Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 2 (11.5.1922)
- Date
- 1922-05-11
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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29 Jüdischer volksbegriff. Von Rabbiner Dr. I. L o e v h. Der Begriff des „Jüdischen Volkes" leidet in seiner Bedeutung unter derselben Unklarheit, die in der Regel mit dem Begriffe „Volk" überhaupt verbunden ist. Man nach hier scharf zwischen sprachlicher Herleitung und dem herausgebildeten, mit Synonymen arbeitenden Sprachgebrauch unterscheiden, obwohl nicht zu. leugnen ist, das; häufig im sprachlichen Ursprung schon der scheinbar weit davon entfernte Sinn des späteren Sprachgebrauchs verdeckt enthalten ist. Beiur Herausschalen der ursprünglichen Bedeutung von „Jüdischern Volk" tut man am besten, auf die hebräischen Bezeichnungen für „Volt" zurückzugehen. Es scheiden zunächst aus als Sammelbegriffe engerer Art MseliMeba -Familie, Hetli-cibotli — Sippe, Beliebet =r Stamm. Für „Volk" hat die hebräische Sprache zwei Bezeichnungen, die häufig als Synonyma miteinander abwechselnd im Grunde aber ganz verschieden in ihrer Herleitung und rechten Anwendung sind: Goj und Am. Goj hängt mit der Wurzel Gew — Rücken, Rückgrat, aram. Gv^. — das Innerste zusammen. Wie dieses em von Natur fest zusammenhängendes homogenes Ganzes ist (Skelett), als wenig veränderlicher Halt für das angeschlossene, ständig Veränderliche, so stellt das Wort Goj zweifellos in seiner ursprünglichen Bedeutung den Begriff des von einem Ahnherrn ausgehende)?, in fortlaufender Geschlechtsfolge sich ausbrertenden und abzweigenden Stammes dar, der Zum Volke sich weitet. Das Kennzeichnende ist die Abstammung oder gemeinsamer ererbter Landbesitz, letzteres besonders in der Mehrzahl. Die Zusammengehörigkeit' ist eine natürliche und braucht nicht bewußt zu sein. Es ist das griechische Ethnos Volksstamm, Menschenklasse, wie die Septuaginta Goj stets übersetzt. A m hängt grammatisch mit Im — „mit" zusammen und bedeutet einen bewußten, auf Kult n r und S ch icksalsge m e i n - schuft beruhender? Zusammenschluß -starnmlich oft ganz verschiedener Individuen und Körperschaften. Die Septuaginta übersetzt es regelmäßig mit kos Volkshaufe, Masse, Aken ge von Zusammengekommenen Menschen. Daher nennt Gott Israel selten Goj, wenn er nämlich den seinem Dienste geweihten Stamm (Kadosch) meint oder ihn als solchen mit anderen Völkerschaften vergleicht, meistens aber Am, wenn er fein persönliches Verhältnis zu der freiwillig ihm sich anschließenden. seinem Schutze anvertrauten, seiner Liebe oder Strafe im Schicksal Angewiesenen Gemeinschaft hervorheben will. Die jüdische Religions- und Schicksalsgemeinschaft „Israel" wird nie als Goj, sondern stets als Am bezeichnet, weshalb auch Gott sein Volk niemals Goji .(die einzige müdersprechende Stelle im Zephanja, II, 9 ist ohne Bedeutung, da es hier ganz deutlich nicht auf die Bedeutung, sondern lediglich auf die Herstellung des Parallelismus aukvmmt), sondern stets Ammi, „mein Bolt'ß nennt, weil die Zugehörigkeit zu Gott -weniger auf der Abstammung von Abraham beruht — wenn diese auch nicht ganz außer acht gelassen ist , als auf dein Wandel in Gottes Wegen, der durch den Gehorsam gegen seine besonderen, dem Volke Israel gegebenen Gebote zum Ausdruck kommt. Im gegenwärtigen Sprachgebrauch verstehen 'die verschiedenen jüdischen Richtungen unter „Jüdischem Volk" je nach ihrer Stellungnahme zum Rasse-, Glaubens- und jüdisch-politischen Standpunkt verschiedenes. Man muß also immer wissen, wer der Sprecher ist, um zu Nüssen, was mit „Jüdischem Volk" gemeint ist. 'SSr.h,..!&b Zum Tode des Geheimrats Professor Dr. Adler in Leipzig. Wir berichten au anderer Stelle über das skandalöse Benehmen der Leipziger Handelst ochschüler bei der Beerdigung ihres Rektors Geheimrat Dr. Adler. Hin diese hervorragende Persönlichkeit der Leipziger Judenschast — Geheimrat Adler war auch Vorsteher der dortigen Religionsgemeinde — trauern weite Kreise der sächsischen Hauptstadt, in der sich der Verstorbene als Mensch und Gelehrter allgemeiner Verehrung erfreute. Er entstammte einer frommen Familie Badens, studierte Handelswissenschaften und kam früh nach Leipzig, wo er an der Handelslehranftalt' eine Lehrerstelle erhielt. Seiner Leipziger Tätigkeit blieb er sein ganzes Lebentreu. Aus dem Handelslehrer wurde der stellvertretende Direktor einer .riesenhaft an gewachsenen Anstalt und der Professor an der neugegründeten Handelshochschule, deren Rektor er daun für lange Jahre wurde. Daneben war er Inspektor, sämtlicher Handelsschulen- Sachsens, und wie er sich durch ausgedehnte nationalökonomisch-kaufmännische, wissenschaftliche Tätigkeit die Achtung seiner Fachgenossen und der Handelswett errang, wurde er auch äußerlich hervorragend geehrt. Mehrere Ordensauszeichnungen, darunter auch ausländische, wurden ihm verliehen. Er erhielt den Titel eines Geheimen Hofrats und wurde ehre n h alb e r Doktor der Frankfurter Universität. Im Jahre 1915 wurde er Vorsteher der Relegionsgemeinde und hat in diesem Amte durch seine Friedensliebe, seine Versöhnlichkeit und die Tiefe seines jüdischen Empfindens außerordentlich segensreich gewirkt. Adler, der ein Aller von 72 Jahren erreichte, war eine anspruchslose,' stets hilfsbereite Persönlichkeit, deren edle, menschliche Eigenschaften ihm überall Freunde gewannen. Können Kirchennnd Shnagogensteuern bei der Einkommensteuer in Abzug gebracht werden? Die Frage der Abzugssähigkeit der Kirchensteuern wurde vom Schrifttum überwiegend bejahend beantwortet. In letzter Zeit fand der Relchsfinanzhof zweimal, am 80. November 1921 und am 6. Februar 1922, Gelegenheit, in einem Gutachten hierzu Stellung zu nehmen, und verneinte die Abzugsfähigkeit im Gegensatz zu' der bisher herrschenden Ansicht. Er beruft sich hierbei mit Recht auf die Entstehungsgeschichte des zur Begründung der Abzugsfähigkeit stets in Anspruch genommenen § 18 Absatz 1 Nr. 7 des Reichsettil:onmtenfteuevgeseßes. Der Reichsfinanzhos weist auf die Begründung im Ausschußbericht des Reichstags hin, in dem gesagt wird, daß die scharfe Stellergesetzgebung geeignet sein könnte, die freie Liebestätigkeit privater Kreise einzuschränken, und daß, um den durchaus notwendigen Anreiz zur Ausrechterhaltung der privaten Liebestätigkeit zu geben, eine stellerliche Begünstigung solcher Zuwendungen erforderlich sei. Es handle sich also hierbei um private Wohlsahrtsbeiträge, die freiwillig gegeben werden und gegeben werden sollen. Dies ist bei den Kirchensteuern nicht der Fall. Wenngleich die Zugehörigkeit zu einer Rengronsgemeinschaft Vorbedingung zu der Steuerpslicht ist und mau sich dieser entziehen kann, ist, wie der Reichsfinanzhof treffend vergleicht, die Kirchensteuer ebensowenig als eine freiwillige anzusehen, als die Steuern, die auf Grund der Zugehörigkeit zu Staat und Gemeinde erhoben werden und denen man sich durch Wegzug entziehen kann. Aus diesem Grunde sieht er die Kirchensteuern im gleichen Umsang als Pflichtsteuer an, wie die Staats- und Gemeindesteuern als solche anzusehen sind. Das klare Urteil des Reichsfinanzhoses dürfte die Frage der Abzugsfähigkeit ein für allemal entschieden haben. In der letzten Steuererklärung vom 15. März d. I. ist von vielen Personen die Kirchensteuer (das gleickie gilt naturgemäß im vollen Umfange von den Synagogen steuern) in Abzug gebracht worden, was voraussichtlich von den Finanzämtern beanstandet werden wird. Ein Einspruch gegen diese Beanstandung dürste selbstverständlich nach Lage der Dinge vollkommen zwecklos sein. Dr. OscarGoetz. Grotze Rückwanderung i>on polnischen Juden. In den letzten Monaten ist in Wien eine außerordentlich starke Rückwanderung von polnischen Inden nach der alten Heimat zu konstatieren. Als Ursache wird von den Rückwanderern selbst die in Wien herrschende große Teuerung und Geschäftsstagnation bezeichnet. Eine Erklärung des Schlesischen BäderLages. Wir erhalten folgendes Schreiben aus Bad Salzbrunn: Besondere Vorkommnisse der vorjährigen Kurzeit geben uns Veranlassung, im Allgemeininteresse folgende Entschließung des Schlesischen Bäder tages vom 6. und 7. Dezember 1921 zu unterbreiten: „Die Bäder dienen der Kur und Erholung Kranker. Politische Veranstaltungen im Kurpark, Verschärfung der Religions- oder Rassengegensätze, Störung des gesellschaftlichen Friedens beunruhigen die Kurgäste und beeinträchtigen den Kurerfolg. Wir bitten auch, in Ihren Kreisen im Interesse der Kranken daraus hinzuweisen. Die schlesischen Bäder müsseil als Heilbäder daraus -dringen, daß die Heilerfolge nicht durch Störung des gesellschaftlichen Friedens in Frage gestellt werden. Das gleiche Schreiben ist auch an den Deutschvölkischen Schublinb Trützbund abgeschickt worden. Hochachtungsvoll gez. Dr. Büttner." Die antisemitische ungarische Post. Die Organisation des amerikanischen jüdischen Kongresses richtete an den ungarischen Gesandten in Washington, Graf Ladislaus Sz-echeniy, -einen heftigen Protest gegen die vor kurzem eingeführte Verfügung der ungarischen R-eichspostvenoaltung, die die Zustellung von Briefen und Postmaterialien in hebräischer und jüdischer Sprache und Schrift an Empfänger untersagt. Infolge dieser Beschränkung der ungarischen Post sah sich die amerikanische Postadministration gezwungen, diese Verfügung in Amerika bekannt zu geben und alle Postämter in Amerika anzuweisen, keine Postsachen in jiddischer Schrift zur Beförderung nach Ungarn zuzulassen. Jüdischer Antisemitismus» In einem Briefwechsel der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" mit Herrn Dr. F. Grünseld in Landesgut in Schles. verteidigt erstere den antisemitischen „Hochschulring deutscher Art" unter Berufung auf zwei Zeitungsartikel des bekannten Dr. Naumann, in denen das „Gebühren gewisser jüdischer Kreise schlechthin als deutschfeindlich anerkannt wird. Das sind die Früchte des „Verbandes nationaldeutscher Juden!" Graf Albert Apporryi am Grabe ermordeter Juden. Die „Erwachenden Magyaren" — die heutigen Herren Ungarns — bemügen sich nicht mit mehr nächtlichen Pogromumzügen und mit der Ermordung und Folterung einzelner Juden. Sie versuchten neulich eine ganze Anzahl oppositioneller Abgeordneter aus einmal aus der Welt zu schassen und'brachten im Saale des Elisabothstädter Kasinos, m dem ein politisches Abendessen ftattfinb-en sollte, eine Höllenmaschine unter. Die Explosion trat etwas früher ein, als die Verbrecher erwartet hatten: die betreffenden Politiker waren noch nicht zur Stelle. Aber sieben völlig harmlose Gäste — durchweg Juden — blieben tot aus dem Platz. Weitere drei erlagen ihren Verletzungen. Obwohl in Budapest die Täter genau bekannt sind, verläuft die Untersuchung der Polizei, wie in solchen Fällen immer, resultablos