Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 3 (18.5.1922)
- Date
- 1922-05-18
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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33 Eine Antwort an Herrn Dr. Max Naumann. Von Dr. Paul Nathan. Herr Dr. Max Naumann hat die Berliner Zeitungen mit der nachstehenden Zuschrift bedacht: „Sehr geehrte Schriftleitung! Am 2. Mai d. I. hat der Reichsbund 'jüdischer Frontsoldaten eine Versammlung veranstaltet, die offenbar von dem Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranlaßt und finanziert war. Zn dieser Versammlung ist der Verband nationaldeutscher Juden nicht, eingeladen worden. Das für ihn gestellte Gesuch um Neberlafsung einer Anzahl von Eintrittskarten ist unbeantwortet geblieben. Dagegen ist dem Vorsitzenden die Zulassung zu der Versammlung ausdrücklich verweigert worden. Tie letztere Tatsache ist in der Versammlung selbst von dem zurzeit der sozialdemokratischen Partei angehörenden Schriftsteller Tr. Paul Nathan, der nicht zu den jüdischen Frontsoldaten, dagegen zum Vorstand des Central-Vereins gehört, damit begründet worden, daß der Unterzeichnete „den meisten deutschen Juden den Patriotismus abspreche". Die von Herrn Nathan ausgestellte Behauptung ist unwahr. Herr Dr. Nathan wird hierdurch anfgefordert, in ganz' bestimmter Form Zu erklären, wann, wo und wie der Vorsitzende des Verbandes nationaldeutscher Juden den meisten deutschen Juden den Patriotismus abgesprochen haben soll. Mit vorzüglicher Hochachtung der Vorstand des Verbandes nationaldeutscher Juden e. V." Soweit ich es seststellen lassen konnte, ist diese Zuschrift nur in der antisemitisch-reaktionären „Deutschen Zeitung" des Herrn Maurenbrecher zur Veröffentlichung gelangt. Damit sie mir nicht entgeht, hat sich daher Herr Dr. Naumann veranlaßt gesehen, mir diese Ausführungen auch in einem eingeschriebenen Briefe zuzustellen. Herr Dr. Naumann soll eine kurze Antwort haben: Eine stenographische Aufzeichnung, die mir vorliegt, an der ich erklärlicherweise kein Wort geändert habe, und die den durch Herrn Harnisch in der Herrenhausversammlung hervorgerusenen Zwischenfall behandelt, gibt meinen Ausführungen die folgende Fassung: „Redner, Dr. Nathan, erwähnt zur Aufklärung, warum Dr. Naumann nicht geladen worden sei, einen Brief, in dem ausgeführt wird, daß für einen Mann, der den meisten deutschen Juden den Patriotismus abgesprvchen habe, in der Versammlung des Frontbundes kein Platz sei. Daß Naumann dies getan habe, könne nicht geleugnet werden. Warum er dies getan habe? Um einen Grund dafür anzusühren, daß er eine neue jüdische Gruppe und Partei zu gründen für nötig befunden hat. Redner habe Herrn Dr. Naumann nachzuweisen versucht, daß die deutschen Juden, die der Central-Verein umfasse, national gesinntseien und daß die Naumannsche Gründung nur dazu beitrage, neue Scheidungen innerhalb des deutschen Judentums h e r v o rz u r u f e n. Naumann glaube aber, daß nur er den reinen deutschen Patriotismus verzapfen könn e. Redner steht nicht ans dem Standpunkt, daß es der richtige Weg sei, nur immer wieder an die Brust Zu schlagen und zu sagen: „Auch wir sind Patrioten und Deutsche". Man sollte sich vielmehr auf den Standpunkt stellen, daß jeder deutsche Bürger — solange man ihm nicht das Gegenteil beweisen könne — als vollberechtigter Bürge des deutschen Staatsgedankens betrachtet werden müsse, der für diesen deutschen Staatsgedanten, für sein Vaterland, sogar sein Leben hingibt." Soweit die stenographischen Aufzeichnungen. Und nunmehr ist die Frage zu erörtern, ob Dr. Naumann Aeußerungen getan hat, die mir die Berechtigung gaben, das in jener Versammlung auszuführen, was ich dort gesagt habe. Ans weitschichtigem Material nur einige wenige wörtliche Anführungen. In einem Artikel, den Herr Dr. Naumann im „Tag" vom 23. November l92l — dieser Artikel ist dann auch als Broschüre erschienen — geschrieben hat, heißt es: „Die Politik, die Leute der vorhin geschilderten Wesensart den deutschen Juden empfehlen, geht andere Wege. Sie meinen, das deutsche Volk müsse sich damit begnügen, wenn die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens ihm fünfzig Prozent ihres Ge -- fühls bieten und den Nest ihren über die Welt zerstreuten deutsch-fremden oder deutschfeindlichen Stammesgenoffen Vorbehalten. Fünfzig Prozent sind gewiß eine ganz anständige Konkursguote und mancher Klonte-Gläubiger würde mit ihr zufrieden sein. Aber für jemand, der nicht bankerott sein will, sind es fünfzig Prozent zu wenig. Und man darf sich nicht Wundern, wenn der deutsche Nichtjude nicht viel Neigung verspürt, sich auf Beziehungen zu einem Partner einzulassen, von dem im voraus seststeht, daße r> schließli ch nur einen Bruchteil seiner Schuldigkeit leisten wird." l Bevor ich zu diesen Aeußerungen des Herrn Dr. Naumann Stellung nehme, ein paar Zitate über die Wirkung der Naumannschen Agitation aus neuester Zeit. Das bekannte antisemitische „Bayerische Vaterland" in München druckt einen Artikel von Dr. Naumann ab und fügt diesem Artikel die Worte hinzu: - „Herr Dr. Max Naumann sagt hier über das Solidaritätsgefühl der aus der ganzen Welt verbreiteten Rasse und die Ueberhandnahme des jüdischen Elements und seiner Macht im wesentlichen dasselbe. was schon wiederholt in „antisemitischen" Blättern gesagt worden ist und dann von der Presse Alljudas als „antisemitische Hetze" verschrien wurde." Und „Der Deutschmeister" in Dresden bemerkt zu einem anderen Artikel des Herrn Dr. Naumann: „Dieser Schilderung des „deutschen" Juden aus jüdischer Feder bleibt nichts mehr hinzuzufügen; nur ein unangenehmes Gefühl drängt sich fragend auf: Verfolgen dieser Dr. Naumann und sein Verband nationaldeutscher Juden mit ihrer antisemitischen Aufklärungsarbeit wirklich keine Hintergedanken?" Es sind also respektable Leistungen eines jüdischen „Führers" auszuweisen, um die Stellung der Juden in Deutschland zu festigen und im Rahmen der Verfassung zu verbessern. Und nun zur Beantwortung der Frage, ob Herr Dr. Naumann den meisten deutschen Juden den Patriotismus abgesprochen hat. Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens steht statutengemäß auf durchaus deutschem Standpunkt. Die Leiter -des Central-Vereins, — und einer der Vorsitzenden ist der Unterzeichnete — müßten also statutenwidrig handeln, und diese größte Organisation deuticher Juden müßte sich diese statutenwidrige Haltung gleich politischen Idioten gefallen lassen, wenn sie eine Leitung duldete, die nur sünszigprozentig deutsch ist. Wie ich persönlich zu meinem deutschen Vaterland stehe, darüber habe ich auch in der Versammlung des Herrenhauses, auf die sich Dr. Naumann bezieht, Auskunft gegeben. Es entspricht aber freilich nicht meinem Geschmack, beständig mich alsPatriot in dieBrust zu werfen. Vaterlandsliebe ist für jeden normalen und anständigen Menschen eine Selbstverständlichkeit. Auch für einen Sozialdemokraten, der ich in neuerer Zeit in voller Oeffentlichkeit nach reiflicher Ueberlegung geworden bin und als den mich Herr Dr. Naumann seinen Lesern vorstellt. Warum? Ist ihm ein Sozialdemokrat ein Mensch minderen Wertes? Und endlich ein Wort über das von Herrn Dr. Naumann sogenannte 50 prozentige Judentum. Die widerwärtige Denunziation, die in solcher Aeußerung liegt, empfindet Dr. Naumann, dieser merkwürdige Vorsitzende des Verbandes nationaldeutscher Juden, augenscheinlich nicht. Die menschliche und die politische Fähigkeit für solche Voraussicht sind ihm nicht eigen. Ueberdies ist seine Behauptung grundfalsch. Iuäcnhsss au; Ligennutz aus Ueberreugmm ist Schurkerei ist Dummheit Wir deutsche Juden, die Wert darauf legen, sich der Führung des Herrn Dr. Naumann nicht zu unterstellen, wir sind der Ansicht, daß es nur ein schlechter advokatischer Kniff ist, von fünfzigprozentigen deutschen Juden zu sprechen. Man! wird nicht vonoOprozentigen deutschen Protestanten oderKatholiken sprechen, weil es einen deutschen Protestantenverein gibt, der sich auch außerhalb Deutschlands betätigt, und man spricht nicht — glücklicherweise seit Beendigung des Kulturkampfes — von SOProzentigen deutschen Katholiken, weil die deutschen Katholiken überall, wo es leidende katholische Glaubensgenossen gibt, ihnen zu helfen suchen. Und das tun gleichfalls deutsche I uden, und zwar in dem Bewußtsein, daß die Betätigung der Humanität — innerhalb und außerhalb der deutschen Grenzen — gerade deutscher Weltanschauung entspricht. Wir deutsche Juden müssen uns verpflichtet fühlen, den hungernden Wolga-Deutschen, die unter Katharina von Rußland vor rund anderthalb Jahrhunderten ausgewandert sind und die keine Juden sind, zur Hilfe zu kommen — den Zurückgewanderten in Deutschland und den an der Wolga Zurückgebliebenen —, und wir sollten unsere eigenen jüdischen Glaubensgenossen mit einem Fußtritt bedenken! Für solches Deutschtum und für solches Judentum würde 'ich mich wenigstens bedanken. Ich bilde mir natürlich nicht ein, daß diese Ausführungen irgendeinen Eindruck aus Herrn Dr. Naumann machen können; für seine geistige Verfassung eignen sich derartige Erwägungen nicht. Aber wir Juden des Central-Vereins müssen uns über jene Naumann-Bewegung klar sein. Und es gibt sicher auch eine Anzahl Anhänger des Herrn Dr. Naumann, die geneigt sind, nochmals zu überlegen, ob seine Führung eine heilsame ist. Darum schrieb ich. 16. Mai 1922. ,