Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 48.1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
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wahre Wissen von Gott für ihn, wie für die Rationalisten des Mittelalters, Reservat des Philosophen. Die Religion des Volkes kann nicht auf die Ratio gegründet werden. Das ist vor allem auch dem Inhalt der Ualio nach unmöglich. Der Gott der Vernunft ist für Spinoza nur der Gott seines Systems, aus dem die Welt mit mathematischer Notwendigkeit hervorgehl. Dieser Gott kann nicht der Gott der Volksreligion sein, weil er finden populären Moralhegriff nicht die Grundlage ahgeben kann. Das System Spinozas kennt weder einen absoluten Unterschied von gut und böse, noch den Begriff eines absoluten sittlichen Gebotes. Aus Gott entspringt kein anderes Gesetz als das unverbrüchliche Gesetz der Natur; ein Gesetz des Sollens, dessen Befolgung oder Obortretung in unsere Hand gegeben ist, kann ihm nicht entstammen. Die Sittlichkeit ist auf dem Boden des Systems nur in der Gestalt möglich, daß sie die Verhallungsweise des Menschen bezeichnet, durch die er zu seiner höchsten Vollkommenheit gelangt. Ihre Regeln sind keine Gesetze, sondern Mittel, zu diesem Ziele zu gelangen. Als solche vermag nur der Weise sie zu verstehen, der den inneren Zusammenhang menschlichen Handelns durchschaut. Das um so mehr, weil die wahrhafte Vollkommenheit des Menschen selbst allein in der Erkenntnis liegt und, strenge gesprochen, alle sittliche Vollkommenheil nur eine Konsequenz der intellektuellen ist13). Das letzte Lebensideal Spinozas ist das der spekulativen Erkenntnis, in ihm liegt auch die wahre Tugend, die des Philosophen, beschlossen. Zu ihr hat das Volk selbstverständlich keinen Zugang; soll es von der Tugend nicht ganz ausgeschlossen sein, so muß ihm ein |>opulärer Tugendbegriff Ersatz für den philosophischen bieten. Ihrem Inhalt nach stimmen beide miteinander übercin, aber die metaphysische Begründung des Tugendideals ist dem populären Bewußtsein unzugänglich. Die in ihrem letzten Sinne nicht erfaßte Tugend kann für das Volk nichts anderes als gebotenes Gesetz sein. Der sittliche Habitus des Volkes wird damit zum Gehorsam. Daß dieser Gehorsam zur Glückseligkeit führt, kann abermals vom Volk nicht eingesehen, ja, für die Tugend des bloßen Gehorsams rational überhaupt nicht begriffen werden, das Motiv des Gehorsams also nicht in der Erkenntnis, sondern nur im Glauben liegen. Dieser populären Form der Sittlichkeit muß eine entsprechende religiöse zugeordnet sein. Die Tugend des Gehorsams verlangt zu ihrer Begründung die Vorstellung des persönlichen gesetzgebenden Gottes*1). Die von Spinoza aufgestellten Dogmen des „frommen Glaubens" sind nicht-, lt7