Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 1 (4.5.1922)
- Date
- 1922-05-04
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 „Deutsches Recht unü Judentum." In der Münchener Monatsschrift „Deutschlands Erneuerung", die dem Programm dieses Titels offenbar dadurch gerecht . Zu werden glaubt, daß sie durch antisemitische Verlogenheiten und Fälschungen Deutschlands innere Zwietracht zu festigen sucht, finden wir einen Artikel über „Deutsches Recht und Judentum", von Gustav Beck aus Deggendorf in Niederbayern, einem Oertchen, das Zu Meßbach offenbar freundnachbarliche Beziehungen unterhält, obwohl Herr Beck sich nicht des Mistgabenstils seiner Mießbacher Gesinnungsörüder bedient, sondern ein eigenes Sprachgebräu verzapft, eine trübe Flüssigkeit, die durch Zusatz von allerhand Lesefrüchten die Farbe wissenschaftlicher Produkte annehmen will... Da die zahlreichen anderen juristischen Mitarbeiter der gleichen Nummer sich durch ihren Doktortitel oder Richterrang als Juristen legitimieren, darf man noch vor der Lektüre annehmen, was nach den ersten Zeilen evident wird: daß nämlich dieser Herr Gustav Beck alles andere, nur kein Jurist ist, und seine Berechtigung, über „Deutsches Recht und Judentum" zu schreiben, ersichtlich nur -aus dem Umstande ableitet, von dem einen so wenig zu verstehen wie von dem anderen. Womit man eigentlich über dieses, Profunder Ignoranz entquollene Gesabber zur Tagesordnung übergehen dürfte, wenn es nicht, wie gesagt, stellenweise den Ton ernsthafter Erörterungen annehmen würde, wodurch flüchtige Leser immerhin irregeführt werden können. Deshalb feien einige der lapidaren Behauptungen, die Herr Beck ohne den geringsten konkreten Beweis zu äußern wagt, niedriger gehängt. Er spricht vom römischen und byzantinischen Recht, das heute -als jüdisches Recht das deutsche Nechtsbewußtsein vergiftet, und erklärt, dieses Recht sei „nur Macht zur Sicherung des Eigennutzes, der verantwortungslosen Willkür". „Der Jude ist die verkörperte Willkür." „Sozial bedeutet dem Juden das, was dem Augenblicksvorteil der Massen dient"..., „also das Gegenteil des echten Ge m e i n s i n n s." „Ueberall setzen sie die Rechte vor die Pflichten, die Eigenvorteile an Stelle des Gemeinsinns." „Um Pflichten reißt sich der Jude so wenig wie der Pöbel." Usw. — Und auf Grund solch aus der üblen Luft Deggendorfs (in Niederbahern) gegriffener Anwürfe (Willkür ist eine jüdische Untugend!) Plaidiert Herr Deck für Ausnahmegesetze, Ausschließung der Juden vom Anwalt- und Richterberus, und läßt durchblicken, daß ihm Landesverweisung aller Juden das Erwünschteste wäre. Für sachliche Argumente ist dieser Herr Zu ungebildet. Es feien rhm deshalb nur ein paar — längst zu Gemeinplätzen gewordene — Wahrheiten entgegengehalten: Vor allem die, daß alles Recht Europas, das alte römische so gut wie das neue deutsche, aus jüdischen Rechtsnormen erwuchs. Moses, der Verkünder der Zehn Gebote, ist bis heute das größte juristische Genie unserer Kulturstriche. Selbst das verseiuerteste Rechtsempfinden der Gegenwart ist nicht imstande, Vorschriften von solch' ergreifendem, zarten Herzenstakt zu erlassen, wie „Du sollst das Kleid der Witwe nicht Pfänden", oder „Du sollst den Lohn des Tagelöhners nicht über Nacht im Hause behalten". Und Zur Zeit, als der Begriff des Gemeinsinnes anderen Völkern noch nicht ausgedälumerl war, schufen die Juden das „Zehent" und das „Jubeljahr". Erst aus diesem Volke konnte dann der große Prophet hervorgehen, der dem Reichen gebot, sein Geld an die Armen zu verteilen, und der Jesus hieß. Weiß Herr Beck auch von ihm nichts? Wir geben uns keineswegs dem Wahn hin, ihn bekehren oder umstimmen zu können. Aber er möge seinen Judenhaß auf anderen Weiden grasen lassen. Auf dieser ist nichts für ihn zu holen. Den Inden Ethik, Gerechtigkeit, Pflichtbewusstsein und Eemeinsinu absprechen zu wollen, ist so töricht, als ob mau beim deutschen Volte Sinn sür Poesie, Philosophie oder Musik Leugnen wollte. §. Die §rau und öer Lentral-Verein. Von Else Dormitzer (Nürnberg). Mit dem Erscheinen einer eigenen Wochenschrift beginnt eine neue und wichtige Epoche für den Central-Verciu, eine Epoche, die die Kräfte feiner Freunde und Mitarbeiter in höherem Maße als bisher beansprucht. Wenn ich gleich am Anfang dieses Zeitabschnittes das Wort ergreife, so geschieht es, um — wie schon öfters — meine Mitschwestern zur tätigen Anteilnahme, Zur Mithilfe an unserem Werke aufzurufen. Es ist eine merkwürdige, aber unbestreitbare Tatsache: Unsere Frauen, die, seit sie in den Besitz aller politischen Rechte getreten sind, überall im öffentlichen Leben wirken, die in den Parteien, in den verschiedensten Korporationen, in sozialen und Wohltätigkeits- Vereinen eine führenden Nolle spielen, sie versagen dem Eentral- Verein noch immer die Gefolgschaft! Mau komme nur nicht mit den einzelnen rühmlichen Ausnahmen, Zähle nicht etliche Rednerinnen, ein paar rührige Werberinnen aus — was bedeutet diese Handvoll Frauen -im Vergleich zu der großen Masse von Geschtech tsgenosnuneu, die unseren Bestrebungen, unserer Arbeit, unserem mühevollen Kampf fremd und teilnahmslos gegenüberstehen? Immer und immer wieder hört man die gleichlautende Antwort, wenn man die Frauenwelt für den Central-Verem zu interessieren versucht: „Ach, dieser Verein gehört nur für die Männer, diese Art von Tätigkeit liegt uns nicht!" Welch ein Irrtum, welch ein unheilvolles Verkennen der Tatsachen! Wie dringend benötigen wir die Mitarbeit der Frauen, wie wertvoll sind uns ihre Dienste; welcher Segen wäre es sär unsere Sache, würden sie ihre falsche Einstellung revidieren und uns tatkräftig mithelfen im Streite gegen äußere und innere Feinde. Der Kampf ums Dasein ist durch die Nvt unserer Tage aufreibender, zermürbender und vor allem Zeitraubender geworden: er nimmt die körperlichen und geistigen Kräfte der Männer, der Ernährer der Familie, in ganz anderer Weise in Anspruch wie früher, so daß ihre Muße- und Ruhestunden auf ein Minimum herab' gesunken sind. Trotzdem lassen sie nicht nach in ihren: Eifer sür uns, kämpfen sie in unverminderter Energie um ihre Staatsbürgerrechte, die ihnen blinder Fanatismus .rauben will, befehden sie Verleumdung und Rassenhaß, die uns stärker denn je umtoben. Wäre es da nicht selbstverständliche und natürliche Pflicht unserer Frauen, in diesem Streite au die Seite der Männer zu treten, sie zu entlasten, oder wenigstens die Bürde tragen zu Helsen? Nun ward die Frage ertönen: „Wie sollen wir dies anfangen? Welche Möglichkeiten bieten sich hier für uns Frauen?" Die Antwort darauf soll nicht fehlen und manch einer den richtigen Weg weisen. Da haben wir in erster Linie dis Propagandatätigkeit, die sich zu einen: Spezialgebiet sür die Frauen in hervorragendem Maße eignet. Es gibt ja uttbegreislicherweise immer noch eine Anzahl von Glaubensgenossen, die in völliger Verkennung der Gefahr, in der die deutsche Judenschaft schwebt, unserer Organisation nicht angehört, die aus dem riesigen Anschwellen der antisemitischen Hochflut nicht die notwendigen Folgen ziehen und erst daun heulend und zähneklappernd zum Central-Verein gelaufen kommen, wenn Pogromstimmung an ihre eigene Türr klopft. Diese Blinden sehend zu machen, hier ausklärend zu wirken, an Hand von Tatsachen Erläuterungen zu geben, ist Angelegenheit der Frauen; sie können naturgemäß für diesen so dringend notwendigen Zweig unseres Arbeitsgebietes mehr Zeit aufbrin.gen; sie werden, dank ihrer natürlichen Beredsamkeit, Einwände entkräften, Zweifel beseitigen können, und es wird ihnen — das steht außer jeder Frage — großer Erfolg beschieden sein, wenn sie sich mit Ernst und Hingäbe ihrer Ausgabe widmen. Jeder deutscher Jude und jede deutsche Jüdin soll und muß zu uns gehören, das ist nicht nur Pflicht der Allgemeinheit gegenüber, sondern auch nackter Selbstschutz; nur durch engen Zusammenschluß wird es gelingen, uns gegen alle feindlichen Machenschaften zu behaupten. Hier rechnen wir in erster Linie auf die Hilfe der Frauen. Der Central-Verein stellt ihnen Material in Hülle und Fülle zur Verfügung; oft bedarf es dessen gar nicht, denn leider hat jede Frau, die mit offenen Augen um sich blickt, gerade genügend Stoff ans eigner Erfahrung bei der Hand. Damit kommen wir zu einem Zweiten Gebiet für weibliche Unterstützung, nämlich zur Hilfe im Abwehrkampf. Erschreckt nicht vor diesern Ausdruck, liebe Milschmestern, es handelt sich nicht um Auftreten in öffentlichen Versammlungen, nicht um Persönliche Berührung mit deutschvölkischem Rowdytum. Nein, wir wollen euch bitten, aus antisemitische Vorkommnisse in eurer näheren Ilm-! gebung Zn achten und uns hier zu unterstützen. Hat nicht jede jüdische Mutter irgendein antisemitisches S-chulerlebnis ihres Kindes durchgemacht, sich gegrämt und entrüstet über Ansein- I düngen und Zurücksetzungen, die Söhnen und Töchtern zuteil werden? Und — Hand aufs Herz! — hat jede hier ohne Besinnen den Fehdehandschuh aufgehoben, ihr Recht gefordert und erhalten? Da gi-br es kein Zögern und Zurückstehen — wo ein antisemitischer Vorstoß erfolgt, muß er pariert werden. Hier ist es die Frau und Mutter, die mutig in -die Schranken treten soll. Auch hier ist der Erfolg unausbleiblich; wir können aus hundertfacher Erfahrung versichern: wo jüdische Eltern gegen den Antisemitismus in der Schule - komme er von Lehrkräften oder von Mitschülern — energisch Front macken, w-o sie durch Beschwerden und Eingaben bei den zuständigen Behörden vorstellig werden, da tritt Ruhe ein, denn die Erkenntnis, daß auch der Jude ein Mensch ist — sozusagen —, an den: man nicht ungestraft sein Mütchen kühlen darf, dämmert dann sogar in den sonst so begriffsstutzigen ideutschv öl tischen Gehirnen. Ta wir gerade von der Jugend reden, sei auch gleich des großen Einflusses gedacht, den die Mütter hier im Interesse unserer Bestrebungen c-usttben können. Zu freien, aufrechten Menschen müssen sie ihre .Kinder erziehen, die sich, ihres Deutschtums und Judentums bewußt, Einflüsse sernhalten müssen, die ihnen das eine oder das andere zu rauben versuchen; die als treue Staatsbürger ihren: Vaterlande nach besten Kräften dienen, die den. heiligen Glauben ihrer Väter tief in: Herzen tragen, und denen nichts erbärmlicher und verächtlicher erscheint, als ihn um äußerer Vorteile willen auszugeben. Ein Renegatentum ist ausgeschlossen, wenn die jüdische Mutter aus ihren: Posten steht. Aber auch Bescheidenheit und wohlanständiges Verhalten bringe sie ihnen bei, damit ihr Auftreten und Gebaren nicht Aergernis und Anstoß errege. Iw einer Zeit, da unser Vaterland in tiefster