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Bar Kochba · 1921-05-01 · Heft 21 (Mai 1921) · p. Seite 334

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bar Kochba
Volume
2 (1920-1921)
Issue
Heft 21 (Mai 1921)
Date
1921-05-01
Page
Seite 334 (sequence 14)
Language
German
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„Die Preiße komme, die Preiße komme", schrieen gleichzeitig, ein paar Buben und rannten durch die «taffen-. Im Nu hattsn sich etwa zwei Dutzend Menschen auf die Straße begeben und slaiiden nun, mehr verwundert wie erschreckt, aus dem freien Platz an der Allee. „Nach Haus' Ihr Leute", schrie der Offizier und hob die Spitze seines Degens- Es war einige Tage nach dem unglückseligen Tage vonTrauten»», und so mochte der Offizier ein gleiches Unheil fürchte», lind wir waren doch eine so harmlose Ansammlung. Meine Wenigkeit mit zirka sechs Altersgenossen, ein paar Dienstmädchen, die mit einigen Wäscherinnen gerade mit ihren Körbe» nasser Wüsche aus die Bleiche ivollten und die feindlichen Krieger mit wohlwollenden, durchaus nicht feindseligen Blicken betrachteten. Auch der Küfekineister aus der .Amtgaffe und 'frin Sohn standen mit verschränkten Arinen da, einige ältliche Fralicn, die überall, wo was los war, mit dabei waren, ferner ein Tüncher, der seine» Kübel hinstelltr, dir Psrise respektlos im Munde behaltend und hinter ihm eine übclbelcumundete Frauensperson, welche einen Prüfenden Blick über die votüberzichende preußische Hceresmacht gleiten ließ. „Nach Hause. Ihr Leute! geht auseinander!" schrie wiedernm der Truppcnführcr. Die Leute wichen einige Schritte zurück. Nur der Küfer war ohne sich zu rühren und den Offizier trotzig anblickend. stehen geblieben. . „Hier bin ich daheim, das iS mci' Grund und Boden!" antwortete er ebenso laut. Eriinitigl durch diese Opposition, begann auch ein hochgewachsenes, rotbäckiges Mädchen, gleichsallö laut: „Mir misse uff die Bleich, mcr hawwe Wäsch', Herr Offizier, und mei' Madam timmt auch gleich." „Halt!" kvnimandicrte der Major., wütend die keck umherstchenden Mensche» musternd, -zu seinen Soldaten gewandt. Da iiiimer mehr Menschen herantraten, änderte er seine bisherige Taktik.' „Leutchen, so geht doch auseinander!" redete ersetzt freundlich mahnend die Gaffer an. Da gingen nur: wir waren ja erobert. Und nun verteilten sich die Soldaten in kleinen -Gruppe»'von sechs bis zehn Mann und besetzten die strategisch wichtigsten Punkte der Stadt Blngrn: Vaö Zollamt, dessen Kaste bereits »ach Darmstadt abgcführt war, die Post, das Telegrnphenaint, den Bahnhof, das Rathaus und den Marktplatz, Sie hatten die Bajonnettc ansgepflanzt und hielten ihre Zündnadelgewehre schußbereit unterm Arm. Aber trotz dieser kriegerischen Maßnahmen ivollten sich keine Feindseligkeiten entwickeln und die müde und traurig dreinschauendcn Landwehrinänner erweckten eher Teilnahme als Feindschaft. Das waren ja meist Familienväter, die augenscheinlich mehr nach Hause, als daran dachten, auf deutschem Boden gegen deutsche Bürger unrühmliche Lorbeeren einzuheimsen. Bei beginnender Nacht war der „Feind" wieder gesammelt auf dem Marktplatz, Gewehr zu Fuß, und mit den Kopf an Kopf sich herandrüngcnden Bürgern lebhaft plaudernd. Der von einem Ausflug eben hcimgekehrte Bürgermeister, kaum daß er die Schreckenstunde von der „Eroberung" der Stadt vernommen, erschien gleichfalls auf dem Marktplatz van zwei Stadträlen begleitet. Und von der andern Seite wurde der Krcisrat und der Kreisassessor sichtbar. An de» Schauern, die mich jnugcnBnrschendnrchricseite» ich hatte damals auch starkes AZechsclfieber fühlte ich, daß ein großer Historischer Vorgang sich vor meinen Augen abspielte. Aber wo war die Schüssel mit dem Salz und Brot, dem Zeichen der llnteriverfung^ So hatte ich eü doch in der Schule aus der Weltgeschichte gelernt. Der Bürgermeister hatte cs am Ende in der Ailstegung vergessend llnd wo hatte der Kreisrat die Schlüssel der Stadt, die doch nach historischem Programm dem cinziehende» Sieger aus einem Kissen entgcgengcbracht iverden mußten c" Mein historisch geschultes Empfinden empörte sich über diese Verstöße gegen alles geschichtliche Herkommen. Da fiel mir zur rechten Zeit »och ein. daß Bingen doch gar leine Stadttore hatte und somit keine Schlüssel, als Zeichen der Unterwerfung, überreichen könnte. Der große historische Moment brachte mir eine große Enttäuschung. Der Offizier, der seinen Degen längst in die Scheide gesteckt hatte, griff grüßend an seinen Helm, Bürgermeister, ttreisrat und Gefolge an die Hüte; gegenseitige Vorstellung und das sollte der Krieg lei»!

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