Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 49.1932
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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Deutung auch die kritischen Köpfe des Mittelalters und der Neuzeit so sehr im Bann hielt, daß darum auch heute noch, nach all der wissenschaftlichen Arbeit der Jahrhunderle, der schlichte Wortsinn der Bibel an nicht wenigen, zuweilen für den Sinn ganzer Schriften entscheidenden Stellen erst erarbeitet werden muß. Und weil des Forschers erste Aufgabe die ist, die Meinung der biblischen Autoren selbst unverändert abzulauschen, muß er sein Ohr den Tradition gewordenen Deutungen derer verschließen, die für sich \md ihre Bedürfnisse aus der Bibel ein Mehr als deren angeblichen Ursinn erschlossen haben. Dennoch aber kann auch die kritisch-wissenschaftliche Erforschung der Bibel bei der Feststellung des eigentlichen Wortsinns der Schrift und ihres sachlichen Inhalts nicht Halt machen. Denn immer stärker und klarer tritt die Tatsache zutage, daß die biblischen Schriften nicht so, wie wir sie besitzen, jeweils von einem Autor konzipiert und niedergeschrieben wurden, sondern das Ergebnis eines komplizierten Werdegangs sind, aus dessen Geschichte allein unser überlieferter Bibelinhalt als Resultat verstanden werden kann. Und die daraus sieh ergebende Aufgabe, diesen Werdegang rückwärts zu verfolgen, bliebo selbst dann noch bestehen, wenn wir statt des durch fast zahllose Abschreiberirrtümer entstellten Bibeltextes eine fehlerfreie Fassung in der klaren Handschrift der letzten biblischen Autoren selbst besaßen. Denn die überlieferten Werke dieser biblischen Schriftsteller stellen Bearbeitungen alterer schriftlich und mündlich überlieferter Erzählungen und Dichtungen dar, die von den biblischen Autoren selbst in ihrer Weise umgestaltet, umgedichtet und dabei oft umgedeutet wurden. Der große Deutungsprozeß an der Bibel beginnt noch in und vor der Bibel selbst, und darum muß auch die Wissenschaft nach einem Ursinn des Bibelworts und seines Inhalts fragen, der innerhalb der literarischen Geschichte erst allmählich zum Sinn unserer überlieferten Bibel geworden ist. Im kleinen wie im großen zeigt sich dieser Umdeutungsprozeß bei der Neubearbeitung biblischer Stoffe. Diese Neubearbeitung kann zunächst rein redaktioneller Natur sein und sich demgemäß auf geringfügige Änderungen beschränken. So z. B. wenn innerhalb des doppelt überlieferten Psalmcs 14 53 in V. 6 hier ^jin „deine Belagerer", dort dem „Armen, Niederen" gegenübersteht, weil, wie es scheint, das ursprüngliche . (daraus verlesen: "jan ), ein selteneres Wort für den „Armen", durch das gewöhnliche ersetzt wurde. Aber schon dabei konnte der Inhalt mehr oder weniger verändert werden. Unser Hiobbuch, -von dessen literarischen Wandlungen noch später die 22