Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 3 (18.5.1922)
- Date
- 1922-05-18
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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42 Diskussion zuließ, nannte dies unser dortiger Syndikus Dr. Felix , H e i in o n n mit Recht „eine Feigheit. Darauf siet ein ganzer Chor [ von Trutzbündlern mit Stöcken und Knüppeln über ihn her.' Einige , beherzte Sozialisten entrissen ihn den Rohlingen. Von demokratischer [ und sozialistischer Seite werden energische 'Prolestmaßmchmen vorbereitet. Syrragogcirbauteri in Berlin. Die Berliner jüdische Gemeinde hat mit Rücksicht auf das starke Anwachsen der Zahl der Gemeinde- Mitglieder beschlossen, mit-dem Vau zweier neuer Synagogen unverzüglich zu beginnen. Die eine Synagoge soll in Wilmersdorf errichtet werden, die andere im Hansaviertel, wo das Fehlen geeigneter jüdischer Betstätten seit langem besonders schwer empfunden wird. Acutzerung eines Gerichts über den Charakter des Hakenkreuzes. Im Juli 1921 kam es in dem schlesischen Badeori. L a n d e ck auf einem Promenadenweg zu einem Rcukontre zwischen mehreren jüdischen und christlichen Kurgästen. Ein christlicher Justizobersekretär Grundmann, der ein Hakenkreuz trug, wurde, als er bei jüdischen Kurgästen vorbeiging, von einem derselben gestellt. Es entstand eine wörtliche und tätliche Auseinandersetzung, die zu einem gerichtlichen Nachspiel führte. Beide Parteien wurden vom Schöffengericht in Landeck zu geringfügigen Geldstrafen verurteilt. In den Gründen des Urteils heisst es u. a.: „Das Hakenkreuz gilt als Wahrzeichen derjenigen Bestrebungen, die auf die B e k ä m p f u n g der ausdehnenden Kraft der semitischen Nasse a b z i e l e n. Bekennen sich Angehörige der deutschen Nasse, die in unserem Vaterlande an Stärke der semitischen bedeutend überlegen ist, äußerlich zu diesem Wahrzeichen, so kann dieses von der angegriffenen Nasse als He r a u s f o r d e r u n g empfunden werden. . . . Indem Grundmann gleichwohl das Hakenkreuz trug, lieh er den Takt und die Rücksicht a u ß e r a ch t, welche die Achtung fremder Nasse und fremder Neligionsgemeinschaft von allen Staatsbürgern fordert; er handelte dadurch ebenso sehr dem sozialen Geist entgegen, mit welchen: die Reichsversassung (Artikel 109 Satz 1, Artikel 135 Satz 1) solche Gegensätze überbrücken will, wie er sich von dem ch r i st l i ch e n Geist des Deutschtums entfernte." Es ist zu hoffen, daß das Landgericht, dessen Entscheidung in der Berussiustanz noch aussteht, sich diese beachtenswert'en Aeuße-- rungen ebenfalls zu eigen machen wird. Gegen die antisemitischen Flugblätter. Wie der amtliche preußische Pressedienst schreibt, richtet der Minister des Innern an die Orts- und Landespolizeibehörden nachstehende Verfügung: ^xy jüngerer Zeit mehren sich die Fälle, in denen Flugblätter öffentlich vertrieben werden, die in Wort und Bild den^ Charakter antisemitischer Hetze tragen. Ein Vorgehen gegen diese Machenschaften ist nur aus der Grundlage des Reichsgesetzes über die Presse vom 7. Mai 1894 möglich und kann, soweit die Polizei hierfür in Frage kommt, nicht aus § 10, II. 17, A.L.R. gestützt werden. Die polizeiliche Beschlagnahme von Druckschristen ist ohne richterliche Anordnung nur in den Fällen des § 23 des Reichspretzgesetzes zulässig. Hiernach kann die Beschlagnahme einer Druckschrift usw. auch dann geschehen, wenn ihr Inhalt den Tatbestand einer in § 130 St.-G.-B. mit Strafe bedrohten Handlung — öffentliche 'Anreiz u n g verschiedener Klassen der Bevölkerung zu Gewalttätigkeiten gegeneinander in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise — begründet, sofern die :■ dringende Gefahr besteht, daß bei Verzögerung der Beschlagnahme die Anreizung ein Verbrechen oder Vergehen unmittelbar zur Folge haben werde. Es ist Pflicht der Polizei, bei Verbreitung derartiger Flugschriften nachzuprüseu, ob ihr Inhalt den Tatbestand einer hiernach strafbaren Handlung darstellt, und gegebenenfalls auch durch Beschlagnahme der Flugblätter einzuschreiten. Personalien. Herr Sally S e g a l l in Berlin, General- . direktor der Rütgerswerke, wurde von der Universität Breslau durch Verleihung des Doktortitels ehrenhalber ausgezeichnet. — Herrn cand. med. Karl Ehrlich wurde für seine Verdienste um Oberschlesien der Schlesische Adler II. Klasse verliehen. Synagogenfeier. Die Solinger Israelitische Gemeinde feierte kürzlich das fünfzigjährige Bestehen der jetzigen Synagoge. Mitglieder der Gemeinde stifteten eine wundervolle bunte Verglasung an den beiden Seiten der Bundeslade. Herr Rabbiner Dr. Eschelbach aus Düsseldorf hielt die Weiherede. Jubiläum, Aus Rheydt wird berichtet: Die Firma Herz u. Stern, deren Mitbegründer, Herr Moses Stern, erster Vorsteher der Synagoge ist. beging kürzlich die Feier ihres övsährigen Bestehens. Eine Anregung. Herr Eugen N e u st ä t t e r, Vorsitzender unserer Ortsgruppe München, wendet sich mit folgender Zuschrift an unsere Freunde: Die neue Wochenschrift wird, wie ich aus vielen Äußerungen entnehme, allgemein günstig beurteilt. Deshalb ist ihr von Herzen gedeihliche Entwicklung zu wünschen. Diesem Wunsch zur Erfüllung zu Helsen, ist Aufgabe jedes einzelnen, und jeder einzelne kann dazu beitragen, indem er die Wochenschrift durchInserate unterstützt. Es ist selbstverständlich und bedarf keiner weiteren Erläuterung, daß Inserate in einer Wochenschrift vom Range und der Verbreitung der „C. V.-Zeitung" sich bezahlt machen. Kein einsichtiger Geschäftsmann wird dies verkennen; jeder wird seine geschäftlichen Inserate auch der ,,C. V.-Zeitung" zuführen. Aber auch der deutsche Jude als Privatmann kann seine Wochenschrift unterstützen, wenn er alle Farn i l i e n n a chr i ch t e n : Geburten. Verlobungen, Hochzeiten, Todesfälle und Jubiläen außer durch seine Lokalzeitung auch durch die „C. V.-Zeitung" feinen Freunden bekannt gibt. Er hat dabei den Vorteil, daß die Familienereignisse durch ein einziges Inserat allen Freunden im ganzen Deutschen Reich bekannt gemacht werden. ISt^rl?Psl WZS Die Herrische Iüöin auf öeuischer Eröe. Von Ruth Baeck. Mit der Ausbreitung der Aufklärung und dem Vordringen der Ideen der französischen Revolution hatte für die Inden Deutlchlauds eine Zeit der Befreiung begonnen. Die Ghettotvre verschwanden, der Leibzoll. wurde abgeschasst und der Jude wurde ein Bürger des Landes, dem er angehörte. Jetzt konnten die Juden auch eine innere, seelische, geistige Verbindung mit den Menschen, die neben ihnen lebten, suchen. Man kann es begreifen, daß ein großer Teil der damaligen deutschen Juden sich durch den Glanz der neuen Welt, die sich vor ihnengeöffnet hatte, und in die sie einziehen sollten, blenden ließ. Dazu kamen diese Menschen aus der Zeit der Ausklärung mit -ihrem Nationalismus, der an den tiefen Gründen des Wesens und darum auch an dem geschichtlich Gewordenen leicht vorüberging, der viele zu oberflächlichem Denken und Urteilen verleitete, zu einer Oberflächlichkeit, die sich und anderen als Bildung erschien. Diese „Gebildeten" sahen in der jüdischen Religion nur inhaltlose Zeremonien und übersahen, um es mit den Worten Moses Mendelssohn zu sagen, den unergründlichen Schah von „Vernunstwahrheiten und NeUgionslehren, die mit dem Gesetz so innig verbunden sind". Der Weg vom Judentum war darum damals häufiger als der Weg zum Judentum. Unter denen, die damals fortgingen, begegnen wir auch einer Frau, deren Namen in der deutschen Literatur genannt wird: Rahel Lev in. Sie hatte mit der dem jüdischen Geiste eigenen Regsamkeit alle neuen Bildungsmöglichkeiten in sich ausgenommen. Die Welt der Bildung, der Kunst und Literatur wurde ihre Welt. Sie wurde ihr auch die Welt ihres Hauses und. ihr Haus das war für sie ihr Salon, in dem Männer wie die Schlegels, die Humboldts und Schleiermacher ein- und ausgingen. Man sprach über . Wissenschaft und Kunst, über Geschichte und Philosophie, eine Atmosphäre der Aesthetik und Schöngeistigkeit, die freilich nicht selten zur bloßen Schönrederei wurde, umschwebte diesen Salon. Man erbaute sich an denen eigenen schönen Worten und bespiegelte sich in dem schönen Geist, den man besaß. Aeußerlich genommen, war so das Leben der Rahel Levin ein reiches, ein kultiviertes. Was ihr fehlte und wodurch ihr Leben erst ein ganzes geworden wäre, war die innere Vodeuständigkeit. Sie war im Innersten doch eine Entwurzelte, da sie sich vom Judentum losgelöst hatte. In manchen Augenblicken ihres Lebens, wo das Leben zu ihr stärker sprach als die Bildung, scheint sie dies auch empfunden zu haben. Es sei an ein Wort erinnert, das sie an einem späten Tage ihrem Mann, Darnhagen van Ense, schrieb: „Mit erhabenem Entzücken denke ich an meinen Ursprung und diesen ganzen Zusammenhang des Erscheinens. Was so lange Zeit mir die größte Schmach, der herbste Feind und Unglück war, eine Jüdin zu sein, um keinen Preis möchte ich das jetzt missen." Die jüdische Generation, der Rahel Levin angehörte, hat ihre Kinder und Enkel gehabt. Diese waren schon in der Welt geboren, in die Rahel erst eingetreten war. Die deutsche Kultur war ihnen nichts Neues, sondern ein Selbstverständliches, der Luftbereich ihrer Kindheit und Jugend. In ihm konnte sich ihr Jüdisches entfalten; das alte Besitztum der jüdischen Seele, das jüdische Denken und Wollen bewies seine lebendige Kraft. In dreifacher Richtung hat diese jüdische Eigenart sich nach außen hin immer erstreckt, in dem sozialen Zug, in dem Sinn für das Kinderland und schließlich in dem Streben nach Verbreitung von Wissen und Erkenntnis. Dieses Dreifache war ein altes seelisches Erbe von vielen Jahrhunderten her, und jeder und jede unter uns trägt etwas davon in sich, und es kommt nur darauf an, sich dessen bewußt zu werden, und es damit lebendig werden zu lassen. Es ist darum kein Zufall, daß seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts in allen sozialen Bestrebungen und allen Bestrebungen für Kinderfürsorge und für Volksbildung Jüdinnen voranstehen. Ein Jüdisches, das in ihnen war — biPveilen ihnen unbewußt — wirkte sich darin aus. Zwei Namen können hier genannt werden: Lina Morgenstern und Henriette Goldschmidt. In Lina Morgenstern waren das Soziale und Erzieherische und die Liebe zum Kinde innig miteinander verbunden. Sie ist in einer Zeit, in der dies noch selten war, für das Wohl der Arbeiter eingetreten, und sie hat den sozialen Gedanken inpraktische Einrichtungen zn verwirklichen gesucht. Sie erkannte es auch, daß die Arbeit für den Menschen, bei den beginnenden, bei den Heranwachsenden Menschen einsetzen muß. Denn die soziale Frage ist zu einem Wesentlichen die Frage der Fürsorge für jedes Kind, und ebenso ist sie dann auch eine Frage der Erziehung. So hat Lina Morgenstern Kindergärten gegründet, die im Frobelschen Sinne geleitet.werden sollten. Vor allem aber lag ihr die Förderung der weiblichen Jugend am Herzen. Sie wollte, daß die Erziehung der Frau keine einseitige, keine schematisierte sei, sondern in Welt und Leben einführe. Und da sie dies forderte, so durste sie auch das andere verlangen, daß der Platz des Wirkens iw Welt und Leben der. Frau eröffnet werde, das weibliche Urteil in der Gemeindeverwaltung, vor allem in der Waisen- und Schülpslege Gehör finde.