Bar Kochba
- Journal
- Bar Kochba
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- Heft 19-20 (April 1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 312 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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(£6 lag eine Stimmung erwartungsvoller Vorfreude über dem Platz. Dann' kam ein Abend, ein stiller, friedvoller, mondlos dunkler Lorsabend. Der nächste Tag enttäuschte die Erwartun- - ge» nicht. Schon früh strömten von allen Seiten große Masse» Volkes zu Pferd, zu Esel und zu Wagen herbei. Bald sammelte sich eine zahlreiche Wagenburg auf der einen Seile deS Zeltplatzes. Am stärksten wurde her Zufluß. als der Ertrazug, den die Eisenbahn von Tel Awiw, dem jüdischen Viertel von Jaffa, aus eingelegt hatte, in Ramleh angetomnien war und seine Insassen sich in langer Kolonne heranwälzten. Viertausend Menschen bedeckte» in unendlichem Gewimmel den Festplatz. Sehr viele Araber waren darunter, die mit unverhohlenem, schweigsamem Staunen daö fremdeBild betrachteten. Ganz ungezwungen. wenn auch meist in geschlossenen Gruppen, bcivcgten sich zahlreiche Jemeniten unter der fröhlichen Menge. Eine fleißige Kapelle lies; ihre lustigen Weisen über das Feld hin ertönen. Wir trafen Bekannte aus drin ganzen Lande wieder, begrüßten uns mit ihnen voll herzlicher gegenseitiger Freude: es war. als. ziehe die sechswöchige Fuß-. Wanderung noch einmal in wenigen Stundeil an »ns vorüber. Schon am srühcn Morgen waren die Turner aus dem Platze. Ter Mattäbivcrband von Palästina umfatzte damals 980 Turner «die »fahl ist inzwischen ständig gewachsen). Ein sehr großer Teil von ihnen war zugegen und gab dem Fest den Charakter. Es wurden Gerät- und Freiübungen vorgcführt, es gab ipannende Fußballivettkämpse, Weltläufe. Tauziehen. Die einzelncn Kolonien wetteiferten, einaiidel den Rang abzulausen, aus Tel Awiw hatte das hebräische Gymnasium seine Schüler in den Kamps gesandt. Gleich »ach der Mittagspause vereinigte ein gewaltiger Festzug die gesamte mitwirkende Mannschaft. Mit fliegenden Fahnen zogen die einzelnen Gruppen deS ZugeS wohlgeordnet durch das Dorf. Bor dem Hause des Waad (Gemeindcrat der Kolonie) hielt man an. Der Rosch hawaad (Vorsteher), Herr Eisenberg, trat auf den Balkon und hielt eine lange, mit großer Begeisterung, vielfach mit Tränen der Rührung aufgenommene Rede. So wenig Hebräisch ich verstand, so merkte ich doch, daß er das heutige Peßach mit dem Peßach von Mizrajim verglich und auf ein Peßach der Zukunft hinbeutete. Das oft wiederholte Wort Cheruth (Freiheit) war der Grundton seiner Ansprache. In diesem Augenblick war in uns allen die Wahrheit des oft gesungenen „Am JiSrael chaj - Das Volk Israel lebt" tiefstes Erlebnis. Der Zug marschierte zum Festplatz zurück, die Wettkämpfe wurden wieder ausgenommen, die Reiter absolvierten, ihre interessanten Wettrennen. Dabei beteiligte sich auch Zipporah, die Tochter eines Ansiedlers aus einer der südlichsten Kolonien, Frau eines" Schomer. Der Tag ging zur Neige. Die Siegespreise wurden auf dem Platze verteilt» manch gute Rede noch gehalten, die letzten Gläser Wein getrunken — wobei ich hervorheben muß. daß trotz deS freien Ausschanks von gutem, schwerem Wein kein Betrunkener bei diesem Volksfest zu finden war. Wir verließen den Festplatz. Der Weg führte uns an der Synagoge vorbei; da sie erleuchtet >var, traten ivir ein und fanden die Mitglieder des Talmudvereins heim Lernen, meist alte Männer, aber lauter kräftige, bäurische Gestalten. So reicht sich hier altes und neues jüdisches Leben die Hand. Abends fand jm Beth-Am, das die Masse der Zuhörer nicht fassen konnte, eist Neschef, eine musikalisch-literarische Abendunterhaltung statt. In die Töne einer Sonate von Beethoven hinein klangen von draußen ab und zu die Freudenschüsse der abfahrenden Gäste. // heißt ein im Jüdischen Verlag erschienenes Geschenk * Büchlein, dem zahlreiche Schilde» P C ß ä ch b II ch rungen und Bilder, die Ihr in dieser Nummer findet, entnommen sind. Ihr könnt es durch den Bar Uochba bestellen. 312