Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 49.1932
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
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soll, sei hervorgehoben, daß er unter den Anklagen gegen die Wissenschaft des Judentums besonders scharf die unterstreicht, daß sie keine Beziehung zum fortschreitenden Leben hat, von den jüdischen Massen und der neueren literarischen Entwicklung keine Kenntnis nimmt. In diesem Punkte wenigstens stimmen wir überein, daß die Wissenschaft des Judentums ohne Beziehung zum lebendigen Judentum ihre Daseinsberechtigung verliert Klar ist, daß die lange Vergangenheit mit ihrem reichen Material auf die Gegenwart drückt; insofern ist das „Weh dir, daß du ein Enkel bist" richtig. Andererseits bildet das Erbe der Ahnen, wenn es auch erworben und nicht bloß besessen wird, einen Damm, an dem die Springflut des Aktuellen sich bricht, an dem Gegenwartsfragen von Gegen war tslcidcnschaften sich scheiden. Das Leben unserer Zeit ist in starker Bewegung, von innen und außen drängen die vielseitigen Tagesfragen mit gewaltiger Energie an, eine Reihe von Gebieten fordert in der Wissenschaft des Judentums Heimatsrecht. Echte Wissenschaft wird keinem Bereich des Lebens Beachtung versagen, ihrer Aufgabe gemäß aber einem jeden die Stelle anweisen, die ihm in der Reihe des Gesamtwissens zukommt. Die Systematik der Wissenschaften hängt nicht von Tagesströmungen ab, bestimmt ihre Rangordnung nicht nach dem Interesse des Augenblicks; in ihr hat manches Problem, das .im Leben an die vordere Stelle geraten ist, nur ein bescheidenes Plätzchen. Im jüdischen Leben der letzten Jahrzehnte hat die Presse an Bedeutung gewonnen». Soweit sie überhaupt Beachtung verdient, übernimmt sie von der allgemeinen Presse die Gesetze der Arbeit; ihre Bedeutung als Kulturfaktor, als Anregerin der öffentlichen Meinung, als Vermittlerin von Nachrichten, Unterhaltung und Bildung steht außer Frage. Ebenso klar steht es um die selbständig erscheinende schöne Literatur. Es gibt für die^Wissenschaft keine Grenze, die durch Jahreszahlen oder den Begriff der Klassizität festgelegt ist; selbstredend hat sie von der fortlaufenden Produktion Kenntnis zu nehmen, aber ebenso selbstverständlich ist es, daß sie ihr Urteil aufschiebt, bis ein gewisser Abstand von den Erscheinungen möglich ist, daß sie nicht jeden Verfasser eines Gedichts oder eines Feuilletons gleich in die Literaturgeschichte einreiht Es ist ihre Aufgabe, Volksbewegungen und Volkskräfte zu beobachten und an ihren Äußerungen zu erforschen, wie weit sie imstande sind, Gebilde von geschichtlicher Bedeutung zu erzeugen. Es sind überdies die verschiedenen Problemgruppen zu beachten: Juden und Judentum als Objekte der Dicht- M