Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 1 (4.5.1922)
- Date
- 1922-05-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Jüöifthe Presse. Bon Dr. Knrt Alexander (Krefeld). Das erstmalige Erscheinen eines Organs, das versprichst sür das deutsche Judentum von außerordentlicher Bedeutung zu werden, dürste die günstigste Gelegenheit sein, über den Begriff „Jüdische Presse" einige Worte zu sagen. Antisemitische Sprecher und Schreiber machen von diesem Worte gerne Gebrauch. Das Schlagwort von der Verseuchung deS deutschen Geisteslebens durch die jüdische Presse, von der Vergiftung der deutschen Wirtschaft durch sie, von ihrem verderblichen Einfluß auf die deutsche Politik, ist an der Tagesordnung. Fragt man dann, was jüdische Presse ist, so erhält man prompt und sicher als Antwort Namen wie „Berliner Tageblatt", „Frankfurter Zeitung" und andere. Wir sind darüber nicht im Zweifel, daß es durchaus verfehlt isst diese Blätter als jüdisch zu bezeichnen, und daß nur eine systematische Agitation, die es mit der Wahrheit nicht genau nimmst darauf kommen kann, hier von „jüdischen" Blättern zu sprechen. Was den Judengegnern hier als jüdisch erscheint, ist einmal vielleicht die Politische Einstellung, die ihnen nicht Paßt, zum anderen eine gewisse, bei dem einen Blatt mehr, bei dem anderen Blatt weniger hervortretende Neigung, dem „Sensationsbedürfnis" der breiten Masse gerecht zu werden. (Dabei ist es überdies noch charakteristisch, daß ein so viel gelesenes, stets als „jüdisch" bezeichnetes Blatt wie die „Frankfurter Zeitung" am wenigsten dieses letzte Merkmal ausweist.) Vielleicht ist es auch die ganze, aus den flüchtigen Leser, der sein Organ in einer kurzen Mußestunde, auf dem Wege zum Geschäft, in der Bahn, lesen mutz, zugeschnittene Art, in der die großen Zeitungen allmählich gehalten wurden. Das alles aber hat mit Judentum und jüdischem Empfinden nicht das geringste zu tun. Nur ein Zufall will es, daß in den Verlagsbureaus und Redaktionsstuben dieser Blätter zeitweise einige Juden sitzen, deren Zahl aber hier, wie üblich, übertrieben wird. Wer die Dinge kennt, weiß, daß dieser Zuschnitt der modernen Presse aber nicht dem jüdischen Geiste entstammst sondern Zeitbedürfnis ist. In Amerika liegen die Anfänge dieses Zeitungswescns. Dort, wo sich weit früher als bei uns das hastende und sich überstürzende Lebens- und Arbeitstempo entwickelt hat, mußten die Zeitungen so gefaßt werden, daß sie in kurzer, leicht faßlicher Weise den Leser über die wichtigsten Ereignisse auf dem Gebiete der Politik, der Wissenschasst der Kunst und der täglichen Nachrichten unterrichten. In dem Augenblick, in dem auch in Deutschland das Leben ruhige Bahnen zu verlassen begann, mußte auch hier die Presse sich den Wünschen, und nicht nur diesen, sondern auch den Notwendigkeiten der Leser anpassen. Daß im übrigen Liese zu Unrecht als „jüdisch" verschriene Presse Großes geleistet und sehr dazu beigetragen hat, Kunde Von deutscher Art im Auslande zu verbreiten, ist bekannt, und wird nur von denen, die diese Dinge nicht sehen wollen, bestritten. Zweifellos haben diese Organe weit mehr geleistet als die antijüdischen Hetzblätter, die ganz im Gegenteil es verstanden Haben, das Ansehen unseres Landes und Volkes in Mißkredit zu bringen. s Jüdische Presse aber ist etwas anderes und soll etwas anderes sein. Das wahrhaft jüdische Organ ist nicht berufen, Sensationen zu bringen, ist nicht geeignet, zwischen Arbeit und Arbeit, in einer kurzen Erholungspause, gelesen zu werden, sondern es soll ein Blatt sein, das Kenntnis des Judentums vermittelt und dadurch die Liebe zum Judentum stärkt. Erledigt es aber mit Ernst diese Aufgabe, so liegt es auf der Hand, daß es vom gewöhnlichen, modernen Zeitungsstil sich fernhalten muß. ES hat ganz andere Wege einzuschlagen. Das jüdische Blatt soll in die Tiefe gehen. Es soll an dem Inneren des Lesers rütteln. Es soll zum Nachdenken anregen, und zwar zum Nachdenken über Dinge, die man sonst gerne achtlos beiseite schiebst Wer aber solches leisten will, muß sich von vornherein darauf einstellen. Der Leiter eines solchen Blattes muß sich darüber klar sein, daß er Fragen zu vermitteln hast die außerhalb des Gedankenkomplexes liegen, der den Menschen tagtäglich beherrscht. Er muß sich bewußt sein, daß er vielfach gänzlich Neues zu geben, daß er au verschlossenen Türen zu Pochen hat; kurz, daß er eine unendlich große und unendlich bedeutsame Erziehuugsausgabe zu leisten und zu vollenden hat. Deshalb sei jede Nachricht, die das Blatt bringst daraus geprüft, ob sie diesem Zweck dient. Noch einmal: Zu Sensationen sind wir nicht geschaffen. Der Gier, Neues zu bringen, haben wir nicht zu dienen. Die Absichst schnell zu Vergessendes vorzubringen, darf uns nicht beherrschen. Dieses sei auch sür das neue Organ bedacht. Eine Zeitschrift deS Eentral-Vereins kann zwar kein wissenschaftliches Blatt sein, jedenfalls nicht in der Hauptsache. Es wird, wie alle unsere Arbeit, dem Kamps dienen. Aber auch der Kampf kann erziehen, und der Kampf sür das Judentum kann die Liebe zum Judentum fördern. Deshalb sind die Nachrichten, die wir über diesen Kampf zu bringen haben, auch nicht dazu da, um das Sensatiousbedürfnis zu befriedigen, sondern sie sind Rüstzeug und zugleich Glied der Kette, die uns au das Judentum schließt. Denn jedes Mehr, das wir vom Judentum erfahren, soll unS enger mit ihm verbinden. Die Politischen Berichte sind nicht so zu werten, wie die gleichartigen Aussätze einer Tageszeitung. Sie sind nicht nur zu lesen, sondern sie sind zu lernen, sie sind zu behalten und sind auszuführen. Die wissenschaftlichen, die belletristischen Veröffentlichungen sollen uns nicht nur einen Genuß oder eine Befriedigung bereiten, sondern sie sollen uns ein- Wegweiser sein, der unS hineinführt in das Wissen vom Judentum, das für uns die Voraussetzung all unserer Arbeit isst Nun ist das Ziest das so der wirklich jüdischen Presse gesetzt wird, nicht allein dadurch zu erreichen, daß der verantwortliche Leiter des Blattes an dieses Ziel denkt, sondern es gehört dazu, daß der Leser ebenso genau weiß, daß er hier ein Organ vor sich hat, das sich von seiner Tageszeitung unterscheidet. Das, was eine Zeitung erreichst hängt sehr davon ab, w i e sie gelesen, und i n w elche m Augenblick sie gelesen wird. Wird sie flüchtig, in der Absicht, nur das Neueste zu hören, nur cs schnell wieder über der Arbeit zu vergessen, und im Augenblick der Abspannung gelesen, dann bleibt natürlich nichts oder nur wenig vom Inhalt haften. Unsere Zeitung aber soll anders gelesen werden. Man soll sich vor allen Dingen nicht dann, wenn man ermüdet ist, mit ihr befassen, sondern gerade dann, wenn man Zeit und Ruhe hat. Man soll sie lesen mit dem Bewußtsein, daß man aus ihr zu lernen hat, und in der Zeit, in der man auch lernen kann. Mit dem Gedanken, etwas Wertvolles, etwas Gutes, etwas Schönes und etwas Nützliches vor sich zu haben, soll man an das Studium — nicht an die Lektüre — Herangehen. In dem Augenblick, in dem wir lese n, müssen wir uns darüber klar sein, daß wir uns an das Judentum binden, und wir müssen den Willen haben, diese Bindung zu verstärken. Jeder Aufsatz, jede Nachricht, ja jeder Satz kann sür uns eine Bedeutung Haben. Vor allein aber soll uns alles eine Anregung sein, eine Anregung, nicht nur in den Kamps mit eiuzutrctcu, sondern zu weit mehr: jüdisches Sein, jüdisches Wissen erfassen zu wollen. Wie also die Aufgabe des jüdischen Blattes eine hohe isst so muß auch der Wille des Lesers ein starker und ein geläuterter sein. In diesem Zusammenhang darüber zu reden, warum wir überhaupt ein jüdisches Blatt brauchen, erscheint unangebracht und überflüssig, und nicht Zweck dieser Darlegungen. Nur mit einem Satz sei es festgestellt: Wir brauchen ein besonderes jüdisches Blatt, weil unsere aus sich selbst gestellte Gemeinschaft vielfacher Bindungen bedarf. Eine Zeitung aber, die das Wissen voneinander und das Wissen von der Gemeinschaft vermittelt, ist eine der stärksten Bindungen. Das, was w r r von der jüdischen Presse verlangen, ist also etwas ganz anderes als das Merkmal der Blätter, die die Gegner als jüdisch bezeichnen. Wieder ein klarer Beweis dafür, wie Agitatiousbcdürfuis und Unwahrheit Hand in Hand arbeiten. Und wenn nun heute ein neues jüdisches Blatt zum ersten Male — jedenfalls in einer neuen Gestalt — an die Oefsentlichkeit tritt, so empfange mau es nicht mit dem Ruse, daß es unnötig gewesen sei, die Zahl der jüdischen Organe um ein weiteres zu vermehren, sondern man sei froh darüber, daß die jüdische Presse um ein neues Glied vermehrt worden ist. Denn wenn die jüdische Presse so ist, wie sie sein soll, kann sie in ihrer Zahl kaum beschränkt werden. Jedes einzelns Blatt ist ein Weg zum Judentum. Möge eS ihrer recht viele geben, und möge das neue Blatt ein guter und. von vielen begangener Weg werden!