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Bar Kochba · 1920-09-01 · Heft 6 (September 1920) · p. Seite 86

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bar Kochba
Volume
2 (1920-1921)
Issue
Heft 6 (September 1920)
Date
1920-09-01
Page
Seite 86 (sequence 6)
Language
German
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wegliche Decke war vorher schon beseitigt und durch Tannenzweige ersetzt worden. (Es sah wundervoll seltsam aus. vie vielen brennenden Kerzen, die bunten Teppiche, di» hohen Rristallspiegel, die grüne Tannendecke und der nächtlich blaue Himmel, der mit seinen silbernen, funkelnden Sternen so sreundlich durch hie Zweige hereinblickte, oerliehen dem Kaum eine märchenhafte Pracht. vie Mutter, festlich gekleidet und mit kostbarem Geschmeide, saß mitten unter, ihren verheirateten und unverheirateten Töchtern, di« alle reich geschmückt waren. Dann kamen die Männer aus der Synagoge heim, und es gab das köstliche patriarchalische Familienbild der damaligen Juden an der Tafelrunde. .In ihren langen, schwarzen Atlasräcken (Kaftans), den breiten Atlasgürteln, den kostbaren, hohen Zobelmützen und ihren strahlenden jungen Gesichtern sahen sie wahrlich besstr aus als die Jugend von heute im Frack und weiM^ind^t den^blaflerten^gr-- langweilten Mienen, ver Vater erteilte uns den Legen; alle wuschen sich die Hände, beteten und nahmen ein Stück varches, das in Honig getaucht wurde. Vas Abendbrot, das mit pfefferfischen eröffnet und mit GeMüse beschlossen wurde, war beendet. viele, denen die herbstliche tlbend- . tust zu kühl wurde, verließen die Lukke: einige blieben noch plaudernd sitzen. Am daraus folgenden Morgen, am ersten Feiertag, wurde in der Synagoge ein besonders feierlicher Gottesdienst abgehalten, und es war wieder ein imposanter Anblick, als die Männer, Reihe an Reihe auf ihren Plätzen stehend, Mit dem grünen, schlanken palMzweig in der rechten und der duften-, den, goldgelben Essrogsrucht in der linken Hand, den Lobgesang Halle! sangen und dann die hakofes (Rundgang » der Rantor voran, in der Synagoge machten. vie folgenden vier Tage find dir sogenannten Thalham oedtage (Halbfeiertage», an denen zu fahren, zu handeln und zu kaufen gestattet ist,, voch machten die Juden von damals von dieser Freiheit keinen Gebrauch, und selbst sehr arme Handwerker hielten ihre Werkstätten geschlossen und gaben sich der Lust, der Ruhe und den guten Bissen hin. ' Am fünften Tage, hauschono rabbo, wird aufs neue die ganze Nacht mit dem Lesen gewisser Abschnitte aus der Mischna verbracht. Nach einer volkssage sieht man an diesem Abend den kopflosen Schatten desjenigen, dem in diesem Jahr zu sterben bestimmt ist. In dieser Nacht soll sich der Himmel teilen und öffnen, und der fromme, göttesfürchtige Jude kann'seine Pracht sehen. Nur muh man schnell „Kol tow!" (Alles Gute!) ausrufen, und jeder Wunsch geht dann in Erfüllung. In dieser Nacht bereitet auch der Schames (Synagogendiener) di« tzauschanes vor (drei kleine Weidenzweige zu einem kleinen Bündel vereinigt, die ein jeder wahrend des Hauschano-Gebetes in der Morgenandacht in der Hand hält. Dieses Hauschano-Gebet wird mit großer Andacht und unter Tränen verrichtet. Am Schlüsse werden die Blätter der weidenzweige abgeschlagen. Vas Weißbrot wird für diesen Tag in Form eines Vogels gebacken, vie volkssage erzählt, daß an diesem Tage im Himmel endgültig beschlossen wird, wer in diesem Jahre lebeN oder sterben soll, und daß dieser Vogel zum Himmel fliegt und auf einem Zettel die Bestimmung zurückbringt. Den achten Feiertag des Laubhüttenfestes nennt man „Sch'mini azeres". Am Vorabend sind alle wieder festlich geschmückt. Am nächsten Morgen beginnt der Gottesdienst in der Synagoge sehr früh. Man fleht den Himmel um Regen an in dem sogenannten „Geschein"- (Regen-) Gebet, einer gedankenreichen, phantasieoollen Dichtung. Dieses Gebet verlängert den Gottesdienst um mehr als eine Stunde und wirkt' erhebend auf die Synagogenbesucher. Sch'mini azeres speiste man zum letztenmal in der Sukke zu Mittag. Wiewohl das Wetter in den letzten Tagen veränder- 86

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