Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 49.1932
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
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Die katastrophale Verschlechterung der jüdischen Lage seit dem Weltkrieg drängte zur eingehenden Nachprüfung der einschlägigen Verhaltnisse. Fragen der Bevölkerungsbewegung, der Wanderung. dv»r Wirtschaftsänderung, der Berufsumschichtung beherrschen die Literatur. Hier stehen Probleme zur Behandlung, die der Wissenschaft des Judentums nicht unbekannt sind und nicht fern liegen, für deren Bearbeitung sie eine Menge Voraussetzungen mitbringt. Wirtschaftsgeschichte ist die große Mode, dünkt vielen eine Gewähr für den Zusammenhang von Wissenschaft und Leben, als würde nicht Wirtschaftsgeschichte bisweilen genau so trocken und lebensfern behandelt wie jede andere. Die besondere Schwierigkeit des heutigen Problems liegt in der Verknüpfung der Fragen des jüdischen Wirtschaftsschicksals mit denen der Weltpolilik und Weltwirtschaft, die ein umfassendes Sonderstudium voraussetzen und überdies sprunghaft ihr Angesicht wandeln. Hier kann die jüdisch-wissenschaftliche Forschung, auch wo sie nicht selbst Lösungen bietet, doch wegweisend Hilfe leisten. Auch wenn heute die marxistische Wirtschaflslcbre glaubt, durch einen Frontalangriff das Judentum überrennen zu können, bringt ein solcher Ansturm nichts grundsätzlich Neues, die Auseinandersetzung mit andern Weltanschauungen ist stets Aufgabe des Judentums gewesen —' freilich unter wissenschaftlichen, nicht unter politisch-agitatorischen Gesichtspunkten. Agitatorisch orientiert ist auch das brennende Interesse, dem heute die llasscnfragc begegnet, ein gut Teil davon stammt aus dem Bestreben, die Juden rassisch ein- oder besser auszuordnen. Wer über das Judentum orientiert sein will, kann heule an dieser Frage nicht vorbeigehen, aber die Wissenschaft des Judentums selbst vermag sie, wie ich schon in der Festschrift (S. 143) schrieb, nicht sachkundig zu behandeln, weil die ungeheure Menge der vorauszusetzenden anthropologischen Fachkenntnisse außerhalb ihres Gebiets liegt und langwierige Spezialstudien erfordert. Nichts wäre gefährlicher, als wenn die Wissenschaft des Judentums sich in solche Probleme verstricken wollte, die an ihrer Peripherie haften und ganz anders geartete Studien und Methoden bedingen. Wir kennen genug Bücher über jüdische Gegenstände, die, ungeachtet vorzüglicher Leistungen in dem engeren Fachgebiet, weil sie sich mit Problemen befassen, die der Verfasser nicht beherrscht, als Ganzes verfehlt sind. Welchen Einfluß hat die entschiedene Betonung der Gegenwart und ihrer Forderungen auf die der Wissenschaft des Judentums gewidmeten Institute geübt? Es gibt wenige, die völlig unberührt davon 37