Mannheim
Compact Memory

Bar Kochba · 1921-06-01 · Heft 23-24 (Juni 1921) · p. Seite 367

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bar Kochba
Volume
2 (1920-1921)
Issue
Heft 23-24 (Juni 1921)
Date
1921-06-01
Page
Seite 367 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2276426-2276451-2276472--795-2277359
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„ich kam allein, niemand stört uns! Ich hatte verlangen nach dir, nach dem Vater, nach Miriam und Äaron. Jochebed ftänd steil und hager vor ihm und betrachtete ihn mit einem hungrigen und leidenschaftlich entzückten Ausdruck ihrer großen Äugen, die in dem gelben, fleischlosen Antlitz wie düstere Feuer brannten. „Mein Lohn!" sagte sie ganz leise, „ja! du bist gerettet worden vor dem Elend deines Volkes! Du bist stark und frei und gehst in einem weichen Kleide mit aufrechten und sicheren Schritten! Vir können sie nichts anhaben, die Peiniger, —" „Mutter!" unterbrach sie Mose in flehendem Ton, eine schuldbewußte Ergriffenheit entriß ihm nun dennoch das Wort, „sprich nicht davon! Mit zerquältem Herzen kam ich her, - und soll nun nichts anderes hören, sehen, denken als den furchtbaren Äbftand zwischen meinem Los und dem eurigen? Äch, . vielleicht wäre mir wohler, wenn ich die dumpfe Ärmseligkeit mit euch teilte, nie Besserer gekannt hätte als sie! Warum hast du mich den Kegyptern gegeben —?" Iochebed hob die verarbeitete Hand, ein geheimnisvolles Lächeln um die Lippen. „Ich habe dich den Mordknechten doch abgelistet," flüsterte sie, „wäre das Körblcin nicht den Nil hlnabgeschtvommen, sie hätten dich ja ergriffen und getötet, dich, mein seinsles, mein lieblichstes Kind! Nein, nein, es ist ja gut so! Sie lieben dich und bereiten dir einen glätten Weg, die Mächtigen dort unten, ich will sie segnen dafür. Wir harren in der Dunkelheit, du aber steigst empor und wirst groß wie sie i" Mose schwieg betreten. Lr verstand die Mutter nicht. War ihre Seele so lahm von Elend und Not, daß sie in seinem Schicksal nichts sah als die glänzende Versorgung? Daß sie nichts empfand als die unterwürfige vefriedigüng, ihn reich und geehrt zu sehen? „wo ist der Väter?" fragte er nach einer Weile, „und Äaron?" „wo sollen sie sein?" gab Iochebed achselzuckend zurück, „bei den Bauten oder unten am Flusse, wo man die Steine von den Schiften lädt: sie schleppen und schaffen schwer, zusammen mit den andern des Stammes." Sie unterbrach sich, sah sich in der Hütte um, suchte ein wenig kopflos rechts und links. „Sa, und ich, — ich stehe hier müßig und schwatze, das liorn muß dennoch gemahlen werden, — setze dick ein Weilchen, Mose, willst du? Der Vater wird bald kommen, und Äaron und Mirjam, du wirst sie erwarten, nicht wahr? wenn es dir hier nicht zu ärmlich ist und zu unreinlich... - " Sie sagte es ohne Verlegenheit, demütig und bittend, und Mose fand kein Wort der Erwiderung. Seine Äugen hatten sich an die Dunkelheit gewohnt, und er unterschied das dürftige Gerät des Baumes, die Schlafstätten aus hartem Lchilfgras, die Ueberreste einer kärglichen Mahlzeit, die in einer Ecke standen, schlechtes, grobes Brot, trockene Lohnen und ein Schälchen schon geronnene Milch. Und mit peinlicher Bestürzung sah er zu, wie die Mutter, auf dem nackten Steinboden kniend, ein Häufchen Gerstenkörner auf der Handmühle zerrieb: gebückt und keuchend arbeitete sie, die mageren Ärme reckten sich taktmäßig aus dem verfärbten und fadenscheinigen Gewand hervor. „Mutter -, ist es nötig, daß gerade du diese Ärbeit besorgst?" fragte er endlich, unfähig länger schweigend dabei zu sitzen, .„kann nicht Mirjam — oder Äaron —" Sie hielt inne und wischte den Schweißtropfen weg, der an ihrer eingesunkenen Schläfe herabrann. „Äaron muß mit Sonnenaufgang hinunter zu den Bauten." antwortete sie, „Und kehrt er abends heim, so hängen' ihm die Ärme wie tot vor Müdigkeit, oft hat er auch blutige Striemen von des Vogtes Geißel. Und Mirjam besorgt unseren Äcker, sät, pflügt und jätet, sie Hat vollauf Ärbeit mit dem Stücklein Gerstenland, von dem wir leben."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.