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Central-Verein-Zeitung · 1922-05-18 · 3 (18.5.1922) · p. Seite 37

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
3 (18.5.1922)
Date
1922-05-18
Page
Seite 37 (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 1 M. Serlin, IS. Mai 1922 I. Jahrgang * Nr. S NMer sür-euisedtum^I un-Judentum 2l.11^SrrnSjmS ^Sitinrn^ äss Iraäsr'rdZnrrn.s verlas un- Schriftleitung: Serlin SN)öS, LinSenftraße 13 * Zernsprecher: ftmt Moritzplatz 11595» 193IS, 7S77 Die Zeitschrift ist nur durch die zuständige Po st an ft alt zum Preise von vierteljährlich M. 7,59 zu beziehen 'vryan Ves kenlralVerrms vcuticlie? StaütsvümeriüölsckenlUauvrnsLv. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 8,— für die bgespallene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche M. 4,50, die 90 nun breite Neklamezeile M. 35,— Das „verjuöete Theater". Von Leopol- Jeßner, Intendant des Staailichen Schauspielhauses zu Berlin. Angesichts der Tatsache, daß — wie antisemitische Blätter immer wieder hervorheben — die Berliner Bühne heute „in Händen der Inden" ist, soll -daran erinnert werden, daß der größte Teil dieser Männer ihre Theater schon in der Vorkriegszeit geleitet haben, als das Theaterführen (wie auch heute wieder) mit größter pekuniärer Sorge verknüpft war. Zu jener Zeit waren Thcaterhäuser leicht zu haben. Warum fand sich kein Nichtjude? Oder nur in den seltensten Fällen? Haben etwa die Theaterleiter der Vorkriegszeit ihre Bühne geschaffen, um Vermögen aufzuspeichern? Dazu war vor dem Kriege keine Möglichkeit. Ist doch selbst heute in dieser spekulativen Zeit ein Theater, das sich Gewinn errechnet, eine Utopie. Jene Männer, die trotzdem heute noch ihr Unternehmen weiterführen, bringen dieses Opfer der Aufrechterhaltnng des Betriebes, und es ist ihnen nicht genug Dank dafür zu wissen. — Wenn nun unter ihnen besonders spekulierende Theaterleiter mehrere Häuser „an sich reißen", geschieht -dies in künstlerischer und wirtschaftlicher Erwägung, um ihr Theater überhaupt halten zu können. Wenn heute z. B. Notters nicht,rmr von rassegegnerischer Seite als besonderer TYP hingestellt werden, so muß dazu gesagt werden, daß es im eigentlichen nicht die Gebrüder Notier sind, die dieses Theater geschaffen haben, sondern der Sinn von Männern, die im Erkennen der Zeit ihren Unternehmungen den zeitgenössisch materiell-organisatorischen Ausdruck gegeben haben. Tiefer und schwerer als jene materielle Frage wiegt dis nach der geistigen Berechtigung des Juden zum Theater. Ist doch — nicht oft genug kann dies erwähnt werden — jenes materielle Gesicht dem Juden erst durch jahrhundertelanges Fernhalten von jedem menschenwürdigen Beruf ausgezwungen worden. Das Volk, das mit Recht so stolz ans seine Hermannsschlacht und ihren Sieger blickt, sollte einmal bedenken, daß schon lange vor ihm Josua die Amälekitec besiegte und die Makkabüerkriege tobten. Wie überhaupt der Furor des rassegegnerischen Elements durch ein endliches Begreifenwollen des Verwandtschaftlichen in Sympathie Umschlägen müßte. Denn die Juden waren genau wie die Deutschen ein Volk von Bauern, Kriegern und Denkern. Niemals eines von Händlern' Wie wäre dies auch möglich gewesen? Nur an offenen Meeren kamr der Handel gedeihen. Und daher war Phönizier! das Land der blühenden Kausfahrt. Palästinas Eingeborene aber waren von Anbeginn bestimmt, die Aecker zu bestellen, Kriege zu führen und die Schriften anszülegen. Durch Inquisitionen erst, durch Vergewaltigungen aller Art blieb ihnen — den Zerstreuten — nichts anderes als die Befugnis, zu handeln. Das Merkantile vertrat ihnen nun das Kriegerische. Das Geistige aber konnte ihnen nicht genommen werden. Durch diese Synthese des Geistigen und Merkantilen, die in ihnen seither großgezogen wurde, ist der Jude wie niemand anders zum Theatersührer befähigt: Denn das eine kann hier nie und nimmer ohne das andere fruchtbar werden. So ist ans dieser Konstellation heraus im Bezirk des Theatralischen nachhaltig Großes geleistet worden. Die Ent- Wicklung der letzten Jahre des Theaters heißt: Brahrn und Reinhardt. Wieviel Deutschland an Ruhm und geistigem Kredit diesen beiden Männern verdankt, braucht nicht betont zu werden. Es bleibt noch die Frage offen, warum über das Thcatersühren hinaus der Jude rein künstlerisch für die Bühne Prädestiniert ist. Die große Geste des Griechen und Lateiners, die vollendete Gemessenheit ihrer Haltung, die südliche Schönheit ihrer Stimme ist ihm nicht gegeben. Das Schauspiel bedeutet ihm keine külthaft-eintönige Handlung, anderseits auch keinen Exzeß des esoterischen Geistes wie dem Deutschen, der weit eher ein denkender als handelnder Spieler ist. Ans der Starkblütigkeit seines Temperaments heraus ist der Jude für die theatralische Welt geschaffen. Ihm bedeutet ihre Aenßerung nichts monoton Gemessenes wie dem Heiden, und nichts Transzendentes wie dem Christen, sondern die Verwandlung in eine fremde Leibhaftigkeit hinein. Ans der Unrast des unendlich Irrenden und der Sehnsucht, irgendwo heimisch zu werden, assimiliert sich der jüdische Mensch fremden Gestalten so wie fremden Ländern und durchlebt alle Metamorphosen einer fremden Körperlichkeit, die er in fanatischer Extase über das natürliche Maß erhebt. Denn dies ist sein Besonderes: Er ist kein gewöhnlicher Dieb an fremdem -Gut, sondern ein sehnsüchtig getriebener Mensch, der in tausend Verwandlungen den Ausweg aus seiner Heimatlosigkeit sucht und, besessen davon, die Masken durchschüttert. Ich schreibe meine Zeilen in der Ueberzeugnng eines Mannes, der jüdischen Glaubens ist, sich aber vollständig als Deutscher fühlt, dem -die Bestrebungen eines zionistischen Ideals weder geläufig noch opportun erscheinen. Jude von Rasse, Politisch aber und national ein Deutscher, glaube ich nicht nur an die Möglichkeit dieser Synthese, sondern an ihre Fruchtbarkeit, deren Beweise genug existieren.

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