Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 49.1932
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2273546-2273643--2449-2276253- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Theologie und Geschichte. Von Leo Baeck. Von denen, die einen Weg zu dem wesentlichen Gedankengehalt des Judentums suchen, wird oft das Verlangen und in ihm die Hoffnung ausgesprochen, durch eine Theologie des Judentums einen solchen Weg zu hesitzen. So unbestimmt und auch unklar sich dieser Wunsch zumeist darbietet, so kommt doch in ihm unverkennbar eines zum Ausdruck, das Begehren nämlich, den Historismus, der das Jahrhundert beherrschte, zu überwinden und aus dem Relativismus, den er brachte, einen Ausgang zu finden. Uns tritt hierin etwas entgegen, was sich heute nicht in jüdischem Denken allein oder in ihm auch nur m<:hr oder vornehmlich regt. Es könnte im Gegenteil scheinen, als sei dies alles hier von andersher zum mindesten beeinflußt, vor allem von einem protestantischen Schrifttum unserer Tage. Im deutschen Protestantismus ist jenes Streben und Sehnen seit längerem lebendig, und es hat dort eine neue, die „dialektische" Theologie geschaffen. Von mannigfachem her hat sie ihre Eigentümlichkeit und Kraft gewonnen: so von der calvinistischen Einsicht in das Besondere des Alten Testaments und demgemäß der Erneuerung alttestamcntlichen Denkens1), so von der Erfahrung des Undogmatischen in der Religion, von dem Erlebnis dieser letzten Unmöglichkeit, das Unaussprechbare aussprechbar zu machen, dieser Paradoxie und dieser „Dialektik" aller religiösen Aussage, so von der Krschlosscnheit sowohl für das, was jenseits aller Kausalität ist, für den religiösen Gedanken der Schöpfung, wie für das, was jenseits aller Ethik ist, für den religiösen Gedanken des Gerichts, so von dem deutlichen Verständnis für die Spannung von Gegenwart und Zukunft, von Abhängigkeit und Freiheit, für die Geltung, die im Religiösen der „Heiligkeit" Gottes und der „Heiligung" des Menschen zukommt. Und es ist nicht zu verkennen, wie vieles in dem allen vom Judentum her und zum Judentum spricht; es ist auch beachtenswert, daß sich, hier in manchem einzelne Gedanken Hermann Cohens, auch seine Terminologie2)," fortsetzen. Aber hinter allen diesen wichtigen Motiven steht bestimmend die Not des Historismus, das starke Bedürfen, von ihm frei zu werden. Auch sonst hat sich dieses selbe im Protestantismus der Gegenwart aufgezeigt, wie in der „Theozentrischen Theologie" Erich Schäders3) und der nun üblichen Gegenüberstellung der „Theologie von oben 42"