Bar Kochba
- Journal
- Bar Kochba
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- Heft 21 (Mai 1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 335 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich war enttäuscht. Inzwischen war die Unterhaltung zwischen dem „gemeine» Pulke" und der Soldateska nicht nur lebhafter, sondern auch lauter und herzlicher geworden. Die ganze leichtflüssige und fröhliche Natur der Rheinbewohnerwar zum Dnrchbrnch gekommen, und ich gehe nicht fehl, wenn ich meiner Erinnerung folge, das; die siegreich cinzichenden Soldaten sehr rasch von der Bürgerschaft besiegt worden waren. Tie hohen Herren vom Militär und Eivil hatten eine gar lange Unterredung, die sich in liebenswürdige» Können zu bewegen schien, denn nach einer kurzen halben Stunde schüttelten sich die Feinde die Hände, mit vielen Verbeugungen »nid verbindlichem, häufigen Lächeln. Ein Sieg der Kultur über die Barberci des Krieges. „Nicht' euch!" krähte eine quietschende Stimme. Sie gehörte cinein Lcutenant der Reserve an, den ich zuvor gar nicht beachtet hatte. DaS laute Lachen und Schwaben verstummte sofort. Da»»» zog der Feind ab. Ein betrunkener Bursche hatte hiirra geschrieen, und sofort sielen Hunderte von Menschen ein und schrieen ebenfalls hurra. Dan» kamen fröhliche Tage. Nachdem die drei Prüfungstage für die. friedliche Gesinnung der Bürger vorüber-waren, »ind die Soldaten ohne Bedenken, sogar unbewaffnet in die Bieryäuser und selbst in dir Bürgerwohnungen gehen konnten, lebten Preußen lind Hessen, uueingedenk deö vorschriftmäßige» Krieges, in eitel Lust und Fröhlichkeit und der unvergleichlich gutgeratene l^!'>e> würde in Strömen getrunken. ~~ Freitagabend kam heran. Der Gottesdienst, der etwas besuchter wie sonst ivar, begann wie im tiefsten Frieden. Die sonst lauen Juden wollten sich jedenfalls mit dem lieben Gott etwas besser stelleli, es war ja immerhin Krieg, man ivufite doch nicht recht, waS »och kommen konnte, und Not lehrt beton. Wegen der großen .Hitze war die Synagogentür weithin geöffnet worden, und man konnte von der Straße aus in die Schul'sehen und singen hören. Als der Vorbeter den Lecho daudi begonnen und »nt dein Ehor abwechsend säiig. schrillen zwei höhere Offiziere langsamen Schrittes vorüber. AIS sic die utivergleichlich schöne Slinune des Vorbeters hörten, die mit gewaltiger Macht durch den großen Raum bis ans die Straße scholl, blieben sie lauschend stehen und traten bis an die Synagogenpforte heran. Sichtlich ergriffen von der Schönheit des Gesanges horchten sie andachlvoll, als befände» sie sich in der eignen Kirche. . Taktvoll trat der Schames näher, um sie zuiil Eintreten einzülade»; sie lehnten aber, verbindlich grüßend, ab. Ich konnte sie gut betrachten. Beide wären schöne stattliche Männer, nicht mehr jung, wohl nahe der fünfzig. Als der Vorbeter sich nun umwandte, mit znr Gemcinde gewandten Antlitz „Baui bescholaum" anhub, da sah ich etwas, waS ich seitdrin >i>chl mehr gesehen, und was sobald keiner mehr sehen wird. Der ältere nahm langsam die Mütze ab, der jüngere folgte seinei» Beispiel. Da droben vor dem Altar sang und jubelte ein gottbegeisteter und gottbegnadeter Sänger, eine stattliche. Ehrerbietung heischende Gestalt, die der hohe Offizier mit unverhohlenem Wohlgesallc» betrachtete. Taiin entfernten sich beide. ' Bis zum koiNlnenden Donnerstag bot ntöine Vaterstadt ein fröhliches und srjedliches!. Soldatenbild. Man hörte kaum das Wort Preuße» oder Hessen. Da brach abci zivischen beiden Staaten die erste Feindseligkeit auS und zwar im Eas^hauö und zuerst zivischen hessischen und prenßischcii Juden. Und das kam so: Seit undenklichen Zeiten wurden'ülr dem einzigen Ease des Städtchens olle Geschäfte unter den Juden der ganzen Umgegend, die an den Markttagen hier zusaiinnen käme», abgeschlossen. Daran schloß sich dann meist ein Spielchen. PreiißischerseitS beteiligte sich eben Meyer Laubcnheiln, hessischcrseits Mosche Gaulsheim'und Nathc AlgeSheii» an einer Partie Franzesuß. Bisher war es friedlich abgegangen, der Kaffee behaglicti geschlürst und die »arten spielgerecht ansgcgeben ivorden 335