Mannheim
Compact Memory

Bar Kochba · 1920-09-01 · Heft 6 (September 1920) · p. Seite 83

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bar Kochba
Volume
2 (1920-1921)
Issue
Heft 6 (September 1920)
Date
1920-09-01
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2276426-2276451-2276457--499-2277048
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„Zehrt, meine Kinder, dieser palmzweig, der so ist, wie das Kückgrar des Menschen, diese Myrte, deren Blätter, wie die Bugen des Menschen, dieser Essrog, wie des Menschen Herz, sie alle kommen von jener heiligen Erde, aus der aller Segen in die Welt hinausströmt. Dort stehen sie noch jetzt, der Baum des Essrogs, der Stamm des Palmzweiges und der Strauch der Myrte, dort breiten sich ihre Wurzeln in der Tiefe der Erde aus und saugen ein die heiligen Tropfet), welche aus den ewigen Bächen des Paradieses sickern. Schauet, meine Lieben, der Essrog wurde abgerissen vom Baume, den palmzweig schnitt man ab vom Stamme, die Myrte ritz Man vom Strauche, die Wurzeln aber sind dortgeblieben in der heiligen Erde. Und wenn die Kinder Israels ihre Käufer verlassen und in die Hütten eintreten, erkennend, daß sie nie und nirgends eine sichere Heimstätte finden, als in der Hütte der göttlichen Dbhut, wenn sie da den Essrog ans Herz drücken, den Blick auf die Myrte werfen und den palmzweig gegen den Himmel heben, dann wächst durch die weiten Fernen hindurch die Frucht mit dem Baume wieder zusammen und der Zweig wird Eins mit dem Stamme. Und wenn die Kinder Israel so beten und aus ihrem Munde, der gleichsam das an dem festlichen palmzweige haftende Blatt der Trauerweide ist, sehnsüchtige Seufzer ausbrechen und zum Himmel steigen, da fängt oben das Laub des Weltbaumes zu rauschen an, die Vögelnester erzittern, die Lieder und das Zwitschern verstummen, ein tiefer Seufzer erfüllt das Bll, und der Greis der Zeiten wird des Erbarmens voll für seine verbannten Kinder." Der Zaddik nahm den Essrog von Neuem zur Hand, liebkoste und streichelte ihn. Und wie seine feinen dünnen Finger über die Erhöhungen der gelblich grünen Frucht glitten, war ihm als schweife seine Seele dort auf Karmels grünen Hügeln unter den heiligen Baumen, deren Früchte in >o weite Fernen entführt wurden . . .; Bus seiner liefen Träumerei erweckte ihn eine schneidend scharfe Stimme. Beb Bachmilke, der berühmte Sukkaschmücker des Zaddik, stürzte herein und schrie: „Babbi, die Jjütte ist ganz fertig, würdig, daß der Babbi sie besichtige." ,^ch gehe schon, mein Sohn", erwiderte sanft der Zaddik. Die neugierigen Gäste drängten nach vorwärts, um das Wunderwerk des Beb Bachmilke anzustaunen. Und während sie den an den Wänden angebrachten Schmuck, die farbigen Sterne, die Vavidschilder. die geschnitzten Löwen und die von der Laubdecke herabhängenden Lampions und vergoldeten Früchte bewunderten, begann die Kritik über den Essrog des Zaddiks. „Der 'Essrog ist aber schön, wie?" fragte Beb Schalem seinen Nachbar. „Gewiß, gewiß" erwiderte Beb Ehone, erging sich jedoch nicht in Lobesäußerungen, wie er es sonst zu tun pflegte. 83

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.