Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 49.1932
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 46)
- Language
- German
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—I ^3 schaffen und damit eine gewisse Rettung gebracht wurde, aber der Preis war ein hoher; durch den Historismus mußten ihn die folgenden Generationen bezahlen. Die Geschichte begann mehr zu bedeuten als der Inhalt. Vor lauter Historie blieb oft wenig von der Religion, wenig von dem Geist, der seine Historie hatte, übrig. Das Judentum wurde ein historisches, in einem anderen Sinne, als die Manner aus dem Kreise des jungen Zunz gemeint halten, die zuerst dieses Wort vom historischen Judentum sprachen; die Wissenschaft von ihm war häufig nur eine Angelegenheit einer Forschung, aber nicht ein Anliegen, ein Problem des suchenden, dankenden Menschen. Sie war Geschichte um der Geschichte willen. Es ist bezeichnend, wie spat erst die große geistige Auseinandersetzung, die unserer alten Haggada den wesentlichsten Charakter gibt, in ihrer gedanklichen, religiösen Bedeutung, der zeitlichen wie der bleibenden, ganz erfaßt wurde; die, sehr wichtige, philologisch-historische Arbeit, die sich dem Midrasch zuwandte, ging nur zu lange an diesem seinen Inhalt vorbei oder umging ihn, und neben ihr hat er ja immer nur als Gelegenheit zum Zitat für den Bildungsbeflissenen gedient oder als refugium pigritiae für den Prediger. Es entspricht dem, wenn ebenso der großen jüdischen .Religionsphilosophie des Mittelalters erst sehr nachträglich, vornehmlich erst durch Hermann Cohen, ihre geistige Verbindung mit den Gedankenkampfen der Gegenwart gegeben wurde; lange Zeit war die, sehr wertvolle, Forschung und Geschichtschreibung, die ihr galt, an dem Problem des Wesentlichen und Bleibenden vorübergeschritten und hatte ihr eine Beziehung nur rückwärts und seitwärts, in den Einflüssen nur, die sie in ihrer Zeit erfuhr und ausübte, zuweisen wollen. Versuche, wie der Steinheims, das Judentum nicht nur historisch, und auch nicht nur unhistorisch und nicht bloß tendenzhaft, darzustellen, erfuhren das Schicksal früher Vergessenheit18). Auch der Gedanke der Entwicklung, der jetzt die alte Traditionsgewißheit ersetzen wollte, gab keine Lebendigkeit, die der ihren gleich war, und keine Einheit, die der ihren entsprach. Schon deshalb war es versagt, weil man das, was von einem als Entwickelung bezeichnet wurde, zumeist doch selbst erst hergestellt hatte oder herstellen wollte. Man nahm zu praktischen Zwecken, für die Bedürfnisse des Jahrzehnts eine Auslese aus der Tradition vor und nannte dies dann Entwicklung. Sie wurde zur Aufschrift auf das, was man bereitet hatte oder zu haben wünschte, und die historische Rechtfertigung suchte man zu geben, indem man ähnlich, wie es einst das Karäertum unternommen hatte, über vergangene Jahrhunderte hinweg an eine wirk- US