Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 1 (4.5.1922)
- Date
- 1922-05-04
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Not sich befindet, muß alles, was an Luxus und Vollerer gemahnt, streng vermieden werden. Das wären so in großen Zügen die wichtigsten Ausgaben für die Frau; jedoch nicht minder wertvolle Kleinarbeit gilt es zu leisten. Die bereits erwähnte Arbeitsüberlastung der Männer erfordert tätige Mithilfe rein technischer Art. Jeder OrtsgrüPPenvorstand empfindet es als enorme Wohltat, wenn ihm schriftliche Arbeiten, Erledigung von Korrespondenzen üsw. abgenommen werden; wenn man ihm zeitraubende Besuche, Erkundigungen und Recherchen erledigt. Auch hier muß sich die Frau zur Verfügung stellen, und es bedarf für sie oft nur einer kurzen Einarbeitung, um sich zur „rechten Hand" eines solchen Vorsitzenden auszubilden. Auch die Ueberwachung der antisemitischen Presse zwecks Einsendung von Berichtigungen und Stellung von Strafanträgen, das Ausschneiden für uns wichtiger Zeitungsartikel, das Anlegen von Archiven und Kartotheken, sind Gebiete, auf denen jede Frau sozusagen ihren Mann stellen kann. Ihr seht, liebe Schwestern, gar mannigfaltig ist die Tätigkeit, die ihr für uns leisten könnt, groß das Arbeitsfeld, das es zu beackern gibt. Sucht euch eine Sparte aus, die eurer Begabung am besten liegt. Macht euch mit Ernst und Eifer an die Arbeit und laßt euch vor allem durch etwaige Mißerfolge, die ja nirgends ausbl-eiben, nicht entmutigen! Sagt euch immer und immer wieder, daß wir in dein uns aufgezwungenen Kampf um Recht und Ehre nur dann bestehen können, wenn alle Kräfte sich opferfreudig in unseren Dienst stellen. Der jall Walter. Von Gisella Selden-Goth. Der Dirigent und Generalmusikdirektor Bruno Walter, der seit neun Jahren an der Münchener Oper fruchtbarste künstlerische Arbeit leistet, ist von der Stätte seines Wirkens durch eine Wühlarbeit vertrieben worden, deren Ursprünge unschwer zu erkennen sind. Bayern will jndenrein werden; an den anmutigen Usern seiner Alpensecn vergeht keine Sommersaison mehr ohne obligate Aurempelungeu friedlicher Badegäste, in denen sogenannte „Landfremde" erkannt werden. Der Bajuvare hebt das Hakenkreuz hoch; nunmehr auch dort, wo es sich um Dinge der Kunst handelt, die für seine Hauptstadt vielleicht noch wichtiger sind als anderwärts. Denn die größte Anziehungskraft des schönen, aber mit abgrundtiefer Dummheit gesegneten Münchens liegt schon längst nicht mehr in den Reizen von Hofbräuhaus und Glaspalast, sondern in den Opernfestspielen im Hof-, Residenz- und Prinzregententheater, die jeden Spätsommer den Fremden zum Verweilen zwingen und deren künstlerische Kultur und Vollendung in Deutschland heute ihresgleichen sucht. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Münchener Oper vielleicht als einzige deutsche musikdramatische Bühne noch nicht von ihren: Niveau der Vorkriegszeiten herabgesunken ist, und der Mann, dem sie das Zu verdanken hat, ist Bruno Walter, der Schüler, Freund und Apostel Gustav Mahlers. Er allein hält sein Ensemble noch zusammen, da die Flucht vor der Mark in jedes andere die empfindlichsten Lücken reißt; die-Kraft seiner Persönlichkeit vermochte bisher noch einzelne hervorragende Stars Zu fesseln, die wir j?nst auch schon längst an Amerika hätten abgeben müssen. Seiner Suggestion ist es zuzuschreiben, wenn München noch imstande war, einen kostbaren Singvogel vom Range der Jvogün zu beherbergen, der sich von den: Studium mit dem reifen und genialen Dirigenten nicht zn trennen vermochte. Jeder Vorstellung jener festlichen Zyklen war der leitende Geist anzmnerken, der aus eigener Begeisterung auch die Milarbeitenden zur Hingabe zwingt. Wer der jüdische Künstler mußte schließlich aus' einem Wirken hinausgeekelt werden, in dem er Segensreiches leistete zum Wohl derselben Kreise, aus denen ihn: „Strömungen entgegengewirkt und wesentlich zur Ermüdung seiner Kräfte beigetragen haben". Mit diesen Worten hat er sich selbst zur Frage nach den Gründen seines Abganges geäußert. Letzten Endes ist Gustav Mahler auch nur über seine Nasse gefallen. Aber die Angelegenheit Walter erscheint insofern um noch eine Nuance krasser, als hier von den fanatischen Rücksichtslosigkeiten, der Tyrannei, der jähzornigen Jnkonziliauz jenes auch menschlich arg angeseindeten Größeren kaum die Rede sein konnte, um diese Anfechtungen zu motivieren. Niemals ist es Bruno Walter während seiner langen Amtszeit wie Mahler vorgeworfen worden, daß er etwa sein Institut materiell und moralisch durch allzu individuelle Arbeitsweise Zugrunde richte, oder das Niveau der AllLagsvorstellungen durch Konzentration aus wenige glanzvolle Abende unerträglich drücke. Die Intendanz, oder wer sonst als maßgebende Stelle gilt, war mit den Leistungen des Juden Walter hochzufrieden, und das Publikum, das mit keinen: anderen Wunsch in die Oper ging, als Musik zu hören, war es erst recht. Aber die völkisch empfindenden Bayern hatten genug davon. Unter diesen wirkt Herr H. M. von Waltershansen, ein Aesthetiker und Musikgelehrtor von außerordentlicher Bildung, der sich seinerseits berufen fühlt, Wagners Erbe im Kampf gegen „Das Judentum in der Musik" anzntreten. Sein Eifer geht soweit, in einer seiner Broschüren den Katholiken Franz Schreker auf Grund des harmonischen und rhythmischen Charakters seiner Musik als „entwurzelten Juden" zu bezeichnen und von der Verschmelzung der germanischen mit der jüdischen Musik eine „Katastrophe von unübersehbaren (?) Folgen" zu befürchten. Solche Persönlichkeiten mögen ihre Hand irn Spiel haben, wo es gilt, die Position der ersten musikalischen Instanz in Bayern einen: Arier anzuvertrauen. Es ist noch nicht klar zu sehen, wer hier kandidiert werden soll; handelte es sich um den Kölner Dirigenten Herrmann A.bendroth, wie das an mancher Stelle behauptet wurde, so wäre der Tausch der Münchener Oper ein sehr wenig günstiger zu nennen. Denn Herr Abendrot!) ist zwar so bayerisch, arisch, blond, behäbig und im Habitus so unsilbisch wie möglich, sonst aber einer jener tüchtigen, schwerfälligen Dirigenterl, denen die Anerkennung nie, der Enthusiasmus immer versagt bleiben wird. Einer der Männer, die im Nahmen eines Provinziellen Musiklebens erzieherisch und gedeihlich zu wirken vermögen, die aber keineswegs an ein Pult gehören, an dem bisher eine ertatisch nervöse, inbrünstig empsindeue Musiknatur, der auch kein Geheimnis ihres Handwerkes verborgen blieb, das beste europäische Publikum anfhorchen machte. Nun, da Arthur Nikisch tot und der bisherige Leiter der Staatskapelle, Furtwängler, an seiner Stelle die Philharmonischen Konzerte übernehmen soll, wäre an der Spitze des wunderbaren Berliner Opernorchesters der richtige Platz für Bruno Walter frei. Hier gehört er Hirn wo nur ein ganz erstrangiger, vom sonstigen Opernbetrieb völlig unabhängiger Dirigent die berühmten Berliner Symphoniekonzerte auf alter Höhe erhalten, ja, mehr als das, einer neuen, dem zeitgenössischen Geist mehr Angewandten Blütezeit entgegen sich reu kann. Walter genießt von gelegentlichen Gastdirigicrabenden her in: Berliner Publikum eine geradezu fanatische Verehrung; seine werngen Mahler-Ausführungen gehören zu den musikalischen Höhepunkten und Erlebnissen der letzten Jahre. Warum wird nicht mit beiden Händen Angegriffen, wo sich auf diese Art der richtige Mann für den richtigen Ort zu bieten scheint? Sollten am Ende . . . auch hier dieselben Gesichtspunkte bei der Besetzung des hervorragenden Postens eine Rolle spielen, die den Abgang Walters aus München auf dem Genüssen haben? Man sollte es nicht glauben, trotzdem so manches gemunkelt wird. Aber eines ist sicher: nicht Bruno Walter, sondern das deutsche Musikleben wird in diesem Falle cmss schwerste geschädigt werden. Die Spezies des großen deutschen Dirigenten ist im hochvaluLarischen Ausland ein begehrter Artikel; man lauert aus ihn, man reißt sich ihn aus den Händen. Walter wird herrliche amerikanische Orchester und Ensembles unserer längst verlorenen Süngergrößen dirigieren und materielle Güter erwerben, die ihm in unserer kriegsgeschädigtcn Welt wohl auf immer unerreichbar bleibe:: würden. Wir aber können dann damit zufrieden sein, in diesem „Juden" einen der wenigen Männer entbehren zu müssen, die künstlerischer Idealismus bisher noch in ihren: Vaterlande festgehalten hat. jLÜsrkerr sdsrr Gesellschaft Zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Im März fand die diesjährige Nkitgliederversamnilung der Gesellschaft in der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, Berlin R, Artilleriestraße 14, statt. Der Vorsitzende, Prof. Dr. M. Sobernheim, erstattete den Geschäftsbericht. Er gedachte zuerst der schweren Verluste, die die Gesellschaft seit der letzten Mitgliederversammlung erlitten hat. Es starben die Ausfchustmitglieder Rabbiner Dr. RoseuLhal (Breslau), Seminarrabbiner 'Dr. Horowitz (Breslau), Rabbiner Dr. Pozuanski (Warschau), Rabbiner Dr. Nobel (Frankfurt a. M.). Von den Veröffentlichungen der Gesellschaft erschiene!: in letzter Zeit: Baeck: „Das Wesen -es Judentums", 2. Auflage; die neue Auflage von Martin Phinppson: „Neueste Geschichte des jüdischen Volkes", Band I, die Herr Laudesrabbincr Dr. Rieger (Braunschweig) bearbeitet hat, wird demnächst fertiggestellt sein, ebenso der Druck von Staerck: „Geschichte der jüdischdeutschen Bibelübersetzungen". Der Druck der „Mechilta", dessen Leitung Herr Dozent Dr. Rabin (Breslau) nach den: Tode von Herrn Seminarrabiner Dr. Horowitz übernommen hat, wird fortgesetzt. — Der Verlag aller Veröffentlichungen der Gesellschaft ist an die Firma I. Kauffmann (Frankfurt a. M.) Schillerstrasze 19, übergegaiMn; auch der Verlag der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" geht demnächst an diese Firma über. — Der Mitgliederstand ist im abgelausenen Geschäftsjahre im ganzen unverändert geblieben. Die Lage Veit Inden in Rumänien. Bei den letzten ParlamentswahLen in Bukarest sind gewühlt worden: Oberrabbincr Zire Lsoh n- Kischinew, Dr. Adolf S t e r n, Präsident des Verbandes rumänischer Juden, Dr. PisLiner in Ezernowitz, Dr. S t r am che r sowie noch drei weitere jüdische Abgeordnete imt