Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 49.1932
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 61)
- Language
- German
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ist auch der Gemeinde die Liebe Gottes zugewandt. Das von Gott bestimmte Schicksal der Gemeinschaft hat der Einzelne mitzutragen. In dem religiösen Geschichtsglauben des Judentums auf der einen, in dem Glauben an die individuelle Bestimmung und das ewige Leben der Einzelseele auf der anderen Seite, finden beide Momente des religiösen Bewußtseins ihren Ausdruck. Wo es zu Spannungen unter ihnen kommt, geschieht es wesentlich unter dem Einfluß fremder religiöser Motive, wie etwa der kontemplativen Religiosität, die einen Teil der jüdischen Rcligionsphilosophie erfüllt. Vergleicht man etwa die Lehre des Maimonides mit der Jehuda Halewis, so springt es in die Augen, wie in der Theorie des Maimonides das Ideal der kontemplativen Gemeinschaft von Mensch und Gott einem ausschließenden Individualismus nahe führt und für die Gemeinschaft nur noch eine abgeleitete Bedeutung übrig läßt. Aber in solchen Wendungen sind eben die fremden religiösen Motive unverkennbar, und das religiöse Bewußtsein des Maimonides selbst spricht sich in seiner Theorie kaum allseitig und erschöpfend aus. 3. Den Unterschied der Idee des Gottcsvolkcs von der einer kirchenmäßig organisierten Anstalt haben wir bereits hervorgehoben. Solange indessen das Volk Israel auf eigenem Boden lebte und sein religiöses Leben seinen Bückhalt an der staatlichen Organisation und seinen Mittelpunkt in einem Zenlralhciligtum hatte, mochte dieser Unterschied für die Wirklichkeit nicht allzu belangvoll erscheinen. Und vollends kam die religiöse Verfassung der aus dem Exil nach Palästina zurückgekehrten Gemeinde zunächst der einer Kirche recht nahe. Auch als die Zerstörung des zweiten Tempels dem Zentralkult ein Ende machte, blieb doch in dem Synhedrion eine religiöse Zentralbehörde bestehen, deren Autorität sich in gewissem Umfange auch auf die Diaspora erstreckte. In anderer Form galt etwas ähnliches auch für die religiöse Verfassung der babylonischen Juden, und die dortigen Schulhäupter wurden noch bis zum Ende des ersten nachchristlichen Jahrtausends weithin in der Diaspora als Autorität anerkannt und stellten einen letzten Rest einer religiösen Zentralinstanz dar. Aber eine einheitliche Organisation des Gcsamtjudenlums hat es seit dem Beginn der Diaspora nie gegeben. Der jerusalemische Tempel ist für die außerpalästinensischen Juden immer mehr der Idee als der Wirklichkeit nach ein Mittelpunkt gewesen, und der Zusammenhang erst mit den palästinensischen, dann mit den babylonischen Zentralbehörden blieb bei den Juden der anderen Länder immer lose genug. Es mag zunächst lediglich als die Folge äußerer Umstände erscheinen, 61