Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 49.1932
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 69)
- Language
- German
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Vorgänge aus der Zeit des Tempels (Menachot 103 b). Im zweiten Jahrhundert ist R. Jose zu nennen, der selbst die Frau seines Bruders nach der Vorschrift der Thora heiratete10). Im zweiten Jahrhundert begann man indessen die Chaliza vorzuziehen. Wir lesen darüber in der Mischna (Bckhorot I, 7): „Das Gebot des Jibbum (der Schwagerehe) geht dem Gebot der Chaliza vor; früher, wo man nur die Absicht hatte, das Gebot zu erfüllen. Jetzt aber, wo man nicht diese Absicht hat, haben sie (die Weisen) gesagt, daß das Gebot der Chaliza dem des Jibbum vorgehe". Doch konnte sich diese Ansicht nicht überall durchsetzen, wenigstens nicht in Babylonien. Von Rab und R. Jehuda (3. Jahrh.) wird berichtet (Jebamot 39 b), daß sie die Wahl zwischen Schwagerehe und Chaliza den Parteien anheimstellten. Aus manchen Berichten geht aber hervor, daß dem Wortlaut der Thora entsprechend die Ehe in sehr vielen Fällen vorgezogen wurde. Zur Zeit des R. Chanina (3. Jahrh.) wollte ein Mann aus Palästina nach Babylonien ziehen, um die Schwagerehe zu vollziehen11). Es kam manchmal vor, daß der jüngere Bruder dem älteren die Heirat mit der Schwägerin und die dadurch bedingte Erbschaft des Verstorbenen nicht gönnte12). In der Tat hören wir aus dem 4. Jahrh., daß man wieder den Grundsatz aufstellte, daß der Schwagerehe der Vorrang vor der Chaliza gebühre (Jeb. 39 b). In der gaonäischen Zeit setzte sich in S u r a und seiner Umgebung der Brauch fest, der Schwagerehe den Vorzug zu gebe:», während in Pumbedita die Chaliza vorherrschte. Die Folge davon war, daß z. B. in Sura eine Frau, die den Schwager nicht heiraten wollte und die Chaliza forderte, als „Rebellin" behandelt und mit dem Verlust der Ketubba bestraft wurde13). Der suranische Brauch war auch in Europa verbreitet, wie aus Gutachten zu ersehen ist14). Aber auch nach der Sitte vom Pumbedita wurde Jibbum vorgenommen, wenn das Paar dies gewünscht hatte"). Die bedeutendsten Dezisoren, wie Alfasi und Maimuni, entschieden nach der Sitte in Sura16). Dies war aber nicht nur Theorie, sondern lebendige Wirklichkeit 1 Denn Maimuni kam es nicht „allein auf eine möglichst klare und exakte Formulierung des gesamten Lehrgehalts der Mischna" an, sondern vielmehr auf ein praktisches Handbuch fürs tägliche Leben, wie er es auch in seiner Einleitung zum „Mischne Thora" betont Zum Über- .fluß sei auf ein Gutachten Maimunis hingewiesen, der in einem konkreten Fall angefragt wurde, ob eine Frau, der schon zwei Männer gestorben seien, berechtigt sei, die Schwagerehe abzulehnen. Maimuni 69