Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 2 (11.5.1922)
- Date
- 1922-05-11
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28 - Abschaffung des Talmud. Von Antisemiten wird häufig verlangt, das; die Juden öffentlich vom Talmud abrücken, ihn abschaffen sollen. Diese Forderung Zeugt von einer völligen Unkenntnis der Struktur und'der praktischen Anwendung des Talmud. Der Talmud ist als Religionsquelle kein Gesetzbuch, sondern ein Literaturwerk. Die Juden können ihn ebensowenig „abschaffen", wie die Katholiken die Kirchenväter, die nichtkatholischen Christen die Schriften ihrer religiösen Führer. In jeder dieser Literaturen stehen die größten Widersprüche in Aeußerung und Lehre einander gegenüber. (Man denke bei Luther allein an seine beiden Schriften: „Daß Jesus Christus ein geborener Jude gewesen" und „Von den Juden und ihren Lügen".) Unter Lausend Juden kennt heutzutage knapp einer den Talmud, und diese wenigen Kenner sind zum größten Teil Rabbiner. Es könnte jedoch kein einziger Fall aufgezeigt werden, in welchem ein Rabbiner seinen Schülern und Hörern eine Talmudstelle als Lehre vorträgt, in welcher empsohlen wird, in sittlicher Hinsicht einen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden Zu machen. Die Lehrmeister für die Kenntnis solcher Stellen sind auch für die Juden lediglich die Antisemiten, und die Juden, die sie von ihnen hören, sind erstaunt, ja fast erschrocken, daß so etwas in ihren Schriften vorkommt, da ihnen die Ursachen ebensowenig bekannt sind wie der Umstand, daß sie ganz ausdrücklich außer Kraft gesetzt sind. Es ist also ebenso sinnlos wie zwecklos, von einer Abschaffung des Talmud oder von seiner Verleugnung zu reden. Vorträge und Redner. In den letzten drei bis vier Monaten haben außerhalb Berlins zirka '240 Vorträge politischen, religiösen, sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und jüdischliterarischen Inhaltes statt-gesunden, nicht eingerechnet die zahlreichen Vorträge innerhalb einer Ortsgruppe oder eines Bezirks. Nach B ü n d e, I r e i e nw a l de, Land §b e rg, Fr a n k su r t a. d. O., K a s sei, S o rau, Schönwalde, Wolfenbüttel, Eberswalde konnten wir, weil rechtzeitig angesordert, in antisemitischen Versammlungen Gegenredner entsenden. Der zutage getretene Erfolg hat die Zweckmäßigkeit solcher Maßnahmen erwiesen. Oefsentliche Versammlungen waren in Nürnberg, Frankfurt a. M., Krefeld, Gumb i n n e n, L Y ck, F r e i b u r g (Br.), Bünde, Königsberg (Pr.), Danzig veranstaltet, sehr erfolgreiche Notabelnversammlungen und Aussprachen mit Nichtjuden in D r e s d e n, C h e m n i tz, Braun« schweig, Minden, Stettin. Unter Leitung des Syndikus Dr. Holländer fand ein viertägiger Rednerkursus für meist nichtjüdische Teilnehmer in Stettin statt. In zirka neunstündigem Vortrage wurde Material aller Art behandelt, Antisemitenhärrptlr ngc. Nachstehende Tatsachen über antisemitische Agitatoren werden unsere Freunde interessieren: a) I ürge n von Rami n. Ra min i st der Stammname, nicht etwa nur ein durch Verschiebung der Buchstaben angenommener nom de gucrre für Arnim. Jürgen von Ramin ist nicht, wie stets behauptet wird, ein Urenkel des Altreichskanzlers Bismarck, sondern seines Bruders. b) R u g e. Der ehemalige Heidelberger Privatdozent ist zusammen mit Gorsleben und Mesch aus dem De utschvöM scher, Schutz- und Trutzbund Ausgeschlossen worden. Der Bundesvorstand desselben warnt, zur Arnold-Ruge-Spende, deren Aufrufe die Unterschriften von Führern des Schutz- und Trutzbundes des Gaues Nordbayern tragen, beizusteuern. e) Qu i nd el. Laut Geschäftsbericht 1921 der Zeitschrift „Der Sturm" hat Georg Quindel zunächst für die gesammelten Mittel ein Harls gekauft. In dem Geheim-Mitteilungsblatt des Schutz- und Trutzbundes „Im Vertrauen" wird vor Ouindel gewarnt. Das hindert aber den Schutz- und Trutzbund nicht, sich die Mitarbeit des Ouindelschen Organs „Der Sturm" gern gefallen zu lassen. d) Lor d. Northcliff e. Aus einer erhaltenen Geburtsurkunde ist einwan-dsfrei die nichtjüdische Abstammung Lord Northcliffes sestgestellt. Das Hakenkreuz. Vor dem Gerichtshof in Oppeln wurden Anfang Februar dieses Jahres zwei Herren aus Tarnowitz namens Hamburger und Wolfs als Zeugen vernommen. Der im gleichen Raum dienstlich anwesende Staatsanwaltschaftsrat Speer trug während der Vernehmung ein Hakenkreuz, wie er es auch schon früher getan haben soll. Die beiden Herren fühlten sich hierdurch mit Rechts verletzt. Der C. V. wandte sich mit einer Beschwerde an den Oberstaatsanwalt von Oppeln, in welcher darauf hingewiesen wurde, daß das Tragen von Hakenkreuzen im Dienst mit der Pflicht der Unparteilichkeit der Beamten nicht im Einklang stehe und daher Als unzulässig angesehen werden muß. Es bedürfe — so erklärten wir weiter — keiner näheren Ausführung, daß das Hakenkreuz nach Lern Stande der gegenwärtigen politischen Anschauungen als Zeichen einer ausgesprochen antisemitischen Gesinnung betrachtet und das Tragen dieses Zeichens durch Beamte als Beweis mangelnder Objektivität und unsachlicher Haltung ausgefaßt werden muß. Unsere Beschwerde wurde vom OberstaaLsanwalt in Oppeln am 15. April d. I. mit folgendem Schreiben beantwortet: „Dem Staatsanwaltschastsrat Dr. Speer hrerselbst ist der fragliche Vorfall nicht mehr erinnerlich. Das Verbot des Tragens d e s Hakenkreuzes im Dienst ist erneut iu Er in nerung gebracht worden." . Der reingefallene Verleumder. Als der Münchener „Volk. Beobachter" im September' 1921 zeitweise verboten war, erschien in München ein Ersatzblatt „Bayern heraus". Dieses Blatt brachte unter der Ueberschrist „Maulwürfe" einen Artikel, in dem dem Central- Verein deutscher Staatsbürger j ü d i sch e n Glaubens vorgeworfen war, daß er mit der Alliance Jsraelite Universelle eine Arbeitsgemeinschaft gebildet habe; weiterhin wurde dem Central-Verein der Vorwurf lande sver r üte rischev Machenschaften gemacht und die Staatsanwaltschaft zum Vorgehen gegen ihn wegen Landesverrat ausgefordert. Wegen dieser Vorwürfe stellte der Vorsitzende des Central-Vereins, Justizrat Dr. B r o d n i tz, gegen den Schriftleiter Hans S o m m e r e r Beleidigungsklage, die vor dem Schöffengericht München zur Verhandlung kam. Der Verteidiger kündigte zuerst einen umfangreichen Wahrheitsbeweis an, erklärte sich jedoch dann aus Anregung des Vorsitzenden zu einer vergleichsweisen Erledigung der Sache bereit. Es kam dann auch ein Vergleich zustande, in den: der Angeklagte erklärte, er habe den Artikel eingeschickt bekommen und nehme den Vorwurf, der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens unterhalte jetzt noch Beziehungen zur Alliance Jsraelite Universelle und habe Landesverrat getrieben, als unbegründet Zurück. Der Angeklagte verpflichtete sich zur Tragung der gesetzlichen Kosten und Zur Veröffentlichung des Ver-. gleichs in drei Münchener Blättern. Aufktärungsversammlnrrg für christliche Kreise ist Stettin. Der Landesverband Pommern des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranstaltete in Gemeinschaft mit der Ortsgruppe Stettin am 3. April, abends, eine Ausklärungsversammlung vor geladenem nichtjüdischen Publikum'. Ter große etwa 600 Personen fassende Saal der Börse war gefüllt. Das Thema des Abends lautete: „Die Wahrheit über das jüdische Schrifttu m". Als Redner waren gewonnen worden Konststorialrat Pfarrer Dr. F i sche r, Berlin, und Rabbiner Dr. Wiener , Stettin. Verabredungsgemäß sprach zuerst Herr Dr. Wiener. Er legte in inhaltlich und rhetorisch glänzender Weise dar, daß es jüdische Geheimgesetze nicht gäbe, wenigstens nicht für den, der Hebräisch verstände, daß der Talmud kein Gesetzbuch sei, sondern ein sich über sieben Jahrhunderte erstreckendes Literaturwerk, und daß der Schulchan Aruch Stellen enthalte, die von höchster Sittlichkeit Zeugen. Der Redner führt eine ganze Reihe sittlich hoch? stehender Schulchan-Aruch-Stellen an, für deren Echtheit einzustehen er jederzeit bereit ist. Der zweite Redner des Abends, Konsistorialrat Dr. Fischer, wies ebenfalls darauf hin, daß das jüdische Schrifttum von hohen sittlichen Gedanken getragen sei, ebenso wie das christliche Schrifttum, und daß er nur wünschen würde, daß jeder Jude diesem Schrifttum entsprechend lebe. Wir könnten es uns in der heutigen Not des Vaterlandes wahrhaftig nicht leisten, gegeneinander zu Hetzen und mit niedrigen Verleumdungen vorzugehen., wie es gewisse deutschvölkische Kreise zu tun belieben. Der Redner ging auf die Verschiedenartigkeiten der Juden und Nichtjuden ein und betonte, daß die gemeinsame Not bei aller Selbstbesinnung ans die eigene Art dazu führen müßte, dem gemeinsamen Vaterlande zu Helsen. Den Ausführungen beider Redner folgte einhelliger Beifall. In der Aussprache kamen Vertreter aller Richtungen zu Worte. Sie stellten sich bis aus einen Redner geschlossen hinter die beiden Referenten. Dieser, ein Deutschvölkischer, versuchte für die Entfernung des Alten Testaments und der Psalmen, die er unsittlich nannte, einzutreten. E r m u b L e aber unter de in Gelächter der Versam m lun g abtreLen und wurde von einer evangelischen Lehrerin auf das nachdrücklichste widerlegt. Die Presse, die ihre Vertreter zu dem Abend geschickt hatte, nimmt in langen und anerkennenden Ausführungen Notiz von der Versammlung. Bemerkenswert Ist die Stellungnahme der „Ostsee-Zeitung", die bekanntlich seit kurzem das Organ des antisemitischen, auf dem rechten Flügel der deutschen Volkspartei stehenden Abgeordneten Dr. Mittelmann ist. Auch diese bringt einen spaltenlangen Bericht und betont, daß die Versammlung auf „achtbarer" Höhe gestanden habe. Ein Verleumder. In einer Versammlung der Deutschsozialen Partei in Reichenbach i. Schlei.. tat Herr Dr. Walter H ave mann aus Breslau die folgende Äeußerung: „Der Central- Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat in seinem Programm die Forderung der Bekämpfung des christlichen Staates und des Christentums. Müssen wir Christen uns von den Juden das gefallen lassen?" Wir erklären diese Behauptung als Verleumdung und fordern Herrn Dr. Habe« mann auf/den Wahrheitsbeweis anzu tr etent