Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 48.1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
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liehen Lehre von der Übereinstimmung1 zwischen Vernunft und Offenbarung. Die religiöse Wahrheit darf nicht an die Offenbarung gebunden, sondern muß unabhängig von ihr allen Völkern und Zeiten erreichbar sein. Aber es gilt nicht als anstößig, daß sie in der Offenbarung ihre Verdeutlichung und Bekräftigung findet. Mendelssohn übernimmt die Konsequenz des radikalen Deismus, daß es keine Sonderoffenbarung der universalen Wahrheit geben kann, abor er verbindet mit ihr den Offenbanmgsglauben, indem er die Offenbarung als Gesetzesoffenbarung faßt, in der Verbindung dieser Motive steht er niemandem so nahe wie Spinoza. Auch dieser benutzt den Gedanken, daß die allgemein menschlichen Lehren der Religion allen Völkern in gleicher Weise zugänglich sein müssen, um diese Lehren aus der mosaischen Offenbarung auszuscheiden und so seine politische Interpretation des Judentums zu rechtf«rügen. Die Behauptung von dem politischen Charakter der mosaischen Gesetzgebung hat ihre notwendige Ergänzung in der Annahme, daß in sittlicher und religiöser Beziehung die Juden keinen Vorzug vor anderen Völkern besaßen, und auch Spinoza begründet diese Annahme damit, daß Gott allen Völkern in gleicher Weise geneigt ist und ihnen darum gleichmäßig die Mittel zur Glückseligkeit gewährt37). Er sucht demgemäß aus der Bibel selbst (iliob 28, 28) zu beweisen, „daß Gott dem ganzen Menschengeschlecht das Gesetz gegeben hat, Gott zu verehren und sich böser Werke zu enthalten, d. h. gut zu handeln", und er beruft sich, ebenso wie auf zahlreiche Aussprüche des Alten Testaments, auch auf die paulinische Lehre, nach der Heiden und Juden gleichmäßig unter der Sünde stehen, um die Universalitat des sittlichen Gesetzes als biblische Lehre zu erweisen38). Ihre systematische Durchführung findet diese Behauj>- tung später in der Annahme eines allgemeinen oder allgemeingültigen Glaubens, dessen Inhalt die zur Fundierung des sittlichen Gehorsams notwendigen religiösen Vorstellungen bilden, und der von den historischen und ritualen Bestandteilen des Judentums ebenso unabhängig ist wie von den dogmatischen des Christentums39). Im Unterschiede von Mendelssohn macht Spinoza allerdings zur Grundlage dieses allgemeinen Glaubens nicht die Vernunft, sondern die Offenbarung. Nach den Kapiteln des theologisch-poliüschen Traktats, die den Begriff des Glaubens entwickeln, bildet er die zentrale Lehre der Schrift, die darum das Wort Gottes ist, weil sie die wahre Religion enthält. Die Universalität dieses Religionsbegriffs muß darum auch durch eine entsprechende Erweiterung des Offenbarungsgedankens 45