Bar Kochba
- Journal
- Bar Kochba
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- Heft 2 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 26 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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ihr da sagt? Ihr müßt doch eigentlich Klagelieder heute sprechen." „Die Klagelieder wissen wir nicht auswendig, erklärte mir Jokl wie ein würdiger haurvater, „wir können nur einige Kapitel Psalmen, und diese beten wir an allen Festen. Rber sind etwa Worte die Hauptsache? Sie bleiben so oder so - doch Worte der heiligenSprache. Die Hauptsache ist die Inbrunst. Mein seliger Vater hat mich gelehrt: alles hängt von der Inbrunst ab! wenn du willst, so bedeutet „warum toben die Völker" „Du hast uns von allen Völkern erwählt", und wenn du willst, auch „wie sitzt so einsam dieStadt". v>e jüdische Redeweise, die mir sch m säst fremd geworden war, übte einen seltsamen Einfluß auf mich aus: befand ich mich doch feit so länger Zeit zum erstenmal wieder in jüdischer Umgebung. Ich kam mir ganz klein vor dem prächtigen Jungen vor, der uns all das wie ein richtiger (belehrter aureinandersetzte. wie ein kleiner Rabbi dieser winzigen Gemeinde. Vieser Umstand trug dazu bei, meine Traurigkeit nach zu verstärken. Ich kam mir wie ein Störenfried in dieser frommen Gemeinde vor, als einer, der Schweinefleisch atz und andere schwere Verfehlungen aus dem Gewissen hatte: sicherlich -würde ich nicht wert sein, mich dieser 'Gemeinschaft anzuschlietzen. Inzwischen hatte der kleine Uuben meinen Rucksack betastet. „Kameraden! Essen!" ries er voller Entzücken über seine» Fund. Kaum halten seine Genossen das Wart „Eisen" vernommen, als sie ein freudiges Jittern überlies. Immer wenn dar Wort „Essen" siel, ging es uns so, selbst wen» wir satt waren, wir könnten uns zwar über schlechte Ernährung seitens unserer Herren nicht beklagen, meist gaben sie uns reichlich zu essen: aber da sie uns nicht zu essen gaben, wenn wir Hunger hatten, sondern wenn es ihnen gerade patzte, so hatte» wir uns daran gewöhnt, auch bei vollem Magen mit gutem Rppetit zu essen. „Iß immer, wenn Essen vor dir steht, und du wirst nicht zu hungern brauchen, wenn du nichts hast." Vas war ein geläufiger Spruch unter uns geworden. Sie begannen, in meinem Rucksack zu suchen. Mir stieg die Schamröte ins Gesicht, wenn ich daran dachte, daß in wenigen Rugenblicken, wenn sie das Schweinefleisch entdeckten, meine Schande aller Welt offenbar werden würde.' weinend berichtete ich meine . Sünde. „Ich habe unrecht getan" — begann ich stockend, - Schweinefleisch - ich habe der Versuchung nicht widerstehen können". Ich -stellte mir vor. Jokl sei mein Richter und die beiden Kleinen die Zeugen, die mich auf frischer Tat ertappt hätten. Jokl hörte mein abgebrochenes Sündenbekenntnis an. die Zeugen schwiegen, als feien sie die Rngeklagtech und ich weinte und seufzte. __„hör' einmal zu, Kleiner" — wandte sich Jokl zu mir - „ich weiß nicht? ob du auch solche Höllenqualen durchgemacht hast wie wir. hat man dich mit. Teer bestrichen und. auf das höchste Stockwerk des vadehauses gestellt, wo einen die Hitze versengt und fast erstickt? haben sie dich ausgepeitscht, wenn sie dich überraschten, wenn du „modeh'ani"*) stammeltest? haben sie dich auf spitzen Kieselsteinen stundenlang niederknien lassen, weil du nicht geküßt hast, was sie dir befahlen? Haben sie dich überrascht, wenn du dein „Rrba kanfoth" im verborgenen küßtest, und dir so viel Peitschenhiebe versetzt, wie Fäden an den Zizzitk sind? vielleicht hast du nicht all das durchgemacht — zähle die Rarben auf meiner Schulter Und rechne" die Schläge hinzu, die mir noch bevorstehen, weil mein schwacher Körper nicht alles auf einmal aushalten kann. Und trotz alledem verstrich für uns kein Tag ohne „modeh'ani". Schweinefleisch. aßen wir *) Beginn eines Gebetes.