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Bar Kochba · 1920-08-01 · Heft 4 (August 1920) · p. Seite 60

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bar Kochba
Volume
2 (1920-1921)
Issue
Heft 4 (August 1920)
Date
1920-08-01
Page
Seite 60 (sequence 12)
Language
German
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D er n ach st e p o l n i | ch e Jude Lin» wahr» Aejchlcht» Marcus Rosenthal, Habbi in dem kleinen Ballenstedt am harz, säß über das Schachbrett gebeugt und führte David, seinen Erstgeborenen, der mit Heißem Kopf zu dem Vater aufsah, in die Geheimnisse der Schachkunst ein. Doch hier müssen wir erst einmal einiger über unseren Rabbi Marcus einflechten. Woher er gekommen war? Nun. daher, von wo die Väter, Groß- oder.Urgroßväter so vieler Juden in Deutschland und anderswo stammen: aus'Polen. Unh wenn Ihr erst hört, daß er in Ralisch geboren ist, so wird mancher von Luch noch schnell eine Verwandtschaft mit ihm herausrechnen. Doch dazu erzähle ich das nicht. Mit 13 Jahren, bald nach der varmizwah, hatte Marcus Ralisch verlassen, war von Irschiwah') zu Jeschiwah gewandert, hatte sich ein großes talmudisches wissen erarbeitet und dann in dem kleinen Harzstädtchen Ruhe gesunden. f>icr spann sich der grüblerische Mann mit dem zierlichen, fast knabenhaften Körper und dem auffallend scharfgeschnittenen Kopf immer mehr in seine Gedankenwelt ein, in der neben dem von früh bis spät geübten „Lernen" nur noch das Schachbrett existierte. 3n Ballenstedt hatte er geheiratet. Rebekka, seine Frau, war aus einer Familie, die im Gegensatz zu der des Mannes seit vielen Generationen in' veutschland lebte, ein Stammbaum führte auf jene rheinischen Iudenfamilien zurück, die von den Mordgesellen des ersten Rreuzzuges so viel zu leiden hatten. Rebekkas Familie war stolz, in Marcus einen Thoragelehrten in die Familie zu bekommen, der auf den berühmtesten Jeschiwoth Polens und Litauens zu den Füßen der gottesfürchtigften uNd weisesten Lehrir gesessen hätte. RebeKkq war eine schöne, große.und stolze Frau. Acht Rinder entsptossen der The. Mit den Rindern kam viel Freude, aber auch viel Sorge. Rebekka hätte von morgens bis abends zü schaffen. Ruf ihren Schultern ruhte die ausschließliche Sache für Haushalt und Erziehung der Rinder. Der scharfsinnige Mann, der sich in den schwierigsten Fragen der Talmuds auskannte und ein anerkannter Meister des Schachspiels war, wurde hilflos wie ein Rind, wenn Rebekka in den praktischen Fragen des täglichen Lebens Hilfe von ihm beanspruchte. Mit der Zeit hatte die resolute Frau es sich ganz abgewähnt, ihrem Manne noch mit Rlltagsdingen zu kommen, im Gegenteil, sie bemühte sich, ihm alles fern zu halten, was ihn in seiner Gedankenarbeit stören konnte. So, nun wissen wir über Rabbi Marcus und seine Frau einigermaßen Bescheid und können die ganze Geschichte besser verstehen. Marcus und David faßen also am Schachbrett. „Schach dem König", sagte der Vater. Da klopfte es. Rergerlich über die unerwünschte Störung hob Rabbi Marcus den Kopf, schon öffnete sich die Tür und ein Mann in mittleren IahreN stand in der Schwelle. Er trug einen schäbigen Raftan, ein langer dunkler Bart und peijes umrahmten das vergrämte Gesicht und Marcus, der sich in Kleidung und Haartracht d«utschen Sitten angepaßt hatte, erkannte in dem anderen sofort den polnischen Juden. Für einen Augenblick stieg in des Rabbi Herz ein Aerger auf. Die kurz aufdämmernd« Erinnerung an erlittene Knechtschaft, äußere Niedrigkeit, Enge des Gesichtskreises, an eine Dürftigkeit, gegen welche sein, des Rabbi jetziges . doch 'gewiß bescheidene» Leben, üppig zu nennen war, all das erregte in ihm einen Unwillen, den er auf den Gast übertrug. Mochte noch hinzukommen, daß der Ankömmling ihn bei seinem geliebten Schach störte und daß seit einigen Monaten — ©ir befinden uns in 60

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