Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 48.1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 44)
- Language
- German
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ermöglicht werden. Spinoza bedient sich zu diesem Zwecke nicht der traditionellen Vorstellungvon einer allgemein menschlichen Uroffenbarung. Er behauptet in dem Kapitel von der Berufung Israels vielmehr, daß ebenso wie Israel auch alle anderen Völker Propheten gehabt haben, die ihnen die wahre Religion vermittelten10). Wie die wahre Religion ist auch ihre Quelle, die Prophetie, ein universales Phänomen; und es liegt nur an der Einseitigkeit unserer geschichtlichen Überlieferung, wenn wir sie auf Israel beschränkt denken. Die Bindung auch der universalen Religion an die Offenbarung wird durch den Vemunflbegriff Spinozas notwendig gemacht. Spinoza kennt keine außerhalb des Zusammenhangs der wissenschaftlichen Erkenntnis stehende rationale Einsicht und keinen Weg zur Wahrheit als den der Wissenschaft. Die wahre Gotteserkenntnis kann darum nur die des Melaphysikers sein, und eine populäre Vernunft im Sinne Mendelssohns, welche die Gotteserkenntnis der Metaphysik besitzt, ohne an ihrer wissenschaftlichen Einsicht Anteil zu haben, ist für ihn ein Widersinn. Aus dem Satze seiner Ethik (II, 47), daß der menschliche Geist eine adäquate Erkenntnis des ewigen und unendlichen Wesens Gottes hat. ergibt sich freilich, daß der wahre Begriff Gottes „allen bekannt" ist, und der theologischpolitische Traktat gründet darauf seine Lehre von dem dem menschlichen Geiste eingeschriebenen Gesetz, das er mit der allgemeinen Religion identifiziert und in theologisierender Ausdrucksweise auch als Wort Gottes bezeichnet41). Aber weder die Vernunftnoch die Religionstheorie Spinozas hat auf diesem Ausgangspunkt weiter gebaut. Spinoza will in seiner Metaphysik den dem menschlichen Geist immanenten Gottesbegriff methodisch entfalten, aber hat dabei doch dio Überzeugung, die wahre Gottesidee erst in seiner Metaphysik aufzuweisen und zur Entdeckung zu bringen. Die der Idee nach allen bekannte adäquate Gottesvorstellung ist in Wirklichkeit nur dem Metaphysiker gegeben, während die, Menge in Aberglauben und Vorurteil versunken ist12). Demgemäß ist auch das göttliche Gesetz und dio rational gefaßte universale Religion des theologisch-politischen Traktats zu interpretieren. Beide gehören nur dem Zusammenhange des philosophischen Bewußtseins an. In jedem Falle aber hat die Lehre von der Immanenz der Gotteserkenntnis im menschlichen Geiste mit der populären Vernunfterkenntnis Mendelssohns nichts gemein. Denn sie soll adäquate Erkenntnis mit der vollen Evidenz strenger Einsicht sein. Da diese adäquate Erkenntnis bei Spinoza tatsachlich nur dem Metaphysiker zukommt, bleibt das 46*