Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1922-05-11 · 2 (11.5.1922) · p. Seite 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
2 (11.5.1922)
Date
1922-05-11
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-2277380-2277382--00033-2279124
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

30 im Sande, denn gegen „Erwachenden" ist die heutige Staatsden der Nestor die Walt Ungarns machtlos. Der Nachrnf, de olitischen Lebens, Gras Albert Apponyi, am Grabe der Kritik der gegenwärtigen Re- Nestor des nngar: chen politischen Lebens, Gras Albert ^Pfer hielt, ist gleichzeitig die schärfste ~ erung in Ungarn. Graf Apponyi sagte n. a. folgendes: „Was ift as für Gesellschaft, in welcher man nicht weiß, ob das Nahen eines Mitbürgers nicht einen mörderischen Anschlag bedeutet, in welcher der Dämon des Hasses eine solche Verwilderung der Moral geschaffen hat, daß man vor Masstmnord nicht zur üc! schreckt, weil unter den vielen Ermordeten sich etwa auch das eigentliche Objekt des Attentates befindet! Sind wir wahrhaslig bereits dahin gekommen', d a ß in der u n g a r i s ch c n Gesell s ch a f t des 2 0. I a h r - Hunderts der Dt a s s e n m ordo h n e Wahl ein B ü r gnrecht gefunden hat? Bloß da nicht die ganze Gesellschaft sich zusammentun, um diesen Krankheitsstofs ans sich aut W a s i st das s ü r S t a a k s g e w a! t, d heit a ll er i h r e r B ü r g e r s ch ü tz cn ka n n , d i c einen Unterschied m acht, w e s se n S t che r heit fies ch. ü tz t n n d w esse n n i ch i? Das ist feine Staatsgewalt mehr! Eine Staatsgewalt, auf welche nicht jedermann rechnen kann, ans die kann niemand rechnen. Tenn da ist es bloß Frage der wechselnden Strömungen, an wen die Reihe kommt. Diese Untat schreit nicht blich Lnm Himmel, sie schreit auch zur Staatsgewalt hin! Und ihr Schrei gilt nicht der Rache, sondern der Herstellung der Rechtsordnung durch Ahndung der Verbrechen. e n i ch t d i ch ü tz cn will o d e x s ch ü tz c n lszu scheiden? t c Sicher- Der Reichshrrnd jüdischer Frontsoldaten und die Ortsgruppe Berlin des „Vaterländischer! Bundes jüdischer Frontsoldaten" hatten am 2. Mai nach dem Herrenhaus an aktive und ehemalige Offiziere sowie an führende deutsche Politiker Einladungen ergehen lassen, wo Oberstleutnant a. D. von Albert, der bekannte Herausgeber des Handbuchs der Militärwissenschaften „Zur Judenfrage" sprechen sollte. Durch ein Spalier von Knüppelgarde, die der tapfere Gardelegener Held gestellt hatte,, mußten die Besucher hindurch. Bis in den Saal hinein drangen die Schmähungen und Beschimpfungen. Hauptmann der Reserve L ö w e n st e i n begrüßte die. ungemein zahlreich Erschienenen und erteilte dem ' Referenten des Abends das Wort. Oberstleutnant v. Albert führte in ungemein sachlicher und wissenschaftlicher Form seine Aufgabe durch, wobei er sich besonders der Rassensrage zuwandte. Er stellte fest, daß das einzige wissenschaftlich begründete Nassengesetz die Mendelschen Regeln seien, deren Anwendung ans die Praxis an der Unmöglichkeit scheitere, vollkommen die Abstammungsreihen der Emzelpersönlichkeit zu überschauen. Im deutschen Volke, das an und für sich schon keine reine Nasse darstelle, sondern eine Mischung keltischer, slawischer und germanischer Bestandteile auf ursprünglich mongolischem Untergrund, seien im Lause der Jahrhunderte zahllose Verbindungen von Juden mit Nichtjnden vor sich gegangen, und der Bestandteil semitischen Blutes im deutschen Volke sei ein viel größerer als man ge m einhin an n e h m e. Die Nachprüfung der Stammbäume adliger Familien ergebe sehr oft überraschende Resultate, wenn man auch neuerdings versuche, die Ahnenreihe von semitischen Vorfahren zu reinigen. Von besonderem Interesse waren die Ausführungen des Herrn v. Albert, als er sich gegen den Vorwurf der Drückebergerei und der mangelnden Militärtauglichkeit der deutschen Juden wandte. Auf Grund seiner eigenen langjährigen Erfahrung als Truppenführer im Frieden ' und im Kriege bereitete er den eingewurzelten Phrasen der nationalistischen und antisemitischen Presse einegründliche Abfuhr. Als Korreferent sprach Rechtsanwalt Dr. Urias. In starken Worten schilderte er das Gefühlsleben des deutschen Juden, der bis in den Tod hinein seinem Vaterlande gedient habe und jetzt ähnliche Vorgänge erleben müsse wie die am Eingänge zur Versammlung. Nicht als Jude sondern als Deutscher habe er sich darüber geschämt. Die Ausführungen des Redners erbrachten im weiteren den statistischen Nachweis, daß die jüdische Bevölkerung in vollem Umfange ihre Pflicht dein Vaterlande gegenüber erfüllt habe. Im Verlause der sehr sachlichen Diskussion sprachen unter anderen Reichstagsabgeordneter M o r n t h von der Deutschen Volkspartei, der sich sehr entschieden gegen jeden Judenhaß wandie und zur Sammlung aufrief. Herr v. O p P e l n - B r o n i k o w s k i und Sanitätsrat Dr. Goldschmidt, der sich mit den Beschuldigungen gegen den Orden Bne Briß auseinandersehte. Einen beinah amüsanten Zwischenfall ergab das Auftreten des Redakteurs am „Lokal-Anzeiger" und ehemaligen Pressechefs Kapps, des Herrn Johannes W. Harnisch, der für die Ideen Dr. Max Naumanns Propaganda zu machen versuchte. Dr. Paul Nathan fertigte ihn in kurzen Worten ab. Nach Ausführungen des Professors Hildebrandt, der darauf hinwies, daß die Versöhnungsarbeit schon in der Schule emsetzen müsse, folgten die Schlußworte der beiden Referenten. Falsche Gerüchte. Heber die Zigarettenfabrik Haus Neu erb mg in Trier wurden Gerüchte in Umlauf gcscht, welche sie d< s Antisemitismus b e s ch u l d i a e n. Nach cinaebender Prüfung können wir sts!stellen, daß diese Gerüchte jede r sachlichen G r u ndla g e entbehre n. Eine jüdische Tarne bekleidet im Betriebe einen der wichtigsten Vertrauensposten. Zur Beachtung! Das. Deerdigungsinstitirt von Julius G r i e n e i s e n in Berlin gibt im Nachrichtenblatt des Gaues Groß- Berlin des Den tschv öl tischen S ch u tz - u n d T r u tz b u n des bekannt, daß es Mitgliedern 10 Prozent vom Sarg bet rage gewährt. Elterribeieatswahlen. Am 28. Mai finden die Wahlen zum Elternbeirat an den Groß- Berliner Schulen statt. Nach der neuen- Wahlordnung des Ministers für Volksbildung steht dieses Mal das aktive wie passive Wahlrecht auch den Eltern der Gast- , und fremden Kinder, der Adoptiv- und Stiefkinder, Vätern wie Müttern zu. Wahlberechtigt sind ferner diejenigen Pflegeeltern, die ein Kind dauernd und im wesentlichen unentgeltlich in ihrer Familie erziehen. Jeder Wahlberechtigte hat nur eine Stimme, gleichviel wie viele seiner Kinder die Schule besuchen. Die Listen der Wahlberechtigten müssen vier Wochen vor der Wahl während zwei Wochen ausliegen und können abgeschrieben werden. Kandidatenlisten sind spätestens am zehnten Tage vor der Wahl einzureichen. - Selbstverständlich wird der Eentral-Verein den jüdischen Eltern im Wahlkampf stets zur Verfügung stehen. Von allen interessierenden Ereignissen bitten wir dem Bureau, Berlin 8 W, Lindenst raße 1 3, Kenntnis zu geben, das dann das Erforderliche veranlassen wird und auch zujeder Auskunft gern bereit ist. Welches' Vorgehen im einzelnen vorteilhafter ist, kann nur von den Wahlberechtigten an den einzelnen Schuten beurteilt werden. Gegen Listen mit auch nur einem zweifelhaften Kandidaten ist entschieden Front zu m a che n. Jüdische Listen aufzustellen, empfiehlt sich nur dort, wo man unsere Glaubensgenossen bei der Ansstellung der Listen benachteiligt. Die Hauptaufgabe der jüdischen Eltern besteht darin, dafür zu sorgen, daß möglichst viele Listen geeignete Persönlichkeiten enthalten, die nötigenfalls antisemitischen Angriffen' scharf entgegentreten werden. Jüdische Ellern! Geht vollzählig zur Wahl! Erfüllt eure Pflicht auch danu, wenn ihr der Einrichtung der Elternbeiräte keine große Bedeutung beimißt. Nur dann kann es uns gelingen, den! übelsten Produkt antisemitischer Verhetzung, der Judengegnerscha-ft in den Schulen, der beschämenden Zurücksetzung jüdischer Kinder ein Ende zu machen. Die Wahl gilt für zwei Jahre. Jeder von euch kann in die Lage kommen, sich an den Elternbeirat wenden zu müssen. Darum ist Wahlrecht hier wirklich Wahlpflicht! Indische Eltern! Jüdische Jugend! Der Eentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wendet sich an Euch, die Ihr die Notwendigkeit des Kampfes für Freiheit, Reche und Ehre Eurer Glaubensgenossen, erkannt habt. Nicht zu haßerfüllten Kämpfern will er die Jugend machen, aber sammeln will er sie und befähigen, gegnerischen Angriffen standzuhalten. Im Kreise Gleichaltriger sollt Ihr, jüdische . Jungen und Mädchen, Deutschtum und Judentum, kennen und lieben lernen. Zusammen mit gleichgesinnten Freunden sollt Ihr danach streben. Eurem Leben einen würdiger!' Inhalt zu geben. Darum, jüdische Jugendliche beiderlei Geschlechts im Alter bis zu 25 Jahren, organisiert Euch in den jüdischen Jugendvereinen unserer Tendenz. Jüdische Jugendvereine sportlicher wie wissenschaftlicher Art stehen mit uns in Verbindung. Ihr aber, jüdische Eltern, unterstützt unsere Bitte, damit Ihr nicht dereinst darüber Klage führt, daß Eure Kinder Anschauungen vertreten, die nicht die Euren sind! Z u jeder g e w ü n s -ch t e n A n s k u n f t ist das Bureau des C e n t r a l-V e r e i ns , Lin den str atze 13, gern bereit. A d r e s s e n I u g e n dl i ch e r i n . Groß - Berli n bitte n w tr u nt e r A n g a b e des Alt e r s und des b e - so n d ere n Int e r es se s unt e r der g l eichen Ad r e s s e dem I n g e n d d eze r n a t für Groß-Berlin mitz u t e i l e n. Antisemitische Töchterheime. Die „Mathilde Zimmer- Stiftung E. V." zum Andenken an die verstorbene Frau Mathilde Zimmer geb. Clausius, 1907 gegründet, bezweckt die Förderung der Erziehung der Heranwachsenden Jugend in eigenen Anstalten, durch Unterstützung bewährter und bedürftiger Zöglinge, sowie durch Unterstützung anderer, dem gleichen Zwecke dienender Veranstaltungen. Im weiteren Verfolg dieses Grundgedankens kam man zur Errichtung von Anstalten, denen man den inzwischen ziemlich allgemein angenommenen Namen „Töchterheiin" gab, und die im Gegensatz zu den früher bestehenden Luxuspensionaten praktische Haushaltspensionate bilden sollten. Durch die Verbindung mit dem „Evangelischen.Diakonieverein" war wohl Zuerst nur an die Aufnahme „evangelischer Christinnen" gedacht. Der Begründer, D. Dr. Friedrich Zimmer, damals Professor der Theologie und Direktor des Predigerseminars in Herborn, hatte sich später zu der Erkenntnis durchgerungen, daß die Bekennerinnen aller Glaubensgemeinschaften in den „Töchterheimen" gemeinsam aufwachsen,- sich kennen!md verstehen lernen sollten. Naturgemäß waren immer nur eine geringe Anzahl von Jüdinnen in den verschiedenen Heimen, die sich je nach 'der momentanen Zusammensetzung der andern

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.