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Bar Kochba · 1920-08-01 · Heft 4 (August 1920) · p. Seite 61

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bar Kochba
Volume
2 (1920-1921)
Issue
Heft 4 (August 1920)
Date
1920-08-01
Page
Seite 61 (sequence 13)
Language
German
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einer Seit gesteigerter Auswanderung - kaum eine Woche verging, in der nicht ein heimatloser Jude der Gstenr durch das Städtchen kam und beim Rabbi Ausnahme verlangte und dieser infolgedessen, ringesponnen in seine Gedankenwelt, von Ereignissen und Vorgängen hören mutzte, mit denen er nichts anzufangen wutzte und die ihn der. halb schreckten. Um ganz bei der Wahrheit zu bleiben, kann leider auch nicht verschwiegen werden, datz seinen Gefühlen ein ganz Klein wenig - es war wirklich nur wenig, aber immerhin — also ein ganz klein wenig van jener Ueberhebung beigemischt war, wie sie über den schnell vergeblichen Menschen nun leider einmal leicht kommt, wenn es ihm besser geht als seinem Bruder. weshalb auch in der Thora ausdrücklich mahnend geschrieben steht: „Venn Ihr seid selber Unechte gewesen im Lande Mizrajim." Da unser Rabbi ein frommer Mann war, überwand er deshalb auch seinen Unwillen oder unterdrückte ihn wenigstens gewaltsam, stand auf, ging auf den Ankömmling zu, begrützte ihn und lud . ihn ein, Platz zu nehmen. Bald kam Rebekka und der Gast würde bestens ausgenommen. Man speiste ihn, Netz sich von ihm erzählen, er bekam ein gutes Nachtlager und konnte sich über nichts beklagen, kurz: er wurde behandelt, wie das eben für einen Juden einem Gast, noch dazu einem anderen Juden gegenüber, selbstverständlich ist. Aber ein gewisser Unwille war trotz alledem nicht aus des Rabbi Herz geschwunden. Dort schlummerte er mit Gewalt unterdrückt in einer entlegenen Falte. Als der Gast am nächsten Morgen gegangen war und auch der Rabbi sich ein Weilchen später zum Fortgehen änschickte, kroch der Unwille endlich aus der entlegenen herzenrfalte hervor und machte sich gewaltam Luft. Schon in der Tür, rief der Rabbi Rebekka noch zu: „Der nächste polnische Jude, der kommt - den Iaht du nicht mehr in die Wohnung!" Riess und klappte die Tür hörbar zu. Ueber Rebekkas Züge, die in-der Rüche stehend seine ärgerlichen Worte gehört hatte, ging ein feines und vielsagendes Lächeln. Dann machte sie sich weiter an dar Füllen der Gänse. Hälschens. Kurz vor dem Mittagessen hörte Rebekka ihren Rabbi ins Haus treten und mit dem gewohnten Singsang auf den Lippen die Treppe heraufkommen. Sofort lirtz sie die Eßbestecke, die sie gerade beim Tischdecken In der Hand hielt, mit eirrer kürzen klirrenden Bewegung auf den Tisch fallen, so datz David, der mit einem Buche bereits am Tische sah, ob dieser ungewohnten Hastigkeit seiner Mutter ganz erstaunt aufsah, ging raschen Schrittes zur Wohnungstür und lehnte sich an diese mit der ganzen Kraft ihres starken Körpers.; Jetzt war der Rabbi oben angekommen und klinkte an der Tür. Doch die Tür gab nicht nach. Marcus klinkte noch einmal, doch wieder vergeblich. Ver Rabbi kann sich das nicht erklären und klopft. Keine Antwort. Immer erstaunter wiederholt er das Klopfen, doch wieder vergeblich. Schon in Angst, was geschehen sein könnte, ruft er: ..Rebekka, Rebekka!" Da antwortet er von innen: „hier bin ich." Mit jeder Sekunde wächst sein Erstaunen. Er kann sich das Ganze nicht im Geringsten erklären. Die wohnungrlür verschloslen, seine Frau dabei zu Hause und scheinbar dicht hinter der Tür stehend. „So mach' doch auf, war ist denn los?" ruft er nun schon mehr ärgerlich als ängstlich, da er ja Rebekkas Stimme gehört hat. „Darf ich nicht", kommt es von innen trocken zurück. „War heitzt: darf ich nicht? vu wirst mich doch wohl in meine Wohnung lassen dürfen?" „Nein," antwortete. Rebekkas Stimme, die sich nun dar Lachen nicht.mehr verhalten kann, „vu hast gesagt: ver nächste polnische Jude, der kommt — den lätzt du nicht mehr in die Wohnung!" Und damit Ihr die Geschichte auch glaubt, will ich Euch zum Schlutz noch verraten, datz der Rabbi und die Rebbezin meine Urgroßeltern waren. 5«rdinand <Vt«»rtag. 61

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