Bar Kochba
- Journal
- Bar Kochba
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- Heft 19-20 (April 1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 303 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2276426-2276451-2276469--728-2277289- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Türkei halten die Rabbiner an diesem Tag« lange predigten, hier verstehen sie sich nicht gut auf öffentliche Reden, und wenn sie ihren Gemeindemitgliedern etwas zu sagen haben, fetzen sie einen Kleinen Artikel auf und lesen ihn mit eintöniger Stimme vor. In diesem Jahr beginnt das peßachfest an einem Samstagabend; wir müssen das Gebet im Vuyklen verrichten, denn im ganzen Judenviertel gibt es keinen einzigen Mohammedaner, der die Lichter anzünden/ könnte; eine einzige Lampe brennt feit dem vorigen Abend und gibt nur ein ganz blasses Licht. In dem kleinen Tempel von Gayeh sind 70 Personen eng aneinander gepreßt; alle Hausierer sind heute aus den Dörfern in die Stadt zurückgekommen. Alle sitzen in ihre schwarzen Schemlas gefüllt auf dem Fußboden. Man beginnt mit dem Gebet: „huldiget dem Ewigen". Der heute funktionierende Vorbeter hat ein angenehmes Grgan; er liest eine Strophe, der Thor antwortet mit der zweiten, und so wird der ganze Psalm abwechselnd vom Vorbeter und dem aus wenigen Personen bestehenden Thor vorgetragen, plötzlich stilmmt die Gemeinde das hallelujah an, das ist ein Triumphgeschrei, ein vegeisterungsgesang, der in vollen Tönen durch den Raum schallt. Ich fühle mich nicht mehr einsam, und ich kann begreifen, wie sehr.die zum lieben Gott emporgerichteten Bitten den Mut der Unglücklichen in den Tagen großen Leids aufgerichtet haben. Es ist dunkle Nacht geworden, der Sabbath ist vorüber; nun werden die .Lampen angezündet, und der Gottesdienst wird zu Ende geführt. Ich bin beim Gberrabbiner zum Seder eingeladen und habe die Einladung unter der Bedingung angenommen, daß ich mir das Essen aus meiner Wohnung schicken lassen darf. Wir Kommen in das vollständig finstere Haus. Mein Wirt zieht seinen Talar aus, um die Lampen zurecht zu machen, und ich gehe inzwischen in die Rüche, weil ich'gern das vorbereiten der Mazzoth beobachten möchte. In einem kleinen Raum ist an der Längsseite eine Art breiten Sofas aus Ton angebracht, auf dem man große Löcher bemerkt, das sind die hiesigen Backöfen. Auf der Erde sitzt eine Frau und rührt mechanisch das in einer Terrine befindliche Wasser um; in das Wasser schüttet sie ein Maß Mehl, und während sie mit der linken Hand die Terrine festhält, knetet sie mit der rechten das Mehl und macht daraus einen Teig. Vas Wasser genügt nicht; sie nimmt mit der linken Hand Wasser, knetet mit der rechten weiter und balanciert dabei die Terrine mit großem Geschick. Fast eine Stunde lang wird der Teig so bearbeitet, bis er schließlich ganz weiß und sehr elastisch wird: während dieser Zeit wird der Backofen geheizt und verräuchert das ganze Haus. Nachdem der Teig fertig-ist, wi>d er in einzelne Teile geschnitten, die man auf eine Platte legt; die Mutter des Rabbi nimmt ein mit einem Tuch bedecktes Rissen - in der Art der von Putzmacherinnen benutzten Haubenköpfe -, breitet den Teig aus, dann versenkt sie die Hand in den Backofen, drückt den Teig gegen die erhitzte wand und zieht eine Minute später «inen weißen knusperigen, sehr appetitlichen Rüchen daraus hervor. Welcher Unterschied zwischen diesem Gebäck und den dicken, schweren und unverdaulichen Gsterbroten der Türkei! hier werden sie täglich zweimal frisch gebacken und dabei die größte Vorsicht zur Vermeidung des Thamez angewendet; es ist sehr mühsam für die Hausfrau, aber ihr Leben setzt sich nur aus Arbeit und Trübsal zusammen. Ich kehre in dar Zimmer zurück. Der Gberrabiner hat inzwischen die Lampen angezündet und seine Funktion als Schachet ausgeübt, indew er vor der Haustür einen Hammel und ein Ralb schlachtete. Jetzt ist er wieder hier; sein Bruder mit seiner Familie und einige Nachbarn sind er«