Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 49.1932
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 70)
- Language
- German
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erklärt, daß er noch nie gehört habe, daß der Tod der zwei frühexen Gatten einen Grund für die Ablehnung der Schwagerehe abgeben könnte, und daß in der Praxis darauf nie geachtet werde. Wenn die Frau sich trotzdem weigern sollte, den Schwager zu heiraten, so hätte sie dies mit dem Verlust der Ketubba zu büßen17). Dieso Meinung setzte sich allgemein durch, besonders in Deutschland, und zwar in den Fällen, wo der Schwager unverheiratet war, wie dies ein Blick in die reiche Responsenliteratur beweist18). Aber auch in den letzten Jahrhunderten, wo die Chaliza immer mehr die Schwagerche verdrängte, kamen solche Ehen vor. Mir sind solche aus Italien um das Jahr 1572, und eine 1722 vom Rabbiner in Metz vollzogene Schwagerehe13) bekannt. Wir sehen also, daß von einer endgültigen Beseitigung der Schwagcrehe im Mittelalter und der Neuzeit nicht die Rede sein kann. Theoretisch bestellt nach dem Schulchan Aruch noch jetzt die Möglichkeit, eine Schwagerehe einzugehen, und zwar dort, wo dies zum Zweck der Erfüllung des Thoragebotes geschieht, oder wo eine Chaliza nicht möglich ist20). In der Regel ist aber die Chaliza üblich. Beides sowohl Jibbum als auch Chaliza abzulehnen, fiel niemandem unter den Rabbinen ein, so daß auch R. Gerschom es nicht nötig gehabt hätte, „durch einen Synodalerlaß trotz des Verschwindens der Schwagerehe die Chaliza aufs neue in vollem Umfange für etwaige Fälle" anzuordnen, wie fälschlich angegeben wird. Die diesbezügliche Verordnung, die übrigens nicht von R. Gerschom herrührt, bezog sich darauf, daß die Chaliza ohne Geldforderungen an die Schwägerin zu vollziehen ist21). Die Chaliza wird auch jetzt noch von allen konservativen Juden — und nicht nur von den Orthodoxen „des Ostens" — vorgenommen. Aus diesem kurzen Abriß über die Geschichte der Schwagerehe in talmudischer und nachtalmudischer Zeit ist zu ersehen, daß die Praxis mit den theoretischen Erwägungen und Annahmen in krassem Widerspruch stand. Sollte dann ähnlichen Erwägungen und Vergleichen für die altisraelitische Zeit ein größeres Maß von Wahrscheinlichkeit innewohnen? Diese Frage würde jeder nach seiner subjektiven Einstellung beantworten. Die Tatsache aber, daß diese Methode, auf die talmudische Literatur angewandt, sich als falsch erweist, der Umstand, daß die Durchforschung eines eng begrenzten Gebietes, wie es die Bibel oder ein Traktat der Mischna und des Talmuds darstellen, zu falschen Ergebnissen führt, darf von niemandem unbeachtet bleiben. 70