Mannheim
Compact Memory

Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1936-01-01 · 50.1936 · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
50.1936
Date
1936-01-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2273546-2273645--2498-2276303
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

oder „die Ämter werden kommen, die grauen Haare kommen schneller". Höchste Erbitterung erfüllte ihn gegen die Leiter der Gemeinden, „die Kezinira", die Reichen — später sind es „die Kommerzienräte" —, die für die Aufgaben des Judentums, insbesondere für die geistigen Bedürfnisse kein Verständnis besaßen, die wohl Krankenhäuser bauten, aber für die Förderung der Wissenschaft nichts übrig hatten, sich „von der aristokratischen fixen Idee leiten ließen, aus der Jugend nur Handwerker zu machen". Ks gibt für diese Ausfälle eine Skala, sie gelangen bisweilen, zumal in Zeiten äußerer Bedrängnis, zu äußerster Heftigkeit und werden dann besonders bissig gegen diejenigen, die ihm am nächsten standen, die Juden Berlins, wo „neben Finsternis bei den Wohlhabenden und Gebildeten statt Licht nur Schein herrschte", wo „es bald nur noch unwissende Leute geben werde", wo „wohl zu allerletzt in Deutschland ein vernünftiges Ge-~ meindelcben sich gestalten würde". Solche Ergüsse sind vielfach impulsiv vom Augenblick eingegeben und dürfen nicht allzu wörtlich genommen werden; die Wirklichkeit hat sie nur zu bald korrigiert. In Prag, wo er 1835 nach einer Zeit bangen Wartens eine Anstellung und wohlwollendstes Entgegenkommen fand, fühlte er sich „wie im Exil völlig verlassen"; er merkte sofort, daß er in dieser Luft nicht atmen konnte, und war, noch ehe er seine Bücher ausgepackt hatte, entschlossen, dieser Enge zu entfliehen. Er beneidete nun jeden, der in Berlin ohne Sorge leben könnte. Das konnte er freilich nicht, aber er hatte doch an dieser Erfahrung genug und war fest entschlossen, aus Berlin nie wieder fortzugehen. Obwohl die Berliner Juden ihn schon von Anfang an schwer enttäuscht hatten! Der junge Student, der aus dem kleinbürgerlichen Wolfenbüttel in die Metropole der Aufklärung übersiedelte, brachte hochgespannte Erwartungen mit, die noch gesteigert wurden, da er durch seinen Verwandten, den Gemeindeältesten R. S. Gumpertz, als Hauslehrer in das Hertzsche Haus empfohlen wurde — doch sein scharfes Beobachtungsvermögen erfaßte sofort das Mißverhältnis zwischen Vorstellung und Wirklichkeit In einem seiner ersten Berichte aus Berlin (12. November 1815) teilte er die Berliner Juden ein in „getaufte und aufgeklärte (?), die den ganzen Jörn Kippur in Jacobsohns Tempel andächtig verbrachten, wieder Juden gewordene Getaufte, Proselyten, Juden, die ärgere R'schoim als geborene Christen sind, Indifferente in beiden Religionen, ein junger Anwachs, der nicht weiß, was er ist, und wahrhaft aufgeklärte Juden, viel- 18

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.