Bar Kochba
- Journal
- Bar Kochba
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11 (Dezember 1920)
- Date
- 1920-12-01
- Page
- Seite 175 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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so müßte ich Luch bitten, ins Nebenzimmer zu treten. Doch meine ich - - da ist er schon I" Auf der Schwelle.stand eine hohe Gestalt, ganz in den Mantel gehüllt, so daß man nur undeutlich ihre Umrisse erkennen konnte, „hoch zu verehrender Herr Moser Mendelssohn", begann er. „Einen Augenblick, unbekannter Freund!" unterbrach ihn Mendelssohn, „Sie wällten mir ein Geheimnis anoertrauen? Ist er unerläßlich, so schicke ich diese guten Leute fort. Aber sie sind von fernher gekommen, kennen Sie nicht und werden Sie wchl niemals im Leben Wiedersehen. . ." „Nicht nötig", entgegnete der Fremde, „im Gegenteil- Ihr kommt aus. Polen, wie ich sehe? Auch Euch geht mein Anliegen an. Euch vor andern vielleicht. Aber auch die Juden in Deutschland,- ja - die Juden in aller Welt. Lesen Sie, wertester Herr Moses, diese kurze Abhandlung, die ich Ihnen mitzubringen gewagt habe. Sie werden daraus sehen, daß das Glück Ihrer Nation mir fast mehr am Herzen liegt, als dar der . meinen. Nein Wunder! Ist sie doch des Glückes bedürftiger als jedes andere Volk - und wer weiß, ob nicht dessen würdiger? Venn warum sollte dieses Volk, das der Menschheit den größten Dienst geleistet hat, allein unter allen verurteilt sein, auf ewig zu . irren, nirgends ein Vaterland, nirgends eine Heimat? Lesen Sie" - er reichte Mendelssohn.eine schmale Rolle hin - „und- Sie werden sehen, wie mein plan, allen Juden Helsen will - und also auch diesen Ihren vesuchern." Der Gast hatte sich in einen Sessel niedergeworfen und zog den verschüchterten Knaben liebreich an sein Rnie. Mendelssohn las die Blätter, die er ihm gereicht hatte, weit über den Tisch geb.ugt, eifrig hingegeben, als wollte er sie verschlingen. Nach einer weile erhob er sich in tiefem Sinnen und trat ans Fenster. Eine weile blieb es still im Zimmer. Dann wandte sich Mendelssohn mit einem Kuck und bohrte das leuchtende Auge, in dem es wie Tränen glänzte, scharf in den Blick seines Gastes. „Groß - groß scheint mir Ihr Gedanke, weife und groß: und das Rad der Geschichte völlig umwälzend. Und - dar leugne ich nicht - er durchtönt auch mein Herz mit der Melodie, die jedem Israeliten seit seiner Kindheit vertraut ist. . ." „Und also", sprang der Fremde ein, „also erkennen sie die Möglichkeit? Fühlen Sie dar Ziel, der. vertriebenen Nation eine Heimat zu schaffen? Ein Gemeinwesen, in dem die Juden Bürger sind und nicht nur geduldete Fremdlinge? Einen Staat, in dem sie nach ihren Gesetzen leben können, ohne sich verstecken zu müssen?" „verzeihe es mir der Herr", wehrte Mendelssohn zögernd, „wenn ich durch meine Unkenntnis der politischen Verfassung der Staaten und ihrer Geschichte von diesem Plane nicht eigentlich mitreden kann, was weiß ich von der Geschichte? Ich habe bisher geglaubt, der jüdische Mensch, der kein Vaterland hat, könnt« sich von-der Ge. schichte keinen Nutzen versprechen. Auch war ich zeitlebens mit dem Hirne kühn und ängstlich mit der Hand. Gebückt habe ich hinter dem Pult gesessen, eingesperrt in eine Fabrik, weil die Intoleranz dieses duldsamen Landes mich so einengte, daß ich auf keine andere weise meinen Rindern Brot schaffen konnte. Ergehe ich mich des Abends mit meinen Rindern, so fragt mich nock jetzt die liebe Unschuld häufig: .Papa, war haben wir den Leuten getan, daß sie uns mit Steinen werfen?' Sehen Sie, all das hat meinen Mut gelähmt, wie den Mut meiner Volksgenossen. Ihr plan aber fordert Mut - Mut zur Freiheit. Und glauben Sie. daß der Druck der Jahrhunderte diesen Mut nicht bei meinem Volk getötet habe? Ach,.wir haben, so fürchte ich, von den alten Männertugenden unseres Juda Maccabi nur Mönchstugenden zurückbehalten. Unsere Stärke besteht nur noch im Beten und Leiden - nicht mehr int wirken Und dann scheint mir ein solcher plan nur zu einer Zeit ausführbar, wenn die 175