Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 49.1932
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2273546-2273643--2443-2276247- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sich nur in wenigen Fällen um große Kunst von einer den unmittelbaren Zweck überragenden Bedeutung. Die kunsthistorische Betrachtung steckt hier immer noch in den Anfängen, die Forschungsarbeit schreitet nur langsam vorwärts, „noch entwickelt sich die Arbeit derer, die sich mit dem jüdischen Kunstschaffen befassen, mehr nach der Breite als nach der Tiefe hin"5). Die Wissenschaft des Judentums kann sie nur von der jüdischen Seite her fördern, indem sie allo die jüdischen Daten und Bedingungen ermittelt. Ihr unmittelbares Interesse an diesem Thema ist vorwiegend ein kulturhistorisches, die Frage nach den kulturellen Bedürfnissen unserer Vater und der Art ihrer Befriedigung. Die Wissenschaft wird aber nie vergessen, daß hier nur Bausteine und nur solche für einen Teil der Kulturgeschichte vorliegen. Mit der „jüdischen Musik" verhält es sich ganz ähnlich. Wie weit das, was Juden komponieren, spielen oder singen, „jüdische Musik" ist und .ob es überhaupt eine solche gibt, darüber gehen die Meinungen sehr auseinander. Selbst was heute von Juden in Palästina komponiert wird, verrät vorerst deutlicher den Einfluß der Heimat und des Bildungsgangs des Komponisten als die jüdische Seele. Aber es gibt hier zwei Gebiete, die von Bedeutung für das Judentum sind: die synagogale Musik und das jüdische Volkslied. So stark auch beide" aus fremden Quellen gespeist sind, so sind sie doch jüdischer geistiger und seelischer Besitz und wichtige Anreger jüdisch-kulturellen Lebens geworden. Es ist leider in der Vergangenheit wenig davon aufgezeichnet und von dem Wenigen ein großer Teil vernichtet worden; wenn heute die noch erreichbaren Dokumente gesammelt werden, wenn das Ilcbrcw Union College in Cincuinati eine große Sammlung von Erzeugnissen synagogaler Musik angelegt hat, wenn andere und insbesondere das Jüdisch-Wissenschaftliche Institut in Wilna sich darum bemühen, was an Volksliedern und volkstümlichen Überlieferungen noch auffindbar ist, zu retten, so ist das nur aufs freudigste zu begrüßen. Ebenso ist die wissenschaftliche Verarbeitung des Materials zu wünschen. Freilich setzt diese besondere musikwissenschaftliche Kenntnisse voraus, die vorläufig unter den Liebhabern der jüdischen Musik noch nicht allzu 6ehr verbreitet sind. Sichere Ergebnisse sind auch um so schwerer erreichbar, als über den Kirchen-, Volks¬ und Kunstgesang jener grundlegenden Jahrhunderte ebenfalls vorerst noch wenig Klarheit herrscht Erst wo die Wanderung von Melodien sich nachweisen läßt, steht die Wissenschaft auf festem Boden; ein reiches noch unerforschtes Material harrt hier geduldiger Kleinarbeit 56