Bar Kochba
- Journal
- Bar Kochba
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- Heft 6 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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sich, oft schon empfindlich holt war (manchmal schneites sogar, und man mutzte pelze anlegen), hielt man doch aus und nahm die Mahlzeiten, auch den Tee» in der Laubhütte bis zum letzten Tag. Alt und jung, selbst wir Kinder, hielten streng die religiösen Vorschriften ein, so gut verstanden es unsere Eltern, ihre wünsche und ihren Willen im häufe aufrechtzuerhalten. Nachdem dar Gebet verrichtet wurde, das nach der letzten Mahlzeit beim Verlassen der Sukke vorgefchrieben ist, wurden die Möbel, Stück für Stück, in die Wohnung zurückgebracht, und die vor ku zem noch so herrlich geschmückte Laubhütte stand wieder leer und verlassen, ein treues vild aller Herrlichkeiten unserer Welt. — Jetzt kam der letzte Tag des Laubhüttenfestes „Simchas-Thora" (Freude über die Thora) heran, warum die Freude? Im Volke erzählte man: „Als die Juden auf dem verge Sinai von Moses die Thora erhielten, verstanden sie von ihrem Inhalt nur wenig: als sie aber die heilige Schrift ganz in sich aufgenommen hatten, fanden sie darin ihr Glück und ihre Freude." Und wahrlich, diese Thora ist ihr Stolz, ihr Volksschatz geworden für alle «Zeiten, trotz der Unterdrückung, der Verfolgungen und Demütigungen, die sie erdulden mutzten. Am Simchas-Thora reitzt diese Freude alle Schranken nieder, wozu man sonst nur selten Gelegenheit hat: man sah an diesem Tage betrunkene Juden in den Strotzen. Auch in unserem Hause ging es ziemlich bunt zu. Allerlei Getränke wurden bereitet, die besten Speisen mutzte die gute jüdische Küche herhalten.. viele Gäste wurden zu Mittag geladen, die Kinder, auch das Gesinde, erhielten volle Freiheit, und die strenge Disziplin war aufgehoben. Mein Vater sah es ebenso wie alle Gäste sür eine Mizwe (eine religiöse Handlung) an, sich bei Tisch ein Uäuschchen anzutrinken. Meine Eltern hinderten die jungen Männer nicht, wenn sie übermütig, ja ausgelassen tanzten und sangen; der Vater sang sogar munter mit. Es fehlten nur die Klänge einer Fiedel, da der Jude an den Feiertagen ein Musikinstrument nicht einmal berühren darf, Es wurden auch viele religiöse Tafellieder, die sich auf diesen frohen Tag bezogen, im Thor gesungen. Für meinen Vater hatte der Simchar-Thora- Tag noch eine besondere vedeutung. wie ich bereits erwähnt habe, war die Hauptbeschäftigung meines Vaters das Talmudstudium, das er um so eifriger betrieb, wenn er grotze Verluste in seinen Unternehmungen erlitten hatte. Er pflegte dann der Welt den Kücken zu kehren, flüchtete sich in sein Studierzimmer und lebte nur' „äl hathauro w'al hoawaudo". wie der Jude sich kurz und bündig ausdrückt, d. h. nur in der Lehre der Gesetze und im Gottesdienst, was der Hauptzweck seines Lebens wurde. So machte er von Zeit z» Zeit ein Ssium (d h. ein Werk vollenden): ein solches Ereignis wird im jüdischen Volk«' freudig gefeiert und bringt Ansehen und Ehre, besonders wenn es ein Ssium auf ganz Schatz, d i. ein vurchstudiercn des ganzen Talmuds ist, dessen Umfang und unergründliche Tiefe unsere Gelehrte» mit dem Meere vergleichen! Mein Vater pflegte seinen Ssium auf einen Simchas-Thora zu verlegen. Vas bunte Treiben an dielen. Tage dauerte bis zum Abend, beim vorabendgebet aber waren alle schon wieder ernst. Der Vater machte wieder hawdolo und jetzt hietz es S'miraus, dH fromme Lieder singen. Der grotze Samowar brodelte und dampfte bereits auf dem Tee tisch, und bis spät in die Nacht satzen die fleißigen Trinker gemütlich beisammen. Mit Simchas-Thora sind die hohen Festtage zu Ende, wenn auch schon der nächste Schabb-S vereischis vor einem gewöhnlichen Sabbat ausgezeichnet ist, da jetzt wieder der Anfang der vibel. der erste Abschnitt „vereischis" vorgclesen wird. Der nächste Tag nach Simchas-Thora heißt Issrüchag und gilt auch noch als Feiertag.