Mannheim
Compact Memory

Bar Kochba · 1921-05-01 · Heft 22 (Mai 1921) · p. Seite 345

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bar Kochba
Volume
2 (1920-1921)
Issue
Heft 22 (Mai 1921)
Date
1921-05-01
Page
Seite 345 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2276426-2276451-2276471--772-2277335
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Inzwischen ginge» einige Unteroffiziere mit Polizisten durch die Gasse», um zu sehen, ob allenach Vorschrift ginge; und spater folgte der Bürgermeister mit dem Ma,or. Wir saßen bereit-am Tisch und hatten gerade nach alter Geflogenheit zwischen den einzelnen Gerichten gesungen. alS es anklopfte und ein Polizist in der Tür erschien: Da-Blumenfenster müsse entfernt werden. Der Unteroffizier starrte auf die SchabbeSlampe, die Tischlampe und die Stearinkerzen auf den Tisch. Ocl«, Steinöl. und Kerzenlicht im selben Zimmer mochte ihm alunaeheurer Luxus erscheinen. Dann sah er wehmütig auf den Nudelschalat, und prüfend auf meine/ Mutter, die mit einer reichbebänderten Haube dasaß, und auf meine Geschwister. Er wollte soldatisch auftreten und schien flch dennoch zu genieren. Mein Vater schüttelte energisch den Kopf, daß sein goldgesticktes Käppchen wackelte, alder Polizeidiener ihm eröffnete, die Blumen müßten entfernt; und der Erker herabgenommen werden. „Sie wissen doch, daß jetzt bei mir SchabboS ist, Engelhardt, und da tut niemand etwas in meinem Laufe, und ich lasse nicht-tun." Polizeidiener Engelhardt, dem. gleich dem Unteroffizier. Wein und BärcheS aNgebote» worden war. kratzte sich in komischer Verzweiflung an seinen blanke» Schädel. Mein Vater war unstreitig der beliebteste Bürger im Städtchen und außerdem imponierte dem streng, katholischen Polizeidiener die bestimmte Art, mit, der mein Vater sein Ansinnen zurückwieS. „Da muß ich'S dem Herrn Bürgermeister melde» — — mir soll - ja schon recht sein — — no, meinetwegen — ich Hab meine Schuldigkeit getan." Kaum zehn Minuten darauf — wir sangen gerade den 126. Psalm — klopfte eS wieder an. Diesmal der Bürgermeister in eigner Person, neben ihm der Major. Ich hatte ein stilles Vergnügen an dem verblüfften Gesicht der Beiden. ' Mein Vater erhob sich und lud die Herren ein näher zu treten. Der Major schüttelte kaum merklich, aber doch sichtlich erstaunt den Kopf. Vielleicht hatte er nie zuvor ei» solches Freitagabendbild gesehen. Nun begannen wieder die Präliminarien; diesmal präziser von Seiten der beiden Gewaltigen, und die'Ablehnung noch bestimmter von Seiten meine- Vaters, aber zugleich diplomatischer. „Die paar Fuß Scheiben können so tapferen Soldaten, wie die Ihrige», sicherlich kein Hindernis bereiten. Ich aber habe heute Ruhetag und kann ihnen nun einmal nicht behilflich fein bei der Entfernung des Erkers-— „Aber doch nur dieses eine Mal, wir leben doch im Krieg, da muß die Sabbatruhe suspendiert werden, „meinte der Bürgermeister. Jetzt legte sich meine Dlutter ins Mittel. „Allerdings leben wir jetzt im Krieg, meine Herren, gaS gilt doch nur für Sie, Herr Major, und nicht für Bürgersleute. Und wir sind doch friedliche Bürger, und unser Äcker mit seinen Blumen hat so wenig Kriegerisches an sich, daß Sie ihn in semem Frieden stehen lassen könnten." / „Der Krieg, verehrte Frau," erwiderte der Major fein lächelnd mit verbindlichem Tone, „scheint in der Tat vor Ihrer Schwelle mit all seiner Beunruhigung Halt zu machen. Ich bewundere Ihrer aller Ruhe, mit der Sie hier sitzen, während die ganze Stadt in Aufregung if»H , Die Unterhaltung währte gut zehn Minuten, und endete damit, haß mein Vater einverstanden war, daß der Bügermeister durch andere Leute den vielbeanstandeten Erker und was drum und dran und drinnen war, entfernen lasse/ Auf der Straße blieben die Herren nochmalprüfend vor dem Fenster stehen, und mein Vater stand dabei, Unter der ruhigen und zugleich achtungsvollen Darleguga meines Vaters schien tatsächlich der Erker vor den Augen beS MajorS ziemlich zusammenzuschrumpfen. Er sagte nichts mehr Und blickte sinnend in die Stube, aus der der Helle Lichterglanz auf die verdämmernde Straße fiel. Dann entfernte er sich mit dem Bürgermeister langsamen Schritte«, Noch heute sehe ich die stattliche Soldatengestalt, die eine Hand mit dem weißen Handschuh aus dem Rücken, in/ den warmen Sommerabend dahinschreiten. Niemand kam um den Erker zu entfernen — er überdauerte den Krieg. Die Nacht verging ohne jegliches kriegerisches Ereignis; ebenso der Vormittag. Die Leute gingen zahlreicher wie sonst in die Synagoge. 345

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.