau stammenden Mutter.