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Bar Kochba · 1921-05-01 · Heft 22 (Mai 1921) · p. Seite 344

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bar Kochba
Volume
2 (1920-1921)
Issue
Heft 22 (Mai 1921)
Date
1921-05-01
Page
Seite 344 (sequence 8)
Language
German
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des Pferdes, das der Lsfizier ritt. Er wischte sich den Schweiß mit einem karriertem Schnupftuch ab. fuhr über seine Glatze, schneuhte sich und begann mit lauthinschallender Stimme strenge Befehle lind Verordnungen von einen« Bogen Papier abzulesen. Ich denke, eS waren KriegSartikrl. die sämtlich mit dem menschenfreundlichen Anfang: „mit-dem Tode wird bestraft, wer. . begannen und ebenso verheißungsvoll schloffen..; Wahrscheinlich, um bei einem etwaigem Ztraßenkampf daS Gesichtsfeld nicht einzuengen, mußte a» den Häusern alles entfernt werden, was aus der Straßenflucht herausragte; auch durften an den Straßenseiten keine Fässer. Bretter, Balken liegen bleiben. ES gab also Räumungsarbeit genug für die Bürger. Inzwischen fuhren die Militärs und der Ausrufer fort zu verkünden, waS alles Tun oder Unterlassen bestraft werden würde. Mindestens.zwanzigmal verkündete der Ausrufer: „mit Tod wird bestraft... ferner lvird bestraft...." Die mildeste Strafe, die überhaupt an jenem Freitagmittag angekündigt wurde. >var Todesstrafe, und erfüllte mein junges Gemüt mit großer Hochachtung vor Preußen. Während Reiter, Trommler, Trompeter und städtischer Ausrufer an allen Straßenecken die Leute herbeilocktcn und in Schrecken versetzten, saß mein Vater im Hof vor einem Spiegel und zwickte sich den Bart. Lhne seine Arbeit einen Augenblick zu unterbrechen, hörte er meinen wortgetreueil Bericht an. Jetzt, wo so viele Menschen erregt durch die Gaffen eilten, verwirrt und kopfloö die verkehrtesten Dinge taten, kan« mir diese Ruhe und Gelassenheit meines Vaters bewlllidernSwürdig vor. Da kam Herzleib Koppel, unser Schuster, und erzählte, daß große Aufregung in der Stadt herrsche, und — was ihm eine gewisse Genügtuung zu bereiten schien — die Leute, die sie besaßen, ihre Gold- und Wertsachen in ihre Keller versteckten. Und Koppel war doch sonst ein so herzensguter, und. nebenbei gesagt, sehr harthöriger Mensch. „So'n SchabboS ist.noch nie in der Kille erlebt worden", so schrie er laut, nach Art tauber Mensche». „Gottlob, daß ich nichts zu verstecken habe. Solche Angst ausstehen zu müssen, nein, da soll man lieber nichts haben." Mein Pater, ohne sich im Zwicken stören zu lassen, nickte dazu. Koppel fuhr klagend fort: „Wer weiß, wer-Morgen Abend noch Hawdolo erlebt; ja, wer weiß, wer unsere schöne Bohnensuppe morgen auölöffclt. Allweil Hab' ich sie in den Setzofen getan; ein halber Lchsensuß und eiii schön Stück Spitzbrust ist drin. „Und einen gefüllten Magen," fuhr er wehmütig fort, „hat mein Iettchcn geinacht -." Jetzt hielt es meiii Vater ait der Zeit, das Wort zu ergreifen. Er stand von feinem- Stuhl auf und rief Koppel inö Ohr: ...Hab' keine More, Koppel, du wirst deine Bohnensuppe selber essen, und am gefüllten Mage» den dtiiiigen wieder verderben; wie immer —" Koppel schien sichtlich beruhigt. Mein Vater redete ihm noch ermutigend zu, und er verließ/ .wieder zuversichtlich geworden, das Haus. Mein Vater zwickte sich ruhig weiter, als gäbe es keineii Krieg, als seien alle Bajonette in Pflugscharen verwandelt, und Lamm Und Löwe läge» friedlich schon nebeneinander. Ich ging in die Stube. Da war schon längst alles sabbatlich. Schon früh Vormittags wurde festlich weiß gedeckt; Blumen, Lichter, Becher N»d Speisegeröte alisgestellt. Meine Mutter hörte gleichfalls mit großer Ruhe meine Berichte an. Sie ging im selben Augenblick an den Herd und prüfte Suppe, Obst, Rudelschalat,. dessen braune Kruste ich heute noch zu sehen wähne und ließ mich reden, bis ich frug: „was werden wir denn »lachen?" „SchabboS!" antwortete sie lächelnd und zuversichtlich. Wie ruhig, wie feierlich das von ihren Lippen kam! Ihre ganze Geisteskraft, ihre ganze unerschütterliche Frönunigkeit. ihre daraus entspringende Furchtlosigkeit drückten sich rn diesem einen kurzen Wort auS, sodaß ich vermeine, eS heute »och zu hören: „SchabboS!" Und so geschah eS. Meine Schwestern hätten, wie sonst am Freitag für ihre Toiletten vorausgesorgt. Und als die Sonne sich den BergeSgipfeln wieder iiaherte war SchabboS wie im tiessteN Frieden/ Und als die Schul aus war, sang mein Vater wie sonst sein Scholaum Alechem. 344

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