Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 49.1932
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
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unserer Identität mit dem Allbewußtsein anschaulich in uns seibor tragen und es verstehen und empfinden können wie unser eigenes Leben, indem wir es doch zugleich als ein fremdes, einer eigenen Monade angehöriges empfinden""); und schließlich die Idee vom „Aufbau", welche besagt, daß wir „aus der universalgcschichtlichcn Entwicklung die großen elementaren Grundgcwaltcn herausholen" können, so daß „Geschichte durch Geschichte überwunden wird"17). Sie ist in der Tat überwunden, dadurch eben, daß sie sich selbst aufgehoben hat. Eine Epoche des Historismus und einer durch ihn bestimmten Theologie ist damit vollendet und beendet. Einer neuen Theologie war die Bahn gebrochen. Dies ist die allgemeine Gedankenrichtung und Gedankenstimmung, von welcher her auch der Wunsch kommt, eine Theologie und nicht bloß eine Geschichte des Judentums zu besitzen. Aber er hat hier noch! seine besonderen Gründe. Im Judentum des neunzehnten Jahrhunderls; hatte eine Historisierung schon früh und entscheidend, bisweilen recht verhängnisvoll, eingesetzt. Die alte Einheitskullur, die ein Jahrtausend hindurch lebendig und wirksam gewesen war, hatte sich aufgelöst, indem sich, in oft allzu raschem Gange, die Bildung, das Recht, der Lebensstil und, durch die Aufklärungsideen, in gewissem Maße auch die Religion säkularisiert hatten. Die europäische Gesamtkultur, dieser „Europäismus", in den der Jude eintreten wollte und eintreten mußte, forderte ein wesentliches Stück seines geistigen und schließlich auch seines seelischen Wesens. Die alte Tradition, die bis dahin immer unmittelbar, in jedem Heute hatte erfahren werden können, die immer neu ins Bewußtsein eingetreten war, die mit ihrer Sukzession der Lehrer eine Einheit der Lehre, eine äußere wie eine innere, gebracht und gewährleistet hatte, riß ab; sie war durch die Revolution, die das Judentum im Auszug aus der alten Kultur damals erlebte, unterbrochen. Als dann später eine geistige Beziehung zu ihr wieder gesucht und auch gefunden war, als in der Vergangenheit die Vergangenheit des eigenen Lebens, in dem man stand, entdeckt wurde, war diese Beziehung doch wesentlich die, daß man zur Tradition eine Stellung nahm, eine Stellung praktischer oder wissenschaftlicher Art, die Stellung also dessen, der über sie hinausgelangt war. Man stand nicht mehr in ihr, sondern ihr gegenüber. An den Platz der eigentlichen Tradition trat die gelenrte^Rekonstruktion, an den Platz des geschichtlichen Zusammenhangs die Geschichtswissenschaft Es ist wahr, daß hierdurch in dem Chaos der Zeit nach der beginnenden Revolution zunächst einmal ein gewisser fester Boden gc- 45