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Central-Verein-Zeitung · 1922-05-04 · 1 (4.5.1922) · p. Seite 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
1 (4.5.1922)
Date
1922-05-04
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Die Ostjuöenfrage. Von Dr. Bert h, o l d H a a s e. Die Aufgabe, in einem kurzen Artikel die Ostjudenfrage zu beleuchten, erinnert an die Anekdote, nach der der milde Hillei von einem Andersgläubigen anfgefordert wurde, ihm die Bedeutung der jüdischen Religion während der Zeit zu erklären, in der er auf einem Fuße stehen könne. Der Weise antwortete, die ganze jüdische Sittenlehre lasse sich aus dem einen Satze ableiten: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.— Das Ostjndenproblem, das, vom Standpunkte der deutschen Juden gesehen, eine der wichtigsten Gegenwartsfragen ich ist kein einheitlicher Begriff. Es birgt einen ganzen Komplex von Politischen, wirtschaftlichen, sozialen und philantropischcharitativen Fragen in sich. Als Politische Frage ist die Ostjudenfrage in erster Linie ein Problem der deutschen Politik, und zwar nicht nur — was bei ihrer Behandlung in den Parteikümpfen besonders scharf zum Ausdruck kommt — eine solche der inneren Politik, sondern auch — was vielfach übersehen wird, von der Verantwortlichen Staatsleitung aber von vornherein erkannt worden ist — eine Frage von außenpolitischer Tragweite. Ihre Bedeutung als eine sinnerz irdische Frage braucht kaum besonders hervorgehoüen Zu werden. Die Stellung zu der Ostjndensrage ist geradezu ein Angelpunkt für bestimmte Richtungen "innerhalb des deutschen Judentums geworden. Sie wird von den extremen Parteien — sei es auf nationaldeutscher, sei es ansi nationaljüdischer Seite — als eine grundsätzliche betrachtet und mit Leidenschaftlichkeit ansgefochten. Die Stellungnahme des Central - Vereins läßt sich kur; folgendermaßen kennzeichnen: - Die Ostjndensrage ist für eine grundsätzliche Betrachtung vollkommen ungeeignet. Ob man das Vorhandensein der Ostjudenin Deutschland für erwünscht oder unerwünscht ansieht, kann für die Stellungnahme nicht ausschlaggebend sein. Es kommt lediglich darauf an, wie man die Schwierigkeiten praktisch überwindet. Die praktische Lösung wird aber erschwert, wenn man mit heißem Kopse in müßigen und unfruchtbaren Auseinandersetzungen darüber streitet, wie sich das deutsche Judentum theoretisch, weltanschaunngsgemäß und gefühlsmäßig zu den' Ostjuden einzustellen hat. Der Central- Verein betrachtet die Lösung der Ostjndensrage in erster Linie als eine Ausgabe der deutschen Politik. Er legt den Schwerpunkt in die Wahrung der Interessen des deutschen Vate r l a n d e s. Er glaubt, daß dieses Interesse nicht nur beeinträchtigt, sondern im besten Sinne wahrgenommen wird, wenn man die Frage zu lösen sucht ansder Grundlage der Gerechtigkeit, der M e n s ch lich - keit und des Wohlwollens. Die deutschen Juden bringen den Ostjuden als ihren Glaubens- und Siammesgenosien, die die Opfer von Verfolgungen, Mißhandlungen und Pogromen - geworden sind, eine nicht nur äußerliche, sondern herzliche Teilnahme entgegen. Die Erfahrungen einer mehr als zweijährigen Verantwortungsvollen Tätigkeit: Haben bestätigt, daß bei dieser Behandlung, die Interessen des deutschen Vaterlandes, der deutschen Juden und der Ostjuden zu einer harmonischen Einheit zusammensließen. Die Reichs¬ und Staatsbehörden bedienen sich in der richtigen Erkenntnis der Sachlage bei der verwaltungstechnischen Durchführung der Mitarbeit der großen jüdischen Organisationen, die in dem ,Ärbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisation Deutschlands" zusammengeschlossen sind. Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens als die größte dieser Organisationen hat selbstverständlich seine Mitarbeit nicht versagt und wird es auch in Zukunft nicht tun. Ueber die Menge der Ostjuden in Deutschland werden phantastische Zahlen verbreitet und häufig auch in jüdischen Kreisen als richtig hingenommen. Demgegenüber ist festzustellen, daß die Zahl der nach dem Kriegsausbruch, also seit 7L? Jahren, nach Deutschland gelaugten und hier aufhaltsamen Ostjuden sich gegenwärtig auf etwa 65 000 beläuft, von denen sich etwa 18 000 bis 20 000 in Berlin befinden; — Ziffern, die im Verhältnis zu der ungeheuren Zahl der anderen Ausländer sicherlich nicht als besonders groß anznsehen sind. Ter Beginn des Kriegsausbruches ist der maßgebende Zeitpunkt, weil Zehntausende von ostjüdischen Arbeitern während des Krieges nicht freiwillig, sondern durch Zwangsmaßnahmen der d eu ts ch e n H ee r e s v e r w a l L u n g aus den von den deutschen Truppen besetzten Gebieten Rußlands nach Deutschland überführt worden sind und nach Beendigung des Krieges infolge des Zusammenbruches des russischen. Reiches in ihre Heimat nicht zurückkehren konnten. Ein anderer Teil ist nach Deutschland gekommen, als die politischen Verändernngen an der Ostgrenze, die Verfolgungen der Juden und die Pogrome, die noch in aller Erinnerung sind, viele zur Flucht genötigt haben. Deutschland war nicht ihr endgültiges Ziel— Wanderungsziele der Ostjuden sind stets die Ueberseeländer gewesen — sondern das Landin das sich als das geographisch benachbarte der Flüchtlingsstrom zunächst ergoß. Sie konnten aus Deutschland aber nicht wieder heraus, weil nicht nur die Ostländer ihre Grenzen sperrten, sondern auch die früheren Ausnahmeländer, zumal Amerika, die Einwanderung verboten. Dieser Situation standen neben der deutschen Staatsverwaltung diedeutsche n Juden gegenüber, deren Interessen durch'den Zustrom der Ostjuden natürlich in besonderem Maße berührt wurden. Die brutale Lösung, die Zunächst von der Staatsverwaltung versucht wurde, die Flüchtlinge in menschenunwürdigen Jrsterniertenlagern einzusperren, erwies sich als ebenso undurchführbar wie unklug. Sie führte, abgesehen von ihrer überaus schädlichen außenpolitischen Wirkung, dazu, daß viele Tausende arbeitsfähiger und arbeitswilliger Menschen auf Staatskosten ernährt wurden. Das Arbesterfürsorgeamt vertrat demgegenüber den Standpunkt, daß man durch positive M atznahmen die wertvollen Arbeitskräfte der deutschen Volkswirtschaft nutzbar machen und gleichzeitig den Arbeitern die Möglichkeit schassen müsse, die Mittel für ihren Unterhalt selbst zu verdienen. Die Losung hieß: „Fort von der Straße, hinein in die Arbeit." Diesen Standpunkt hat sich die Staatsverwaltung zu eigen gemacht. Die Versuche der Produktivierung, deren Durchführung im einzelnen mit einer unendlich mühevollen Arbeit verbunden ist, sind in überraschendem Maße gelungen. Nicht nur als Industriearbeiter, sondern auch als Landarbeiter sind viele Zehntausende dieser Ostjuden — meist junge und arbeitskräftige Menschen — beschäftigt, in: rheinisch-westfälischen Industriegebiet allein gegenwärtig zirka 15 000, mehrere , tausend als Bergarbeiter unter Tag. Das Verhältnis zu den deutschen Arbeitern ist ein ausgezeichnetes. Die Gewerkschaften nehmen mit anerkennenswertem Gerechtigkeitsgefühl auch die Rechte der ostjüdischen Arbeiter lvahr. Bemerkenswert ist/daß sich die Ostjuden auch als Landarbeiter gut bewährt haben 'und von den Landwirten gern angefordert werden. Für diejenigen, die noch nicht Arbeit gesunden' haben oder arbeitslos geworden sind, für Hilfsbedt'rrstige und Kinder, ist in großzügigen Herbergsorganisationen gesorgt worden, so z. B. in dem ehemaligen Asyl für ObdachloseZn Berlin, das sich zu einer mustergültigen Anstalt entwickelt hat. Tort erhalten sie nicht nur Schlafgelegenheit und Verpflegung, sie werden auch strengen hygienischen Kontrollmaßregeln unterworfen und ärztlich behandelt.. Ein besonderer Zweig der Tätigkeit dient der sozialen Fürsorge, insbesondere für Frauen und Kinder. Eine ausgedehnte, wichtige Aufgabe des Rrbeiterfürsorgeamtes ist die Beschaffung von Pässen und Legitimationskarten, die für die .Weiterwanderung oder die Arbeitsbeschaffung notwendig sind. Das Amt ist hierbei in enger Fühlung mit den Ministerien, dem Regierrrngsprüsidenten und den Polizeiverwaltungen tätig. K r i m i n e l l e n u n d S chieber n w i rd g r u n d s ä tz l i ch j e d e Hilfe verweigert. Die Auswanderung aus Deutschland und die Rückkehr in dis Heimat wird mit allen verfügbaren Mitteln gefördert. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß als Erfolg dieser Positiven Arbeit eine wesentliche Entspannung der Schwierigkeiten eingetreten ist, die durch das Vorhandensein der Ostjuden entstanden waren, zumal die Sperrung der Grenzen streng durchgeführt wird. Diese Entlastung ist erreicht worden'Burch Maßregeln, die einerseits auf die Verminderung der Zahl der Oftjuden, anderseits ans die Schaffung produktiver Arbeitsmöglichkeiten für diejenigen abzielten, dis genötigt sind, in Deutschland zu bleiben. Tieft Ergebnisse hatten auch insofern eine günstige Nebenwirkung, als sie antisemitischen Angriffen, die ans der Ostjndensrage Nahrungschöpsten, den Boden entzogen. Der Hinweis auf die Produktive Arbeit gerade in der Jetztzeit, in der jede schassende Tätigkeit uns die Last der Reparationen tragen hilft, kann auf gerechtdenkende Menschen nicht ohne Eindruck bleiben. Zum Schluß noch ein kurzes Wort über die finanzielle Seite der Frage. Die Mittel für die umfassende und kostspielige Arbeit wurden bis Juli 1921 im wesentlichen durch amerikanische Beihilfen aufgebracht. Diese Unterstützungen sind jetzt sorigefallen. Die ständige Teuerung hat die Aufwendungen anderseits erheblich vergrößert. Die deutschen Juden Werdersich der Aufgabe nicht entziehen können, in Zukunft selbst die Mittel für ein großes Werk auszubringen, das in der ganzen Welt als vorbildlich anerkannt ist, dessen Aufrechterhaltung für sie unerläßlich und für das deutsche Vaterland in hohem Grade förderlich ist.

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