Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1922-05-04 · 1 (4.5.1922) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
1 (4.5.1922)
Date
1922-05-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277380-2277381--00005-2279095
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3 sein, wie es kürzlich ein bewährter Mitkämpfer durch den Vergleich der Gliederung des Central-Vereins mit der einer Feuerwache andeutete: „Wenn dort angerufen wird, müsse die Wehr mit ihren Gespannen sofort der Brandstelle zueilen." So richtig dieser Satz ist, so falsch ist er in seiner Einseitigkeit. Zur Feuerwehr gehört in einem geordneten Gemeinwesen die Feuerpolizei. Ohne strenge Vorschriften, welche verhindern, daß Dynamitvorräte in Holzhäusern gelagert werden, ohne baupolizeiliche Beschränkungen aller Art im Interesse der FeuersicherheiL würde keine Fellerwehr nusreichen, um der entstehenden Brande Herr zu werden. Darum bestehen die Aufgaben des Central-Vereins erst allerletzten Endes in der „Löschung von Bränden". Die ausfällig^ Durchsetzung der Bevölkerung einer Gegend mit jndensemdlichen Elementen ist in der Regel ein Beweis dafür, daß die Aufgaben des Central- Vereins dort nicht mit genügendem Nachdruck dnrchgeführt worden sind. Um im Bilde des Vergleichs zu bleiben: Was entspricht den Holzhäusern, in denen Sprengstoffe gelagert werden? Die Bevölkerung, welche vom wahren Wesen des Judentums und der Juden nichts weiß und infolgedessen unbefangen dem erstbesten judenfeindlichen Wanderredner, der sie durch unbewiesene Behauptungen und Verallgemeinerungen zu verhetzen sucht, ihr Ohr leiht. Die Tatsache, daß judenhetzerische Bestrebungen in stllen den Gegenden, in welchen man keine Juden kennt, am leichtesten Erfolge erzielen, muß zu Ueberlegnngen Anlaß geben. Demagogie, d. h. Volksbetörung, kann nur dann durchdrungen, wenn die Menge ihr Hauptmittel, nämlich die Verallgemeinerung von Einzeltatsachen, nicht erkennt. Vor dem Kriege hatte" Deutschland für eine Kultnrpropaganda im Auslände nicht gesorgt. Deutsches Wesen war unbekannt oder durch das Zerrbild einiger dort ausgefallener deutscher Reisender, dem sogenannten „deutschen Typ", entstellt. Dadurch war dem Fehlurteile über Deutschland während des Kriegs, den wüstesten Verlemudnngen sind gröbsten Entstellungen Tür und Tor geöffnet. Irr' gleicher Weise geht es den jüdischen Deutschen. Wer kennt sie genauer, wer kennt ihre Geschichte, ihre religiösen Sitten, den Inhalt ihres Glaubens, das geschichtliche Werden ihres Denkens, aus dem mau sich eine wirklich treffende Vorstellung vom Wesen jüdischen Geistes machen kann, während man sein Zerrbild urteilslos annimmt? Noch nicht der Tausendste -unserer Mitbürger und Mitbürgerinnen. Nur der Schlechte fällt aus, nie fehlt da der Zitsatz „Jude"! Bei dem Guten liest matt das nie. Irgendwelche jüdische Literaten, die Aussätze und Gedichte schreiben, die weite Kreise verletzen, hält ein großer Teil des gebildeten Publikums für die Vertreter der heutigen Tagesschriftstellerei. An ihre Namen knüpft sich der Ruf: „Die Inden verderben unsere Literatur." Daß Gundolf (Gnade!finger) mit seinen herrlichen Werken Jude ist, weiß kaum jemand. So finden Zusammenstellungen, die schlechte Handlungen einzelner Juden aneinanderreihen, auch bei vernünftigen Menschen gläubige Aufnahme. Die Gegenrechmmg auszumachen ist aber auch der Gutgesinnte nur selten imstande. Ein weiteres Mittel der Volksbetörung neben dieser Verallgemeinerung ist die falsche Einschätzung von Zitaten, von der Falschzitierung oder Entstellung ganz zu schweigen. Darüber berichtet Professor -Goldstein demnächst an dieser Stelle. Hier nur ein bezeichnendes Beispiel: Man hört heute noch in .judenfeindlichen Versammlungen unter Anrufung Goethes leine Worte wiederholen: „Der Jude liebt das Geld und fürchtet die Gefahr, er weiß mit leichter Müh und ohne viel zu wagen, durch Handel und durch Zins Geld aus dem Land zu tragen." Diese Worte hat Goethe allerdings geschrieben, aber wo, und in welchem Zusammenhänge.! Goethe läßt in einem Jugendwerke, dem „Jahrmarkt in Plundersweiler", diese Sätze Haman, dem Minister des Königs Ahasverus, saget!, der aus persönlichem Haß gegen den Juden Mardochai Antisemit war und den König dazu bestimmen wollte, alle Juden im persischen Reich zu vernichten. Daß er Haman, dem Antisemiten, nicht judensrenndliche Worte in den Mund legen kann, wird wohl jeder einsehen. Aber das verschweigt dre Antisemitenpresse, was Goethe König Ahasverus unmittelbar daraus erwidern läßt: „Ich weiß das nur zu gut, mein Freund, ich bin nicht blind, doch das Lun andere mehr, die urweschnitten sind." Das dritte Mittel der Demagogie ist die Statistik. Ihr häufiges Beiwort „Dirne" ist leider nicht ganz unberechtigt. Sie ist für jeden zu haben, der sie anzuwenden versteht. Die sogenannte Jadenzählung und die Betrachtung der Frage der Juden im Heere chaben klar bewiesen, auf welche Fehlurteile die durch unverstandene Zahlen verführte Masse gerat. Darum müssen Werke wie Segatl „Die deutschen Inden als Soldaten im Kriege 1914--18" I, May, „Konfessionelle Militärstatistik"'), und ein von-Franz Oppenheimer in Aussicht gestelltes Buch') Gemeingut der Gebildeten werden. Und auch die Nichtgebildeten können durch gemeinverständliche Vorträge über diese Art judenseindlicher 'Demagogie aufgeklärt werden. Ein vierter Weg, welchen die Volksbetörung geht, ist die Ausnutzung sogenannter wissenschaftlicher Ergebnisse im Zusammenhang mit der Judensrage. Ein Beispiel: Der Agitator erzählt den Zuhörern: Deutschland bezahlt über 10 Milliarden Mark Kriegsanleihezinsen. Würde es an Stelle der Zinskupons Banknoten drucken lassen und jeden: ans Heller und Pfennig seine gezeichneten Beträge zurückzahten, so würde die Schuldenlast nui die ungeheure' Summe von jährlich 10 Milliarden Mark ermäßigt werden. Warna: geschieht das nicht? Weil die jüdischen Bankiers ihren Nutzen haben wollen. Also: das deutsche Volk muß darben und zugrunde^ gehen um einiger jüdischer Bankiers wegen. Eine ganze Spielart der Judenhetze hat sich entwickelt, die mit volkswirtschaftlichen Ausführungen dieser und ähnlicher Art Verhetzung treibt. Hier kann Aufklärung und Klarheit geschaffen werden. Die Begriffe „raffendes und schaffendes Kapital", die Frage: Wer verteuert die Waren, kurz alle jene Uebelstände. die mit der Kriegswirtschaft und ihren Folgen zusanunenhängen, müssen leidenschaftslos in der Leffentlichteit auseinandergesetzt werden. Noch ans ein Letztes sei hingewiesen. Fortgesetztes Vorbringen von Lügen, ohne sofortiges Entgegentreten in der Oesfentlichkeit, läßt die falschen Behauptungen schließlich als anerkannte Wahrheit erscheinen. Wie oft liest man noch immer z. B.: Graetz hat gesagt: „Die Revolution ist der Stern Judas." Montefiore hat geraten: „Die Juden müssen alle Zeitungen erwerben, nur die Macht der Presse für sich auszuuutzen." „Lord Northclisfe ist Jude, Liebknecht war Jude." Alle diese längst -erwiesenen Schwindeleien kommen jeden Tag erneut zum Vorschein. Die Lügenhaftigkeit solcher Propaganda überhaupt muß dem Publikum beigebracht werden. Man staunt wirklich, was in den Versammlungen alles gegen Die Juden vorgebracht wird. Ein schlagwortaniges Lerikon dieser Unwahrheiten wird demnächst zur Herausgabe gelangen. Alles das hat mit der Abwehr im eigentlichen Sinne nichts zu tau. Wenn wir als Minderheit, als aus politischen und wirtschaftlichen Gründen angegriffener Teil der Gesamtdevölkernng erst warten wollten, bis die Feuerglocke ertönt, würde es zu spät sein. Unablässige Arbeit an u n s und d u r eh u n s ist deshalb das Gebot des Central-Vereins. A n u n s: in dem so oft erörterten Sinne der Einkehr, welche niemals bedeuten darf, daß wir uns, wie es jetzt in einigen Kreisen empfohlen wird, in der Oesfentlichkeit geißeln. Wir sind nicht besser und nicht schlechter als alle andern. Und der jüdische Judenhaß ist noch ekler als jeder andere. Wir rücken auch von Elementen nicht ab, welche der großen Oesfentlichkeit und auch den meisten von uns nicht behagen. Das werden nur erst dann tun. wenn unsere nichtjüdifchen Volksgenossen von i h r e n Schädlingen abrücken. Sonst würde dieses Handeln selbftg-ebantes Ghetto bedeuten. Niemals darf unsere Tätigkeit aus die Auswirkungen Rücksicht nehmen, welche etwa Judengegner aus ihr ziehen können. Unser Charakter, unsere Mannesehre, unsere jüdische Würde, unser deutscher Stolz haben zu entscheiden, was wir zu tun und was wir zu lassen haben. Unser furchtbarster Gegner ist jene Leisetreterei, die immer sagt: ..Bei uns ist es ruhig, man merkt noch nichts", die Aengftlichkeit, die immer fragt: „Ist die Zeit zur Abwehr schon gegeben?" Für Minderheiten im Staatswesen ist die Zeit zur Aufklärung über sich selbst, zur Rechtfertigung ihrer eigenen Persönlichkeit immer gegeben. Diese Aufklärung und Rechtfertigung erfolgt nicht in Gereiztheit, nicht als Angriff, sondern sie erfolgt unter dem Gesichtspunkte der Kultumusgaben, die Minderheiten in der bürgerlichen Gesellschaft haben und welche dahin gehen, daß sie berufen find, im Interesse der gesamten Menschheit wahre Vaterlandsliebe zur Verwirklichung zu bringen, indem sie der Via sie zeigen, wie die üble Saat der Lüge ein Volk gesellschaftlich. Politisch und wirtschaftlich unterhöhlt. Darum fort mit der Abwehr! K Phllo-Vertag 1922. A I. B. E. Mohr, Tübingen 1919. „Du Ittdemtütislik des'' Preußischen Krreasmimilor!ums im Lichte der Wissenschaft" (Verlag Dr.Kurt Thesiug, Bichl. Oberbayern).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.