Bar Kochba
- Journal
- Bar Kochba
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 11-12
- Date
- 1920-12-01
- Page
- Seite 175 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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wir rennen über den weihen, gefrorenen, knarrenden Schnee, zählen die ' Kupfermünzen 6es Gnkels Mojsche-Aron und können sie unmöglich zusammenzählen. Unsere Hände sind ganz steif, rot und dick geworden. Lauter große, schwere Kupfermünzen, vorsindputliche 3ehnkopekenstücke, glatte Sechser, außer Kurs geratene, grün gewordene Groschen. Es ist schwer, un- - möglich, bei dem herrschenden Frost zusammenzurechnen, wieviel Geld Onkel Mojsche-Aron uns gegeben hat. f wollt ihr wissen, wo die Hölle ist? Dann geht mit uns. 3u welcher Zeit ihr auch kommen mögt, immer herrscht im Hause des Gnkel veinus Lärm und Geschrei, und Stuben und Stiegen sind voll ungezogenen Kindern. Der eine hat den Kück des Vaters angezogen und. reitet auf dem Besen, ein anderer trinkt Milch aus der Kanne, ein dritter behütet eifersüchtig einen Heringskops in den Händen, rin vierter lutscht an einem London. Als wir ankamen, trafen wir Asrilik, den mittleren, auf Mendel, dem älteren, reitend an. während Fzojke und Abraham, die beiden jüngeren, Mendel antrieben, der eine mit dem Aermel einer wattierten Jacke, der andere mit dem Einband eines Gebetbuchs. Salomon, dessen Alter ich nicht schätzen kann, musizierte auf einem Kamm, und David, ein vierjähriger Bursche, hatte die Schuhe auf die Hände gezogen und schlug den Takt. Sender schleppte eine Katze am Nackensell. Das Tierchen streckte die 3unge heraus, schloß die Augen, reckte die Füßchen, als ob es klagen wollte: „So wird man hier behandelt! G, Oualen! Oualen!"... Esther, das ältere Mädchen, hatte den Einfall, haßke, die, jüngere Schwester, zu Kämmen und ihr einen 3opf zu flechten: aber haßke, deren krauser haar schon lange nicht mehr gekämmt .worden war, wehrte sich aus aller Kraft und brüllte mit heiserer Stimme, vier - alles stört aber Tante Ent« nicht, ruhig am Tisch zu sitzen. 3ichöri«nkaffee zu trinken und dar Haus zu bestellen. Seit frühem Morgen wird in diesem Hause unaufhörlich gegessen, die Münder schließen sich überhaupt nicht! - Tante Ente schreit, die Kinder schreien, alle schreien. - plötzlich erscheint Gnkel veinus, der aus der Synagoge kommt. Mit einemmal wird es still. „Guten Morgen, Gnkel Btinus!" brüllen wir, ich und mein Bruder Mottl. ' „was wollt ihr hier, Bengels? /wahrscheinlich kommt ihr nach Thanukkahgeld?" sagt Gnkel veinus und. gibt jedem von uns ein silbernes 3ehnkopkkenstück. Die Kinder gucken uns an, aus allen Winkeln, wie herumkrabbelnde Käfer,- sie blinzeln Uns zu und schneiden Grimassen: sie wollen uns augenscheinlich zum Lachen bringen, wir machen, daß wir wieder fortkommen,- so schnell wir können. von hier aus gehen wir zu unserer Schwester Eidel. Eidel hat von Kindheit/ an die Gewohnheit zu weinen und zu klagen. Sie weint über ihr eigenes und über fremdes. Unglück. Als sie die Braut des Scholom Seidel wurde, klagte sie noch mehr. Nicht etwa, weil der Bräutigam ihr nicht gefiel. Sie kannte ihn kaum. Aber eine Braut mutz traurig sein. Die . Aussteuer wird genäht — Eidel weint. Die Aussteuer wird abgeliefert — Eidel weint... Hochzeitsvorbereitungen werden getroffen, nu?: — Eidel weint... Am Polterabend wird getanzt, Lieder werden gesungen, — sie aber schließt sich in ihr 3immer ein und vergießt Trügen. Ich erinnere mich ihrer Hochzeit. Der Musikant Schajka spielte auf der Geige und der Lustigmacher voruch stieg auf den Tisch, legte die Hände auf den Bauch,