Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 49.1932
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2273546-2273643--2465-2276269- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
gion ist keine einzelne und abgesonderte Lebenssphäre, sondern umfaßt das Gemeinschaftsleben in seiner ganzen Breite, und dementsprechend gibt es keine abgesonderte Religionsgemeinschaft, sondern die Lebensgemeinschaft Israels weiß sich als solche religiös bestimmt. Wenn das auch geschichtlich an die primitive Dascinsform clor Kultur anknüpft, in der es noch keine Scheidung der Kullurgebiete gibt und in der alles höhere Leben noch im Mutterboden der Religion wurzelt, so gewinnt diese alte Lebensform doch einen grundsatzlich neuen Sinn. An die Stelle der ungeschiedenen Einheit der Religion mit den übrigen Lebensgebieten tritt deren Unterordnung unter den einheitlichen von Gott gesetzten Lebenssinn der Gemeinschaft. Der göttliche Wille setzt der Gemeinschaft ein Ziel, das sich in allen Sphären ihres Daseins zu verwirklichen hat. Die Idee der religiös bestimmten, auf das Absolute bezogenen Gesamtkultur hat hier ihren Ursprung. Dieser Sinn der jüdischen Lebensverfassung wird besonders deutlich in der Zeit der Diaspora, die trotz der Zersplitterung der jüdischen Gemeinschaft diese Ordnung, wenn auch in eingeengter Form, festhält, und in der die Religion die Kraft besitzt, ein in sich geschlossenes jüdisches Gesamtlebcn fortzupflanzen. In der Erhallung des in der Tora begründeten jüdischen Rechts wie in dem Aufbau eines ganz auf die Golleslehrc bezogenen geistigen Lebens wird die Idee des Gottcsvolkes auch in der Diaspora durchgeführt, und zwar auch da, wo sich das Judentum mit den geistigen Gehalten fremder Kulturen erfüllt und ein breit und vielseitig entwickeltes Bildtingsieben aufbaut. Wie dann der Eintritt des Judentums in die moderne Welt autonomer Kultur diese Lebenseinheit sprengt, wie sich unter diesem Einfluß das Gemeinschaftsleben des Judentums auf die religiöse Sphäre einschränkt, wie sich auf der anderen Seite das Ideal einer von der Religion gelösten jüdischen Kultur bildet, ist hier nicht weiter zu verfolgen. Das Verhältnis dieser neuen Formen und Ideale jüdischer Gemeinschart zu der alten Idee des Gottesvolkes zu untersuchen, ist hier, wo es uns um die Deutung dieser Idee selbst zu tun ist, nicht der Ort Noch ein Zug dieser Idee ist herauszuheben: ihr Verhältnis zur Geschichte. Als von Gott gestiftete Religion ist das Judentum geschichtliche Religion, seine Gemeinschaft geschichtliche Gemeinschaft. Sie ist es nicht nur der Tatsächlichkeit, sondern ihrem Bcwußtsein nach. Alle Folgezeit bezieht sich auf den göttlichen Grühdungsakt zurück und stellt sich in den Zusammenhang einer Geschichte hinein, in der jede Zeit ihren Ort hat. Die religiöse Selbstbeurteilung des 58