Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 1 (4.5.1922)
- Date
- 1922-05-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Diesen Ruf richten wir an alle unsere Freunde, an Männer und Frauen, an Alte und Junge! Eine von so hohem Idealismus getragene Bewegung darf nicht still halten, sie befindet sich in dauernder Entwicklung und muß sich in dauernder Entwicklung befinden. Niemand darf sich nur auf leitende Persönlichkeiten verlassen und sich auf Kritik der Leitung, die oft recht wohlfeil ist, beschränken. Unser Verein war jederzeit eine Vereinigung der Arbeit, nur gemeinsame Arbeit kann uns fördern! Möge diese gemeinsame Arbeit auch durch unsere neue Wochenschrift im Kampfe für Deutschtum und Judentum gefördert werden! - Ms -er Jugenö -es LerrLral-Vererns. Erinnerungen von Geh. Justizraki Dr. Eugen F u ch s. Mein erstes Eintreten in die jüdische Bewegung «fällt, wie mir meine Notizbücher zeigen, aus den 26. März 1893. Es war Palmensonntag, und im Vereinshaus Wilhelmstraße 117 fand eine jüdische Versammlung statt, zu der ich geladen war. Ich erinnere mich noch, wie scheu ich mich umsah, als ich das Haus betrat. Denn damals lag es noch so, daß man sich vor seinen christlichen Freunden genierte, an einer derartigen Versammlung teilzunehmen. Die Vorgänge jenes Tages stehen mir noch heute unvergessen im Gedächtnis. Ich kam gerade dazu, als ein jüdischer Amtsgerichtsrat aus Charlottenburg eine Rede hielt, in der er die Juden ermahnte, sich zu bessern, um sich so der Gleichberechtigung würdig zu machen. Mir stieg bei dieser Rede das Blut zu Kopf. Ich meldete mich unverzüglich Zu Wort und sagte, daß ich geglaubt habe, einer Versammlung zur Begründung eines Abwehrvereins beiwohnen zu sollen und nicht einer zur Besserung entlassener Strafgefangener. Ich fragte, ob es denkbar wäre, daß Offiziere oder Landwirte die Gründung eines Vereins zur Wahrung ihrer Interessen damit begännen, daß sie sich bessern müßten. Dies scheine mir, so führte ich weiter aus, ein Ghettostandpunkt zu sein, den ich ablehnen müsse. Ich weiß noch, daß ich vor Erregung damals einen Magenkrampf bekam und diese erste Versammlung in übelster Verfassung verließ. Meine Philippika aber hatte immerhin einigen Erfolg: Am 1. April teilte mir das Komitee mit, daß ich in die konstituierende Kommission hineinkooptiert worden sei. Am 4. April wurde ich zum Vorstandsmitglied und Schriftführer der kom stituierenden Versammlung, am 15. April in den geschästZsührenden Ausschuß gewählt. Die nächsten Wochen vergingen mit der Ausarbeitung eines Aufrufes, in welcher Arbeit ich mich mit dem späteren Minister Preuß, dann mit Löwenfeld und Martin Mendelssohn teilte. Im Mai wurde endlich beschlossen, eine öffentliche Versammlung einzuberufen, und nachdem ich mit Löwenseld und Mendelssohn zum Vorsitzenden des neugegründeten Vereins gewählt worden war, fand diese am 29. Juni in der Singakademie statt. Etwa 200 Personen nahmen an ihr teil. Anfangs besaß die Mehrzahl von uns kaum irgendwelches jüdisches Selbstbewußtsein. Die Gefühle, die uns beherrschten und die zur Gründung des Vereins geführt hatten, waren vorwiegend Aerger und Empörung über die uns versagte Rechtsgleichheit, Aerger «und Empörung darüber, das; die Verfassung ungestraft zum Nachteil der Juden verletzt, der Rechtsfrieden dauernd gefährdet, unsere Religion und Sittenlehre ungestraft gelästert und beschimpft werden durste. Unser Wirken war deshalb in erster Reihe auf die Sicherung des Rechtsfriedens und die Bestrafung der Störenfriede gerichtet. Der Kampf mit der antisemitischen Radaupresse, die «Stellung von Strafanträgen füllte zunächst unsere Tätigkeit ganz aus. Dies nur so mehr, als viele unter uns, so auch einer unserer Begründer, Raphael Löwenfeld, unseren Kamps als reinen Rechtskamps geführt «wissen wollten. Damals glaubte man noch, die Judensrage durch einen seichten Rationalismus lösen zu können, glaubte, den Antisemitismus aus der Welt zu schaffen, wenn man die Speisegesetze aüfgab, dem Talmud abschwur und die Sozialdemokratie bekämpfte. In diesem naiven Glauben wurde damals unser Schrifttum, das Alte Testament, die Propheten in keiner Weise berührt, ja man hütete sich, sie in den Kampf einzubeziehen. Erst viel später dämmerte den führenden Persönlichkeiten die Erkenntnis auf, daß wirkungsvolle Abwehr gründliche Kenntnis des Judentums bedinge und daß man für die Gleichberechtigung der Juden nur dann mit Erfolg eintreten könne, wenn man als Kämpfer für die Gleichbewertung des Judentums auftrete. Auf diesem Wege führten unsere Abwehrbemühungen langsam zur Kenntnis unserer Tradition, zur Kenntnis der jüdischen Sittenlehre und Ethik, zur Kenntnis der Propheten und des Talmuds, und aus diesem Wege erst gelangten «wir zu unserer wertvollsten Waffe: zu unserem Stotz auf das Judentum, zu unserem jüdischen Selbstbcwußtsein. Heute noch überkommt mich in der Erinnerung Zorn und Empörung, wenn ich an die Widerstände denke, die sich uns entgegenstellten. Immer wieder hieß es, man solle doch keinen Staub auswirbeln, nicht provozieren, den Antisemitismus sich selbst überlassen — er würde von selbst aushören, wenn wir ihn nicht weiter zur Kenntnis nähmen. Immer wieder sielen uns so die Kleinmütigen und Kurzsichtigen in den Arm und beschworen unS, doch kein Wasser auf die Mühlen der Antisemiten zu treiben, weil wir «das Judentum nur schädigten, wenn wir der Phalanx der Antisemiten eine jüdische Phalanx entgegenstellten. Wir sollten die Abwehrarbcit vorurteilslosen Christen übertragen. Erst allmählich rang sich der Gedanke durch, daß Stolz und Selbstbewußtsein uns notwendig die eigene Führung des Kampfes aufzwängen und daß Selbstverteidigung um so mehr «unsere Pflicht, ja die Pflicht jedes Juden sei, weil der Antisemitismus nicht bloß den einzelnen Juden, sondern die jüdische Gesamtheit und damit die Ruhe des Vaterlandes bedrohe. Mit «der siegenden Kraft der Wahrheit hat sich dieser Gedanke Bahn gebrochen. Die Zeit ist gottlob dahin, da wir unS noch über unsere Freunde zu ärgern hatten. Uebcr alle Einzelcrsolge hinaus darf der Central-Verein es heute stolz sein Verdienst nennen, wenn das deutsche Judentum wieder verinnerlicht, sein Charakter gestärkt, sein Gemüt erhoben ist, und wenn der deutsche Jude heute wieder Selbstvertrauen, Selbstachtung und «Selbstkritik besitzt, und die Taufe wieder als Ehrlosigkeit, als Fahnenflucht gilt. Heute, in der demokratischen deutschen Republik, tritt der Kamps um die Gleichberechtigung zurück und unsere Ausgabe wendet sich von der bloß negativen Abwehr einen; großen Positiven Programm zu, dem auch unsere neue Zeitschrift dienen soll. Der Kernpunkt dieses Programms aber liegt darin, «den Stolz aus und das Wissen vom« Judentum in unsere Jugend zu verpflanzen, ihr das Gefühl fest einzuprägen, daß wir gute Deutsche und dennoch Erben einer großen niemals zu verleugnenden jüdischen Tradition sind, damit der ethische Gedanke des Judentums in deutschem Boden immer reichere Wurzel schlage, in deutscher Kultur immer mehr erblühe und erstarke. §s§L mrL -er Mzyehr! Von Lyndikiis Tr. Ludwig Holländer. Unter dem Leitfpruch „Wer angegriffen wird, soll sich wehren" ist der Centrat-Verein seinerzeit gegründet worden. Jahrzehntelang hat dieser Leitsatz rmserm Kampf vorangestanden, hat er die Führer des Central-Vereins erfüllt und sie bei ihren; Bestreben, die Masse der Judenheit zu selbstbewußten Deutschen und Juden zu« erziehen, ständig gelenkt. Mit dem Wachsen Unseres Ausgabenkreises und durch die immer neuen Erscheinungsformen der judenfeindlichen Angriffe wurde eine fortschreitende Vertiefung dieses Leitsatzes nötig. Der Begriff der „Abwehr" mußte neuen Inhalt bekommen. Was wird unter „Abwehr" als angeblicher Hanpttätigkeit unseres Vereins gemeinhin verstanden? Die Erwiderung aus Flugblätter, die mündliche und schriftliche Entkräftung von Angriffe!; aller Art, Aufklärung oer von judengegnerischer Leite verhetzte'.; oder einseitig unterrichteten Bevölkerung, kurz, das sofortige Eingreifen, wenn es not tut, das Jmiuer-bereit-