Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 49.1932
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 52)
- Language
- German
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Ein sehr wesentlicher Teil des „Gesetzes", der Satzungen, der Regeln und Übungen, die durch Halacha und Minhag ausgestaltet worden waren, darf in diesen Begriff der Verfassung hineingestellt werden. Wenn die jüdische Gesamtheit des Mittelalters, diese weithin erstreckte Diaspora, nicht nur die Einheit und Kontinuität des Rechts, sondern auch dio Einheit und Kontinuität der wesentlichen Lebensrichtung besaß, so ist es auf diese Verfassung zurückzuführen. In ihr war die Stetigkeit und Lebendigkeit einer Tradition daher immer und fast greifbar erfahren worden, so sehr, daß sich bisweilen in ihr allein die Tradition darstellte und hinter ihr die eigentliche Tradition, die des religiösen Grundproblems zurücktrat oder verschwand28). Als dann durch den Auszug aus dem alten Gemeindegebiet, der zugleich ein Auszug aus der alten Lebensform war, auch sie weithin ins Wanken geriet — sie hatte den alten Lebensstil geschaffen, und nun erschütterte sein Wanken sie —, mußte die alte Tradition zerrissen scheinen. Allerdings war damals auch die eigentliche, tiefe Tradition, die des Religiösen, aus der jene andere immer erst ihre lebendigste Kraft ' erhalten hatte, von dem großen Wandel der Zeit bis ins Innere hinein erfaßt worden. Die alte Frömmigkeit war Gemeindefrömmigkeit mit ihrer Gemcindcmoral gewesen, aber sie besaß fast immer ihre innige starke Verbindung zum Unendlichen und Ewigen hin und damit zu jenem Grundproblem des Judentums. In ihr verband sich beides, Gemeinde und, Jenseits; die enge Judengasse wußte sich von der Welt der Gottessphären umfangen, ihre nahe, kümmerliche Sichtbarkeit war in das unsichtbare All des Geheimnisses lüneingefügt. Das Jenseits trat in das Diesseits ein mit aller seiner Spannung. Jetzt, wo der Jude in ein neues weites Gebiet des Diesseits mit seinen großen diesseitigen Aufgaben hineingezogen war und in ihm sich die Lebensform bereiten mußte, jetzt sank hinter diesem neuen Diesseits der Jenseitsbereich mehr und mehr zurück, um oft zu entschwinden. Die Religiosität drohte sowohl in ihrem Versuche, sich die alte Form zu erhalten, wie in dem, sich eine neue zu bilden, reine Dicsseitsreligiosität zu werden. An die Stelle jener Spannung drängte sich eine Befriedigung des Fertigen, des Arrivierten, ein dogmatischer Rationalismus im Konservativen wie in der Reform.89) Hierin hat die Tradition ihre eigentliche Unterbrechung, ihren verhängnisvollsten Schaden erlitten, und hierin hat der Historismus seinen wesentlichsten Grund. Die kritische Besinnung hierauf, die sich gegenüber dem, was Grund und Recht aller Tradition im Judentum ist, Rechenschaft'ablegt, ist darum, heute zumal, der Anfang aller Theologie im Judentum. 52